Literatur:

Brigitte Kronauers Vermächtnis: Ihr letzter Roman

Die Autorin Brigitte Kronauer, die im Juli starb, hinterlässt mit „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ noch einen letzten, großen Roman

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist mit 78 Jahren nach langer Krankheit  gestorben.

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist mit 78 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die große Zeit der bürgerlichen Literatur ist vorbei. Man findet sie noch in Schrumpfformen, im Konservatismus von Martin Mosebach, in den Sprachklingeleien von Simon Strauß, im nationalen Raunen von Uwe Tellkamp. Im Grunde ist die Kunst des formalisierten Zwischentons aber verschwunden. Und Ende Juli starb auch noch Brigitte Kronauer, 78-jährig nach langer, schwerer Krankheit.

Aber wenigstens hinterlässt sie ein letztes Buch, „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“, von der Autorin nicht schnöde als „Roman“ sondern als „Romangeschichten“ bezeichnet, was einen kleinen Hinweis darauf gibt, wie vertrackt diese Autorin vorgeht.

Eine gefeierte Autorin zu Gast

Und wie sie sich selbst hinterfragt – so etwas Kluges, Verschrobenes, sich selbst Kleinmachendes und gleichzeitig die Hoffnung auf Größeres Weckendes wie „Romangeschichten“ wird es in Zukunft jedenfalls nicht mehr geben. Kronauer beschreibt, wie eine Autorin sich in einem Landhaus zur Zwischenmiete einnistet. Die eigentlichen Bewohner sind in Mittelamerika.

Und weil die Protagonistin zwar eine gefeierte Schriftstellerin ist, allerdings immer wieder wegen ihrer Probleme kritisiert wird, einen ordentlichen Plot zu basteln, hofft sie, dass die Einsamkeit irgendwo zwischen Berlin und Polen ihr helfen könnte, diese Probleme in den Griff zu bekommen.

Autobiographisches liegt auf der Hand

Es liegt nahe, in dieser Schriftstellerin Brigitte Kronauer selbst zu entdecken, und wahrscheinlich ist diese Gleichsetzung falsch, eine falsche Fährte in diesem an falschen Fährten so reichen Buch, obwohl, auch Kronauer wurde immer wieder eine gewisse Plotschwäche vorgeworfen… Jedenfalls: Aus der Konzentrationsphase wird nichts. Schon nach wenigen Tagen sind die Hausbesitzer zurück, und die Schriftstellerin steht auf der Straße.

Erst zehn Seiten sind an dieser Stelle vorbei, und weil die Protagonistin es von diesem Punkt an schicksalsergeben aufgibt, einen Plot zu entwickeln, gibt auch „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ auf. Und zeichnet lieber auf den ­folgenden fast 600 Seiten ein Bestiarium der Menschheit.

Hier beobachtet sie die ­Kulturbetriebskassandra, der unmerklich die Souveränität entgleitet, dort einen öligen Charmeur, der seine Umgebung für nichts und wieder nichts zu bezirzen weiß, drüben die Liebes­bereite, die sich einem schönen Römer hingeben will und erst merkt, dass der junge Mann ein Taschendieb ist, als er sich mit ihrer Handtasche auf eine Vespa schwingt. Traurig, böse, überbordend. Manche der Beschriebenen tauchen später noch einmal auf und verschwinden bald wieder, andere wiederum sind endgültig weg.

Die Autorin schont sich nicht

Denunziert Brigitte Kronauer ihre Figuren? Natürlich. Aber sich selbst schont sie dabei auch nicht – alle Geschichten sind aus einer distanzierten Beobachterposition geschrieben, doch diese Position ist ein zweischneidiges Schwert.

Der geistig behinderte Nachbarssohn, dessen Zuneigung zunächst desinteressiert und dann als bedrohlich wahrgenommen wird, ist ebenso ein Opfer dieser Distanz wie der in Geldnöte geratene Schwager, dessen hilfloses Strampeln zunehmend nervt. Die Beo­bachterin wird schuldig, obwohl sie eigentlich nichts macht.

„Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ ist geschrieben im Bewusstsein, dass die Autorinnenposition zwar eine geschützte ist, aber keine, die nie Gefahr läuft, schuldig zu werden. Die Schuldverstrickung dieses Schreibens zeigt sich in kleinen Irritationen.

Kronauer kann Situationen gut beschreiben, aber sie beschreibt manchmal zu gut, hier ein wohlklingendes Adjektiv zu viel, dort ein Relativsatz, der zwar süffig funktioniert, aber im Grunde unnötig ist. Und schon ist sie selbst eine dieser Figuren, die versuchen, die Form zu wahren und dabei selbst in den Fallstricken des Formalismus gefangen sind.

Was wird Brigitte Kronauer der Literatur fehlen

Und genau in diesem Wissen über die eigene Gefährdung erweist sich „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ als große Literatur, als vielleicht letztes echtes, großes Werk der deutschsprachigen bürgerlichen Literatur, einer Literatur, die immer auch Literatur des Scheiterns ist.

Diese Literatur weiß, wie das deutsche Bürgertum scheiterte angesichts der gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, da kann dieses Buch gar nicht anders, als am Plot zu scheitern. „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ ist so ein Text, in dessen tadel­loses Formbewusstsein die Erkenntnis eingeschrieben ist, dass diese Form, diese Beherrschung der Sprache im Zweifel nicht das ist, worauf es ankommt. Gott, was wird Brigitte Kronauer der Literatur fehlen.