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Wie Marlene auf die Tonne kam: Ein Roman erzählt es

Ein höchst vergnüglicher Roman erzählt, unter welch widrigen Umständen der deutsche Tonfilmklassiker „Der blaue Engel“ entstand.

Eine Filmszene, die sich eingebrannt hat: Marlene Dietrich (l.) singt in „Der blaue Engel“ anzügliche Lieder in Strapse.

Eine Filmszene, die sich eingebrannt hat: Marlene Dietrich (l.) singt in „Der blaue Engel“ anzügliche Lieder in Strapse.

Foto: picture alliance / Gusman/Leemage

Ein ewiges Highlight beim Besuch des Film- und Fernsehmuseums in Berlin sind die Probeaufnahmen der jungen Marlene Dietrich 1930 beim Vorsingen zum Film „Der blaue Engel“ in Babelsberg. Man sieht da eine eher schlecht gelaunte Frau singen, wobei sich der Pianist immer wieder verspielt und sie ihn rüde beschimpft:„Soll das Klavierspielen sein? Zu dem Dreck soll ich singen?“

Am Ende liest sie ihm nicht nur die Leviten, sie steigt auch dreist über die Tastatur auf das Klavier, entblößt lasziv ihre Beine und singt: „Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht?“ Das wird er ja wohl kennen. Marlene Dietrich geriert sich so, als ob sie selber nicht daran glaubte, ernsthaft ausgewählt zu werden. Oder aber sie kokettierte umso raffinierter.

Dass der Film zustande kam, grenzt an ein Wunder

Die Szene ist nun auch ein Höhepunkt in „Im Licht der Zeit“, dem gerade erschienen neuen Roman von Edgar Rai. Der handelt von nichts anderem als der Entstehung eben jenes Filmklassikers, der Marlene über Nacht zum Star gemacht hat.

Die Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ war ein absolutes Prestigeprojekt der Ufa: Es sollte der erste deutsche Tonfilm werden, mit dem das Studio auf die neuesten technischen Errungenschaften aus den USA reagierte und dafür das ganze Studio Babelsberg umbauen ließ.

Skandalös teuer, skandalös freizügig

Doch dass der Film überhaupt zustande kam, grenzt an ein Wunder. Denn ständig waren sich die Macher gegenseitig im Weg mit ihren Eifersüchteleien und Intrigen. Und dann musste die UFA selbst von dem skandalös freizügigen Werk überzeugt werden, das schon mit stattlichen 1,2 Millionen Reichsmark taxiert war und in das, wie auf heutigen Berliner Baustellen, immer noch mehr Geld gepumpt werden musste, am Ende fast zwei Millionen. Eine für die damalige Zeit unglaubliche Zahl.

Die Probleme fingen schon damit an, dass der pedantische Gymnasialprofessor, der sein Herz an eine verrufene Tingeltangelsängerin verliert, von Emil Jannings gespielt werden sollte. Der hatte gerade den ersten Oscar der Geschichte gewonnen, aber seine Karriere endete in den USA über Nacht. Wegen des Tonfilms. Weil Jannings’ holpriges Englisch nicht zu verstehen war.

Daher nahm er die Avancen der UFA, doch wieder heimzukehren, nur zu gern an. Doch dann sollte er ausgerechnet mit dem Hollywoodregisseur Josef von Sternberg drehen, mit dem er sich heillos überworfen hatte. Und schließlich musste er auch noch mit der unbedarften Marlene spielen, die ihm zunehmend die Schau stahl. Als er sie in einer Szene würgen sollte, drückte er wirklich zu. Womit der ganze Film beinahe gestorben wäre.

Die Entstehung klingt selbst wie ein Film

Edgar Rai, der mit dem Roman „Nächster Sommer“ bekannt wurde und Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin ist, punktet in seinem Buch mit großer Detailkenntnis, aber auch reichlich Fabulierkunst. „Im Licht der Zeit“ ist deshalb keineswegs eine akademisch trockene Abhandlung, sondern liest sich, selbst für Kenner der Materie, höchst vergnüglich. Und so spannend, als sei das selbst ein Filmplot.

Erzählt wird die Geschichte aus drei Perspektiven. Da ist natürlich Marlene selbst, die sich nach zehn Jahren Revuetheater schon am Ende ihrer Karriere wähnt und bei der die Kameramänner toben, sie sei unfilmbar. Bis sie sich mit diesem Film selbst völlig neu erfindet.

Da ist außerdem Karl Vollmöller, der legendäre Filmpionier, Dramaturg, Rennfahrer und Flugzeugkonstrukteur, der die Idee zum „Blauen Engel“ hat und mit dem berühmten Filmproduzenten Erich Pommer, der die Ufa schon einmal mit „Metropolis“ in den Ruin getrieben hat, die bizarrsten Ränke schmiedet, um die Streithähne zusammenzubringen.

Die letzte Perspektive ist Henny Porten vorbehalten, der deutsche Stummfilmstar schlechthin, deren Tage wie bei Jannings durch den Tonfilm gezählt scheinen.

Der Autor lehnt sich dabei zuweilen weit aus dem Fenster. Dass Marlene als Jugendliche vor dem Haus ihres Idols Henny Porten auflauerte und ihr ein selbstgesticktes Kissen schenkte, ist verbürgt. Im Roman aber verführt sie die Hausherrin auch noch.

Später wird genau beschrieben, auf welche Art Marlene Willy Fritsch befriedigt. Und Jannings züchtigt sich mit einer Reitgerte. Details, die man gern glauben mag, aber doch dichterische Freiheiten sind. Auch Maria Riva, die im Alter ein unschönes Buch über ihre Mutter Marlene verfasste, bekommt ihr Fett ab – als verwöhntes Kind voller Allüren.

Kleine, böse literarische Ausschmückungen

Doch Rai belässt es nicht bei einem bloßen Marlene-und-wie-sie-zum-Star-wurde-Roman. Immer wieder werden Chansontexte, Inserate und andere Zeitdokumente vor die Kapitel gestellt, vor allem Zeitungsartikel, die von Stresemanns Tod, dem Börsencrash in New York und dem immer drastischeren Rechtsruck am Ende der Weimarer Republik berichten.

Da wird der Roman erschreckend aktuell. Während die Protagonisten alle nur an ihren Film denken, mag man sie als Leser ständig aufrütteln, um die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Und eine Nebenfigur spielt ja direkt von den Dokumenten in die Romanebene hinein: der rechtsnationale Medienmogul Alfred Hugenberg, der zum Steigbügelhalter Hitlers wurde und damals bereits Ufa-Chef war.

Auch bei ihm muss Vollmöller hoch pokern, um das Endprodukt mit einer lasziven Frau, die in Strapsen auf einer Tonne anzügliche Lieder singt, so lange wie möglich zu kaschieren. Hugenberg annullierte daraufhin Marlenes Vertrag über einen zweiten Ufa-Film. Nur so aber kam sie überhaupt nach Hollywood. Sie hätte den Vertrag sonst, preußisch, wie sie war, erfüllt.

Das Buch: Edgar Rai: Im Licht der Zeit. Piper, 512 Seiten, 22 Euro