Theaterkritik

Felix Krull am BE: Die Stunde der Hochstapler

„Felix Krull“ verkommt am Berliner Ensemble zur beliebigen Mischung aus Klamauk und Theater-Witzchen.

Constanze Becker gibt durchaus komisch die sehr verführungswillige Krull-Affäre auf der Bühne des BE-Ensembles.

Constanze Becker gibt durchaus komisch die sehr verführungswillige Krull-Affäre auf der Bühne des BE-Ensembles.

Foto: JR/Berliner Ensemble

Berlin. Fesch sieht er aus: Schwarzer Frack, elegant gescheiteltes Haar, verführerischer Blick. So steht er im Scheinwerferkegel. Da, wo es am hellsten ist, natürlich, da zieht es ihn hin, den Felix Krull, da, wo alle ihn bewundern können. Und das tun sie. Weil er spielt wie er spielt. Geige nämlich. Er lässt den Bogen in rasendem Tempo über die Saiten springen, verausgabt sich scheinbar bis zur Erschöpfung und flirtet nebenbei noch mit den Damen im Publikum. Das alles zur Musik von Vivaldi. Doch die kommt vom Band.

Der Teufelskerl gibt den Teufelsgeiger ohne einen einzigen echten Ton anzuschlagen. Hätte er tatsächlich gespielt, die Begeisterung des Publikums hätte kaum größer sein können als die, die er für die so offensichtliche Fake-Nummer erntet. Szenenapplaus für den Krull-Darsteller Marc Oliver Schulze, für die körperlich-rhythmische Präzision, mit der er diese Show hinlegt.

Ein mitreißender Einstieg in seine Inszenierung „Felix Krull – Stunde der Hochstapler“ am Berliner Ensemble ist Regisseur Alexander Eisenach da gelungen. Weil in diesen ersten Minuten sinnlich erfahrbar wird, dass die Kunst der Verstellung, der Täuschung, der Illusion eben auch eine Kunst ist, und zwar eine, die der anderen in ihrer betörenden Wirkung mindestens ebenbürtig sein kann. Nicht umsonst rückt auch Thomas Mann die Figur seines tollkühnen Schwindlers in seinem unvollendet gebliebenen Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ parodistisch in die Nähe des Künstlers.

Da ist der Abend aber leider schon aus dem Ruder gelaufen

Alexander Eisenach greift das auf, lässt zunächst nur auf grob verlegten Brettern auf der Vorbühne spielen, Theater im Theater also, vor leuchtend rotem Samtvorhang, der erst in der zweiten Hälfte verschwindet und den Blick freigibt auf einen riesigen fratzenhaften Clownskopf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Abend aber leider schon aus dem Ruder gelaufen. Die subtile Parodie der Anfangsszene verrutscht mehr und mehr ins Klamaukige, die Grundsituation des Romans dient zunehmend allenfalls als Schmiermittel für die immer heißer laufende Gagmaschinerie.

Als eine aufs Theater verlegte Nacherzählung der fiktiven Biografie hatte Alexander Eisenach das Ganze ohnehin nicht angestrebt, was bei nur anderthalb Stunden Spieldauer auch schier unmöglich wäre. Aber man hätte schon gerne verstanden, nach welchem Prinzip er die einzelnen Motive und Textfragmente, die zudem noch um Auszüge aus Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ausgewählt hat. Herausgekommen ist eine relativ beliebige Mischung aus Diskurs und Klamauk, die zwar irgendwie um die Themen Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung, um die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Illusion kreist, dabei aber keine Position bezieht.

Stattdessen gibt es: Maue Influencer-Gags, einen Krull, der plötzlich als Klempner ein Klo auf der BE-Bühne montiert und sich über den maroden Zustand des Hauses moniert und überhaupt sehr viele Insider-Theater-Witzchen. Wie etwa den, dass Sina Martens mit dem Versuch scheitert, Squash gegen sich selbst zu spielen, weil die Vierte Wand fehlt. Im Brecht-Theater. Und zwischendurch sprechen sie plötzlich alle auch noch so wie einst Louis de Funès: Nein! Doch! Ooh! Bei so viel Quatsch geht die eigentlich im Stoff vorausgesetzte Bereitwilligkeit, sich verführen lassen zu wollen, dann doch sehr schnell flöten.

Immerhin gibt es, neben dem bereits erwähnten Marc Oliver Schulze, ein paar darstellerische Highlights. Jonathan Kempf zum Beispiel, ganz frisch ins Ensemble engagiert, erfreut mit einem herrlich berlinernden, kommentierenden Proleten. Constanze Becker gibt durchaus komisch die sehr verführungswillige Krull-Affäre. Bei Martin Rentzsch als Hotel- bzw. Theaterdirektor klingt bisweilen sogar Politisches an, was sich in dem ganzen Trubel aber schnell verliert.

Kein glücklicher Start in die neue Spielzeit

Im Dezember soll laut BE-Spielplan, noch eine eigene, selbst verfasste Stückentwicklung von Alexander Eisenach zum Thema Hochstapelei folgen. Im besten Fall war das, was hier zu sehen war, also nur das noch reichlich diffuse Vorspiel dazu. Ausgerechnet damit in die neue Spielzeit zu starten, war keine ganz glückliche Entscheidung.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentelefon: 284 08 155. Nächste Termine: 23.8., 28.8. und 3.9., jeweils um 19.30 Uhr.