Traditionschor

Leidenschaft fürs Liedgut

Der Erksche Gemischte Chor 1852 e.V. ist eine der ältesten Singgemeinschaften in Berlin und immer noch beliebt. Besuch bei einer Probe.

Sergej Glanze/ Funke Foto Service/Erscher gemischter Chor bei der Probe im Albrecht Dürrer Gymnasium

Sergej Glanze/ Funke Foto Service/Erscher gemischter Chor bei der Probe im Albrecht Dürrer Gymnasium

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

„Bald prangt, den Morgen zu verkünden“, schallt es aus der Aula des Neuköllner Albrecht-Dürer-Gymnasiums. Mozarts „Zauberflöte“ klingt aus mehr als vierzig Kehlen. Die Chorsänger haben sich um den Flügel geschart, an dem der Chorleiter Volker Groeling sitzt. Mitten im Hochsommer proben sie für ihr Weihnachtskonzert.

„Wir sind sehr froh, dass der Erk kostenlos in der Schule proben darf“, sagt Sigrid Zeuner. Der Erk, so nennen die Mitglieder ihren Chor. Bei Frau Zeuner klingt das liebevoll und ein bisschen stolz. Die Chormitglieder nennt sie Erkianer. Mit vollem Namen heißt der Chor, in dem sie seit 42 Jahren singt, Erkscher Gemischter Chor 1852 e.V. Er gehört zu Berlins Traditionschören. Ein paar Straßen weiter am Rathaus Neukölln liegt die Erkstraße, die nach dem Chorgründer benannt wurde.

Ludwig Erk (1807 bis 1883) war Komponist und Musikwissenschaftler, hat mehrere Chöre gegründet und vor allem 20.000 Volkslieder gesammelt. Gemischte Chöre waren zu seiner Zeit keine Selbstverständlichkeit wie heute. 1791 sangen zum ersten Mal Herren und Damen gemeinsam in Faschs Sing-Akademie zu Berlin. Danach setzte sich das Konzept des gemischten Chors nur langsam durch.

Ludwig Erk war Mitglied der Sing-Akademie, bevor er seinen eigenen gemischten Chor gründete. Er pflegte mit seinem Chor ausschließlich das deutsche Volkslied. Seine Nachfolger erweiterten das Repertoire, führten auch Opern und Oratorien auf. Abseits der Proben traf sich die Erkfamilie zu Sommerfesten, zum Eisbeinessen und zu Weihnachtsfeiern.

Die Chordisziplin ist etwas lockerer geworden

Der Chor hatte seine großen Zeiten. Bis zum Jahr 1949 wirkte er bei Konzerten des Berliner Philharmonischen Orchesters mit. Für ein Jahr leitete der junge Sergiu Celibidache den Erk. Der Zweite Weltkrieg und der Bau der Berliner Mauer dezimierten die Mitgliederzahl erheblich. Unter dem Namen Schumannsche Chöre sangen die Erkianer über Jahrzehnte bei den Konzerten der Konzertdirektion Hohenfels. In den 80er-Jahren spielten sie auch in Filmen wie „Charlotte Salomon“ und „Die Wicherts von nebenan“ mit.

Sigrid Zeuner ist inzwischen auch ein Teil der Chorgeschichte. Schon ihre Eltern und Großeltern haben in Chören gesungen. Als sie im Jahr 1977 als junge Frau nach Berlin zog, wurde sie durch eine Zeitungsanzeige auf den Erk neugierig. Damals wurden Neulinge noch misstrauisch betrachtet. „Heute freuen wir uns über alle neuen Chormitglieder und kümmern uns darum, dass sie sich wohlfühlen“, sagt sie.

Auf der anderen Seite war die Disziplin damals noch größer. Wenn der Erk Proben ansetzte, wurden andere private Termine abgesagt. „Das ist heute nicht mehr so“, sagt die Vorsitzende mit Bedauern. 80-90 Erkianer gab es damals im Chor, jetzt sind es noch 49 Sänger.

Erkscher Gemischter Chor hat alte und junge Mitglieder

Ein Erkianer ist schon seit 63 Jahren dabei. 1956 kam er in den Chor, fünf Jahre später war er durch den Mauerbau von dem im Westteil der Stadt probenden Chor abgeschnitten. Nach dem Fall der Mauer kam er wieder zurück. Seitdem kann der Chor auch wieder das Grab von Ludwig Erk auf dem Friedhof in der Ackerstraße pflegen. Zum Totensonntag legt eine Chordelegation dort immer Blumen nieder. Zum 200. Geburtstag hat der Chor am Grab gesungen.

Volker Groeling ist stolz darauf, eine gesunde Mischung aus alten und jungen Mitgliedern im Chor zu haben. Er hat als Chorleiter, Bandleader, Regieassistent, Pianist, Korrepetitor, Dramaturg, Komponist und Arrangeur im eigenen Tonstudio gearbeitet, auch für Fernsehsendungen wie „Musik liegt in der Luft“ oder „Ein Kessel Buntes“ und die Jankowski Singers. Das Repertoire des Erkschen Gemischten Chors, den er seit 2004 leitet, hat er sehr breit aufgestellt.

„Traditionell sind wir ein Konzertchor und singen Oper, Operette und geistliche Musik, aber auch Volkslieder, internationale Folklore und Pop. Zuletzt hatten wir ein Pop- und Musicalkonzert mit Band im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt“, erzählt der Chorleiter. „Letztes Jahr haben wir Haydns ‚Schöpfung‘ mit einem Chor aus Lübbenau und dem Schmöckwitzer Kammerorchester aufgeführt.“ Davor gab es eine Operngala mit einem Orchester aus Polen. Volkslieder, das große Thema von Ludwig Erk, findet Groeling völlig zu Unrecht vernachlässigt: „Darin steckt so viel Kraft und Poesie.“

Laien-Chor überzeugt mit voller Leidenschaft

Sigrid Zeuner hat 2002 das 150-jährige Jubiläum mit zwei Festkonzerten und einem Ball organisiert. Zwei, drei Jahre lang hat sie alles geplant. Auch sonst kümmert sich die Vorsitzende um die Konzerte und Konzertreisen. 1996 hat sie Neuköllner Ehrennadel für ihr ehrenamtliches Engagement bekommen. Sigrid Zeuner war Büroleiterin in der Senatsverwaltung für Inneres, das Organisieren liegt ihr im Blut.

Drei Mal ist sie mit ihrem Mann, der förderndes Mitglied ist, nach Warschau gefahren, um 1996 alles für die Chorreise dorthin abzuklären. Andere Reisen führten nach Bulgarien, Italien, Tschechien, Österreich, in die Niederlande und die Schweiz. In Ludwig Erks Geburtsstadt Wetzlar hat der Erksche Gemischte Chor ein gemeinsames Konzert mit dem Erkschen Männergesangsverein Wetzlar gegeben, der auch schon zum Gegenbesuch in Berlin war.

In Berlin haben Chöre viel Konkurrenz, auch durch die professionellen Chöre, das weiß Volker Groeling ganz genau. „Wenn Laien mit voller Leidenschaft singen, kann das unter Umständen aber den Berufschor in die Ecke stellen. Das Geschliffene, Perfekte ist nicht immer der Weisheit letzter Schluss“, findet der Chorleiter. Natürlich redet er dabei nur von Augenblicken außergewöhnlicher Intensität. „Solche Momente sind eine große Freude, mit nichts zu vergleichen.“