Gedenken

Heinrich Zille: Sein Milljöh waren die Berliner Hinterhöfe

Ständchen am Grabe: An Heinrich Zilles 90. Todestag wird mit einer Aktion auf dem Stahnsdorfer Friedhof erinnert.

Der Berliner Maler und Zeichner Heinrich Zille auf einem Porträt von 1929.

Der Berliner Maler und Zeichner Heinrich Zille auf einem Porträt von 1929.

Foto: dpa/PA/Austrian Archives (S)

Etwas seltsam mutet die Gedenkveranstaltung zum 90. Todestag von Heinrich Zille am Freitag um elf Uhr schon an. Die Stahnsdorfer Friedhofsverwaltung teilt mit, dass auf dem Südwestkirchhof ein Zille-Darsteller am Grab des Malers, Grafikers und Fotografen erwartet wird, außerdem werden Vertreter des Zille-Museums anwesend sein.

Neben der Totenehrung des Künstlers, der am 9. August 1929 in Berlin verstarb, sollen dabei „auch Parallelen von Zilles Themen der Armut und Kriminalität zur Gegenwart der sozialen Verhältnisse in Berlin deutlich gemacht werden“. Das Gedenken findet an einem Ehrengrab des Landes Berlin statt. Viele sehen in Zille immer noch ein Berliner Original aus alten Zeiten.

Als Junge verdiente er Geld mit dem Austragen von Zeitungen

Heinrich Zille, auch „Pinselheinrich“ genannt, gilt wegen seiner Milljöh-Schilderungen und des Dialekts als Urberliner. Der war er aber gar nicht, er wurde am 10. Januar 1858 in Radeburg bei Dresden als Sohn eines Uhrmachers und einer Putzmacherin (Modistin) geboren. Die verarmte Familie kam 1867 nach Berlin und zog in eine Kellerwohnung unweit vom Schlesischen Bahnhof. Der kleine Heinrich musste mit dem Austragen von Milch, Brötchen und Zeitungen oder durch Botengänge Geld hinzuverdienen.

Zwei Jahre später wurde der Vater Mechaniker bei der Firma Siemens & Halske, wiederum drei Jahre später kaufte und bebaute man ein Grundstück im Lichtenberger Kiez. Es ist die Ankunft.

Der junge Heinrich Zille wurde 1877 als Reproduktionstechniker bei der Photographischen Gesellschaft in Berlin angestellt. 25 Jahre später zog Zille mit seiner Familie nach Charlottenburg in das Mietshaus Sophie-Charlotte-Straße 88, 4. Stock.

Die künstlerischen Kontakte knüpfte er bei Kegelabenden

Die Begegnungen mit Künstlern sollten sein Schaffen prägen. Es waren Kegelabende, bei denen er Mitglieder der Berliner Secession traf. Die Künstlervereinigung war der neue Gegenpol zum herrschenden akademischen Kunstbetrieb. Sein Milljöh fand Zille in den Hinterhöfen der Mietskasernen und in den schummrigen Kneipen der Arbeiterviertel. Der Künstler schaute dem Volk aufs Maul. Die Photographische Gesellschaft entließ ihn deswegen 1907, es traf ihn hart.

Künstlerfreunde wie Paul Klimsch oder Max Liebermann unterstützten ihn auf dem Weg in die freie Künstlerschaft. 1910 wurde Zille der Menzelpreis der „Berliner Illustrirten Zeitung“, die heute sonntags der Berliner Morgenpost beiliegt, verliehen. Auf Liebermanns Betreiben hin wurde Zille 1924 mit Ernennung zum Professor auch Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Zille war hochgeschätzt, obwohl oder gerade weil er sich immer stärker dem Sujet der proletarischen Unterschicht Berlins zuwandte.

Eine spöttische Sozialkritik

Er blickte nicht hofierend auf den kaiserlichen Glanz, sondern liebevoll auf das Elend, das in den Hinterhöfen heranwuchs. Seine spöttische Sozialkritik trieb es nicht selten bis an die Grenze des Aushaltbaren. „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken …“, rühmt sich ein schwindsüchtiges Mädchen in einer Zeichnung gegenüber anderen Kindern.

Zilles Werk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg, so heißt es im Berliner Zille-Museum, „ganz zart mit dem Staub einer Rumpelkammer überzogen“. Sprich mit sozialer Verklärung. Heute bemüht man sich, ihn als authentischen Chronisten seiner Zeit zu würdigen.

Das unterscheidet den „Pinselheinrich“ von all den Altberliner Droschkenkutschern, Drehorgelspielern und Eckenstehern, die zur Nostalgiepflege gehören. Lediglich der Hauptmann von Köpenick alias Schuster Friedrich Wilhelm Voigt (1849–1922) ist noch ein populärer Konkurrent. Aber der verzweifelte Schelm, der den preußischen Uniformen-Gehorsam entlarvte, steht auch mehr in der bis heute gepflegten Tradition des Verkleidungskünstlers.

„Heinrich Zille wäre heute so eine Art Günter Wallraff“

Die schrullig berlinernden Typen der neourbanen Gegenwart, wozu der Neuköllner Kurt Krömer, Cindy aus Marzahn oder der hemdsärmlig-maskuline Mario Barth gehören, bleiben mediale Kunstfiguren. Comedians sind genau genommen keine Berliner Originale, auch wenn man sie dafür halten soll. „Heinrich Zille wäre heute so eine Art Günter Wallraff, für den Eckensteher Nante gäbe es keine Verwendung, und die Harfenjule würde in der U-Bahn die Leute nerven“, schreiben Kitty Kahane und Brit Hartmann in ihrem Buch „Berliner Typen“ (Nicolai-Verlag).

Es hat schon etwas Symbolisches, wenn das Gedenken an Zilles Grab stattfindet. Auch die Zeit der Erinnerung an Berliner Originale unterliegt der Endlichkeit. Zu seiner Beerdigung hatten sich damals Tausende eingefunden. Damit ist am Freitag nicht zu rechnen.