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Neue Show im Wintergarten lässt Woodstock auferstehen

Die „Woodstock Variety Show“ lässt die Hippie-Bewegung optisch und akustisch auferstehen. Die Artistik gerät fast zur Nebensache.

Die Woodstock Variety Show bietet atemberaubende Artistik und mitreißende Musik.

Die Woodstock Variety Show bietet atemberaubende Artistik und mitreißende Musik.

Foto: RJ-Muna / Varieté Wintergarten

Sänger und Tänzer mit Blumenkränzen, in Hotpants und Schlaghosen entführen mit dem Song „I Want to Take You Higher“ zurück in jene Ära, mit der man Woodstock verbindet. Bekanntlich performten Sly & The Family Stone ihren Funk-Rock-Kracher auf dem legendärsten aller Festivals. Damals wie heute sorgt der Song in erster Linie für gute Laune. Den Geist von Love, Peace und Happiness atmet er zwar nicht, als Einstieg in einen etwas anderen Varieté-Abend ist er indes gut gewählt.

Optisch und akustisch lässt die „Woodstock Variety Show“ die Hippie-Bewegung der 1960er-Jahr im bunten Retro-Stil auferstehen. Die Show, die nun im Wintergarten genau 50 Jahre nach dem ersten Festival-Tag Premiere feierte, will aber noch mehr. Nämlich die Verbindung von Artistik und Musik im Woodstock-Spirit gestern und heute.

Regisseur Frank Müller hat sich da eine ambitionierte inszenatorische Aufgabe gestellt, an der man eigentlich nur scheitern kann. Dennoch ist die Show sehens- und vor allem hörenswert. Schließlich stehen großartige Musiker und Akrobaten auf der Bühne. Es dauert allerdings etwas bis zur ersten Artistik, die fast zur Nebensache gerät angesichts der zahlreichen Festivalhits. Etwa von Janis Joplin, Joe Cocker, Melanie und Crosby, Still, Nash & Young.

Starke Songs schaffen Augenblicke großer Wucht

Wenn Gitarrist Jan Stolterfoht geniale Soli wie weiland Jimi Hendrix oder Carlos Santana spielt, nimmt der Rockfan die Akrobatik zuweilen nur noch am Rande wahr. Die grandiosen Musiker und die starken Songs, die sich ins Gedächtnis von Generationen gebrannt haben, sind Fluch und Segen zugleich. Sie schaffen Augenblicke von großer Wucht. Wie „Behind Blue Eyes“ von The Who. Hier performt von Crsto, unterlegt mit Original-Bilder von Bombardements im Vietnam-Krieg.

Dagegen anzukommen ist schwer. Der Geist von Woodstock, immerhin musikalischer Höhepunkt und das Ende der Hippie-Bewegung zugleich, schwingt aber auch in der Akrobatik mit. Wenngleich die Rebellion gegen verkrustete Strukturen eher durch die Hintertür kommt.

Akrobatengesetze werden auf den Kopf gestellt

Vor allem mit der fabelhaften Valérie Inertie. In Fransenweste, Bustier und Cowboystiefeln rockt sie die Bühne am Cyr Wheel. Jenem mannshohen Reifen also, der sonst eine echte Männerdomäne ist. Sexy und selbstbewusst hält Inertie mit eleganter Hochgeschwindigkeit dagegen.

Auch Diego Garcia und Elena Vives stellen gültige Akrobatengesetze auf den Kopf. Beim Quickchange, dem sekundenschnellen Kleidungswechsel, ist noch alles beim Alten. Doch in der Luft an den Strapaten übernimmt sie zum Teil die Führung, hält ihn und sein Gewicht bei den Flugfiguren.

Der charismatische Gitarrist und Sänger Max Buskohl sowie der fantastische Pianist Jez Green steuern mit Tim-Hardin-Songs den elegischen Soundtrack bei. In solchen Momenten gelingt die Transformation von Musik in Akrobatik und die Woodstock-Hommage ist perfekt.

Wintergarten Berlin, Potsdamer Str. 96, Tiergarten, Tel. 58 84 33, bis 27.10., Mi.-Sbd. 20 Uhr, So. 18 Uhr, Tickets ab 30 Euro