Star-Interview

Julianne Moore: „Es ist wichtig, Nein zu sagen“

Filmstar Julianne Moore über ihren neuen Film, Alters-Sex im Kino, den Umbruch in Hollywood – und die Folgen der #MeToo-Debatte.

Wo sie auftritt, da entsteht immer Rummel: Julianne Moore, hier beim Filmfestival in Cannes

Wo sie auftritt, da entsteht immer Rummel: Julianne Moore, hier beim Filmfestival in Cannes

Foto: picture alliance/dpa

Auf der Berlinale vor sechs Jahren gab es wohl niemanden, der aus Sebastián Lelios „Gloria“ nicht mit einem Lächeln und dem Ohrwurm „Gloria“ aus dem Kino kam. Der chilenische Regisseur hat seinem eigenen Film jetzt ein US-Remake verpasst. Mit der bezaubernden Julianne Moore in der Hauptrolle der Gloria, einer Mittfünfzigerin, die sich nach ihrer Scheidung noch einmal mitten ins Leben wirft. Julianne Moore schafft es mit ihrer zerbrechlichen Darstellung der Filmfigur neues, anderes Leben einzuhauchen als das chilenische Vorbild Paulina Garcia. Zum Interview in London kommt sie bestens gelaunt und pfeifend ins Hotelzimmer und lüftet erstmal durch.

Berliner Morgenpost: Um direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Ist die Sexualität von Frauen über 50 in Hollywood ein Tabu?

Julianne Moore: In Hollywood ja, für mich persönlich nicht. Allerdings hat das Fehlen von Sex im Kino mit jedem Alter zu tun.

Warum?

Ich habe keine Ahnung – aber ich bedauere es zutiefst. Denn darum geht es im Kino doch oft. Um die großen Gefühle. Und da gehört Sex für mich eigentlich dazu. Aber immer, wenn es um die Liebe geht, steht im Kino ein Paar im Vordergrund. Oder gleich eine ganze Familie.

Bei Gloria ist das zum Glück anders.

Ja, und das ist ein tolles Geschenk. Wir haben uns hier viel Mühe gegeben nah an der Wahrheit zu bleiben, an der Lebensrealität einer mittelalten Frau mit Falten. Oder besser gesagt nah an der Wahrhaftigkeit. Wir wollten nicht nur real sein, sondern in erster Linie menschlich.

Ist es das, was Sie in ihren Rollen suchen? Wahrhaftigkeit?

Ja, irgendwie schon. Selbst wenn es etwas Theatrales hat. Aber meine Figuren brauchen immer etwas, was ich selbst glauben kann. Wenn ich schon meiner Figur nicht glaube, wie soll der Zuschauer das dann schaffen? Wenn der nicht mitkommt, hat der Film nichts Nachhaltiges.

Was hat Sie am Original-Film so begeistert, dass Sie sich auf ein Remake eingelassen haben?

Es ist wohl die Art und Weise, wie Regisseur Sebastián Lelio auf die Welt blickt. Er verurteilt seine Figuren nicht. Den neuen Freund von Gloria zum Beispiel, gespielt von John Turturro: Ich will, dass Gloria endlich Glück in der Liebe hat. Aber er ist einfach nicht bereit dazu, sich von seiner Familie zu trennen. Das heißt aber nicht, dass er es nicht versucht. Und wie Sebastián Lelio diesen Mann beobachtet, ist sehr zärtlich. Er hat zu seinen Figuren einen sehr empathischen Zugang. Und großartigen Humor. Er ist nie schonungslos. Das Original trifft genau den Ton, den ich sehen will, wenn ich selbst ins Kino gehe.

Immerhin dürfen Sie ihn als Gloria mit einem Paint-Gun-Maschinengewehr niedermähen.

Glauben Sie mir, das war ein großer Spaß. Nicht nur beim Drehen. Auch im Film funktioniert dieser Moment für mich ganz wunderbar. Denn er kommt so unerwartet. Sie verletzt ja niemanden, aber trotzdem schockiert der Moment. Für sie ist es ein Ventil, ihrer Wut Luft zu machen. Und gleichzeitig ist er urkomisch. Weil wir als Zuschauer uns so sehr mit ihr identifizieren, fühlt es sich auch für uns an wie unser kleiner Sieg.

Ich hoffe, Sie haben so etwas im echten Leben noch nie machen müssen. Was haben Sie mit Gloria gemeinsam?

Wir sind beide Frauen im gleichen Alter, haben beide zwei Kinder, wir kümmern uns um unsere Freunde. Ich finde es bewundernswert wie offen sie ist, wie sehr sie sich um ihre Umwelt sorgt, ohne auf sich selbst zu achten. Dadurch wird sie angreifbar und verletzlich.

Kennen Sie das von sich selbst?

Ich glaube, dass ich mehr auf mich achte. Ich könnte da fast noch etwas von ihr lernen. Denn sie scheut keinen Konflikt. Sie ist nicht aggressiv, aber sie stellt sich ihren Ängsten. Eine Fähigkeit, die ich gerne hätte.

Haben Sie etwas von ihr gelernt?

Oh ja, eine Menge. Von ihrer Impulsivität hätte ich mir gerne eine Scheibe abgeschnitten. Sie ist furchtlos. Ich dachte oft schon beim Lesen des Drehbuchs – O nein, tu das nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie beschützen muss. Aber das ist natürlich Quatsch. Weil sie, so ist wie sie ist, sehr präsent ist.

Müssen Sie sich in Ihre Rollen verlieben, um sie spielen zu können?

Nein. Ich muss sie nur verstehen. Ich muss sie noch nicht mal zwangsläufig mögen. Ich habe schon viele Charaktere gespielt, die ich selbst nicht mochte. Ich muss nur irgendwie nachvollziehen können, warum sie so handeln, wie sie es tun. Das hat nichts mit Liebe zu tun.

Ist „Gloria“ ein feministischer Film?

Für mich ist die Definition von Feminismus ganz klar: eine Frau oder ein Mann, die an Gleichberechtigung glauben. Sozial und wirtschaftlich. Insofern ist „Gloria“ ein feministischer Film. Weil es eben auch ein humanistischer Film ist. Ein Film über Gleichheit für Alle.

Es gibt den Glauben, dass Schauspielen perfektes Lügen ist. Dabei wirken sie immer so ehrlich in ihrem Spiel. Wie passt das zusammen?

Schauspielen ist nicht Lügen. Schauspielen ist Vortäuschen. Und zwischen Vortäuschen und Lügen ist für mich ein großer Unterschied. Beim Lügen geht es darum, nicht die Wahrheit zu erzählen. Vortäuschen ist, sich etwas vorzustellen, dass etwas passiert und dann so zu tun als ob.

Wann haben Sie gemerkt, dass sie gut im Vortäuschen sind?

Ich habe es selbst nie für möglich gehalten, dass ich eines Tages Schauspielerin werde. Ich habe immer schon gern gelesen, kam also über den Umweg der Literatur-Liebe zur Schauspielerei, erst an die Schauspielschule, dann ans Theater und zum Fernsehen. Ich hatte nie einen vorbestimmten Weg.

Würden Sie zustimmen, dass Sie hier eine neue Seite von sich zeigen?

Das versuche ich eigentlich immer. Denn jede Figur, die ich spiele ist anders.

„Das Leben zieht einfach so an einem vorbei“ ist eine Weisheit, die Ihre Figur Gloria im Film sagt. Wie halten Sie das Leben fest?

Das ist hart. Nicht nur für mich. Ich versuche einfach präsent zu sein, meiner Umwelt zu zeigen, dass ich da bin. Ich habe neulich online die „New York Times“ gelesen und festgestellt, dass selbst dort die Überschriften sehr nach Clickbait klingen. Alle provozierend und wütend. Ich bin fast darauf reingefallen. Aber ich wusste, dass sie mich nur ködern wollen, um Clicks zu sammeln. Es braucht viel Selbstbeherrschung, nicht alles zu nah an sich herankommen zulassen. Ich lese mittlerweile sogar wieder lieber analog, habe ein richtiges Buch in der Hand und nicht ein Tablet. Ich versuche mich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

Wenn sie lieber analog als digital lesen – sind sie so kulturpessimistisch und würden sagen, Netflix sei das Ende von Hollywood?

Ich würde Netflix dafür nicht allein verantwortlich machen. Die Welt und auch Hollywood hat sich allein schon durch das Internet verändert. Wir erleben einfach eine Welt im Umbruch. Ich habe 2002 meine allererste Email geschrieben. Das ist noch gar nicht so lange her, aber ich war auch eine Spätzünderin. Und habe das Prinzip nicht verstanden. Mein Mann musste mir wirklich erst mal den Unterschied einer Email und einer SMS erklären. Um aber auf Netflix zurückzukommen: Wir haben miterlebt, wie das Fernsehen Hollywood beeinflusst hat, wir haben miterlebt wie die Musikindustrie von Streamingdiensten aufgemischt wurde, dann kam das Bezahlfernsehen und jetzt Streaming. Alles ist eben im Fluss.

Hollywood befindet sich nicht nur wegen des wachsenden Streamingangebots im Umbruch, sondern auch durch die #MeToo-Debatte. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Das ist eine gute, nein eine sehr gute Sache.

Passiert denn wirklich etwas?

Oh ja. Nicht nur in Hollywood. Sondern in der ganzen Welt. Am Set nehme ich wahr, dass die Leute viel respektvoller miteinander umgehen. Es gibt kaum noch raue Umgangssprache oder körperliche Übergriffe. Ich glaube, Frauen haben viel hingenommen und Dinge über sich ergehen lassen. Haben es abgetan, dass es halt immer schon so war. Jetzt gibt es ein Bewusstsein dafür. Sie haben den Mut, Nein zu sagen. Das ist gut. Und wichtig.