Klassische Musik

Von Vogelstimmen und Wäschekörben

Der französische Pianist Pierre-Laurant Aimard tritt mit drei Konzerten beim Musikfest Berlin auf. Sein Programm ist originell.

Unaufgeräumt und originell: Der 62-jährige Pierre-Laurent Aimard in seiner Berliner Wohnung.

Unaufgeräumt und originell: Der 62-jährige Pierre-Laurent Aimard in seiner Berliner Wohnung.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service

In der kleinen Gruppe weltweit konzertierender Spitzenpianisten existieren nur wenige Künstler, die sich seit ihrer Jugend so intensiv mit den Werken der Moderne beschäftigt haben wie Pierre-Laurent Aimard.

Der 62-jährige Franzose und Wahlberliner gehört zu den Gründungsmitgliedern des Pariser Ensemble Intercontemporain, einem der führenden Ensembles für zeitgenössische Musik, das 1976 vom Komponisten Pierre Boulez ins Leben gerufen wurde.

Aimard gibt nur selten Konzerte, in denen nicht wenigstens ein Stück von Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez oder Olivier Messiaen erklingt. Der sympathisch unprätentiöse Künstler hat kein Problem damit, hochkomplexe Etüden vom Neutöner György Ligeti im Gesprächskonzert zu erklären und zu spielen und am nächsten Abend ein Mozart-Konzert vom Klavier aus zu dirigieren und zu spielen.

Modernes steht neben Beethoven und Schubert

Mittlerweile ist es schon zur Tradition geworden, dass sich Aimard beim Musikfest Berlin mit zeitgenössischen Werken präsentiert. Letztes Jahr brachte er unter anderem die frühen Klavierstücke von Stockhausen zur Aufführung.

Dieses Jahr ist er mit drei Konzerten beim Musikfest vertreten, in denen sowohl Modernes wie auch Werke von Beethoven und Schubert auf dem Programm stehen; dabei wird an einem Abend neben Soloklaviermusik auch ein Vokalwerk für Sopran und Klavier erklingen.

Auftakt mit Olivier Messiaen

Für sein erstes Solorecital hat er sich eines der originellsten Klavierwerke des 20. Jahrhunderts ausgesucht: Olivier Messiaens „Catalogue d’oiseaux (30. August, Philharmonie, 21 Uhr, ab 12 Euro). Von Beginn an spielt der Vogelgesang im Schaffen von Messiaen eine zentrale Rolle, denn Vogelrufe bilden die Grundlage für viele seiner Stücke.

Seit Anfang der 20er-Jahre fuhr der Komponist regelmäßig im Frühjahr mit Bleistiften, Notenpapier, Zeichenblock und einem riesigen Feldstecher bewaffnet durch Frankreich, um Vogelstimmen aufzuschreiben. Im “Catalogue d’oiseaux“, entstanden in den Jahren 1956-1958, hat Messiaen 13 dieser Vogelgesänge dokumentiert: von den Rufen der Blaumerle bis zum Schreien der Silbermöwe und vom Kläffen der Eule bis zu den scheppernden Lauten des Wachtelkönigs.

In jedem Stück porträtierte Messiaen einen bestimmten Vogel; wenn jedoch ein anderer Vogel auf den Gesang antwortete, so bezog er dies in das Stück mit ein. Pierre-Laurent Aimard ist von diesem Werk fasziniert, er hat es oft im Konzert gespielt und auch für das niederländische Label Pentatone auf CD eingespielt.

Er ist überzeugt: „Bestimmte Vogelgesänge sind sowohl rhythmisch als auch melodisch viel fantasievoller als manche klassischen Kompositionen.“ Danach gefragt, weshalb das Stück nach wie vor nur selten aufgeführt wird, antwortet Aimard, dass man dafür eine spezielle, sehr offene, Haltung als Hörer mitbringen müsse, da viele Klänge und die Pausen sehr überraschend und ungewöhnlich auf viele Konzertbesucher wirken würden.

Einer der kompromisslosesten deutschen Avantgardisten

In den anderen beiden Konzerten wird Aimard je eine Sonate von Beethoven und Schubert mit einem Werk des Komponisten Helmut Lachenmann kombinieren. Der aus Stuttgart stammende Tonschöpfer studierte bei Luigi Nono in Italien und gilt als einer der kompromisslosesten Avantgardisten unter den deutschen Komponisten.

Lachenmann bemüht sich darum, Klänge und Tonfolgen, die man bereits aus älterer Musik kennt, möglichst zu vermeiden und ist stets auf der Suche nach bisher Unerhörtem; dabei spielen auch Geräusche aller Art eine große Rolle.

Aimard hat sich in den letzten Jahren intensiv mit seiner Musik beschäftigt und plante, sowohl das Soloklavierstück „Serynade“ (6. September, Kammermusiksaal, 20 Uhr, ab 10 Euro) als auch das Werk für hohen Sopran und Klavier „Got Lost“ (12. September, Kammermusiksaal, 20 Uhr, ab 10 Euro) in Berlin aufzuführen. Da beide Stücke sehr lang und komplex sind, hielt er es nicht für sinnvoll, sie in einem Konzert zu spielen, weshalb er sie nun in Kombination mit einer Beethoven beziehungsweise einer Schubert-Sonate aufführen wird.

Eine japanische Sopranistin als Vokalpartnerin

„Die Idee war“, so Aimard, „diese beiden umfangreichen Stücke mit einem Werk des traditionellen Repertoires zu konfrontieren, das ebenfalls groß dimensioniert ist. „Serynade“ ist ein großformatiges Werk, und ich dachte, dass es sich gut in einer Kombination mit Beethovens „Hammerklaviersonate“ machen würde, das ebenfalls sehr groß angelegt ist.“

Für Lachenmanns Vokalwerk „Got Lost“ bot sich dann Schuberts weitgespannte G-Dur-Sonate an. Schuberts Musik ist für Lachenmann von zentraler Bedeutung, so basiert sein erstes Klavierwerk aus dem Jahr 1956 auf einem Schubert-Thema, und als Pianist beschäftigte sich Lachenmann immer wieder mit den Klaviersonaten des Frühromantikers.

„Got Lost“ stellt Lachenmanns einzige Komposition für die traditionelle Besetzung „Singstimme und Klavier“ dar, dem Stück liegen drei sehr heterogene „gott-lose“ Texte zugrunde: vier gereimte Zeilen von Friedrich Nietzsche, Fernando Pessoas Gedicht „Todas as cartas de amor são ridículas“ (Alle Liebesbriefe sind lächerlich) – und eine lapidare englischsprachige Notiz.

Sie beklagt den Verlust eines Wäschekorbs, was dem Werk eigentlich seinen Namen gibt. Wir dürfen gespannt sein, wie Pierre-Laurent Aimard und seine Vokalpartnerin, die japanische Sopranistin Yuko Kakuta, diese Musik interpretieren werden.