Pierre Boulez Saal

Intendant Ole Baekhøj: „Es ist wie ein großes Wohnzimmer“

Zwischen Wickeltisch und Starkünstlern: Intendant Ole Baekhøj spricht über seine Erfahrungen und Pläne für den Pierre Boulez Saal.

Intendant Ole Baekhøj im Foyer der Barenboim-Said Akademie, zu der der Pierre Boulez Saal gehört.

Intendant Ole Baekhøj im Foyer der Barenboim-Said Akademie, zu der der Pierre Boulez Saal gehört.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ole Baekhøj ist Intendant des Pierre Boulez Saal. Der Däne (Jahrgang 1970) hat zunächst Kontrabass, dann Betriebswirtschaftslehre studiert und war zuletzt Orchestermanager. Die Zahlen seines neuen Konzertsaals können sich sehen lassen: In der vergangenen Saison wurde bei 178 Veranstaltungen eine Auslastung von 92 Prozent erreicht.

Der Konzertsaal ist erst im März 2017 eröffnet worden. Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

Ole Baekhøj: Dass Berlin einen solchen Konzertsaal braucht, hätte sich vor zehn Jahren keiner vorstellen können. Jetzt ist er ein selbstverständlicher Teil des Musiklebens. Der Boulez-Saal ist in kurzer Zeit sowohl beim Publikum als auch bei den internationalen Künstlern angekommen.

Was sagen denn internationale Künstler zum Saal?

Selbst jene, die noch nicht hier aufgetreten sind, haben von Kollegen viel über die Utopie gehört. Viele wollen dann auch unbedingt hier spielen. Das ganze Projekt ist mit so viel Identität geboren worden. Es ist ein architektonisches Geschenk von Frank Gehry und Teil einer viel größeren Vision, dem West-Eastern Divan Orchestra. Der Divan hat seine Heimat in der Barenboim-Said Akademie gefunden hat, wo Musiker aus dem Mittleren Osten ihre Ausbildung erhalten.

Ist es der Saal des Divan geworden?

Im Saal wollten wir von Anfang an offen sein, Musik anbieten, die die Leute nicht unbedingt kennen. Das ist ein Teil der Divan-Idee, es geht darum, aufeinander zuzugehen und sich mit komplexen Situationen auseinanderzusetzen.

Was lief bislang gut, was weniger?

Wir haben unterschiedliche Settings im Saal ausprobiert. Der Raum ist für das intime, authentische Treffen mit Künstlern. Es ist wie ein großes Wohnzimmer, man braucht keine große Beschallung.

Wo sitzen Sie am liebsten in Ihrem Wohnzimmer?

Ich sitze sehr gern oben und genieße den Klang. Es gibt aber auch Projekte, wo ich es spannender finde, unten nahe dran an den Künstlern zu sitzen.

Sie haben mal gesagt, mit dem Foyer seien Sie sehr glücklich. Letztlich erinnert das frühere Kulissenlager eher an eine alte Industrieanlage.

Das Ambiente mit den riesigen Stah­ltüren ist so herrlich unprätentiös. In das Foyer kommt man direkt von der Französischen Straße. Es ist kein Tempel, in dem man erst Treppengänge hinaufschreiten muss. Unser Foyer ist spannend, weil hier alles zusammenkommt. Die Studierenden der Akademie verbringen hier ihre Pausen, das Publikum wartet auf die Konzerte, und es kommen auch Gäste von außen zum Essen herein. Wir haben im ersten und zweiten Stock jetzt Möbel aufgestellt, wohin man sich zurückziehen kann.

Was geht aus Erfahrung gar nicht im Saal?

Für Konzerte mit Sinfonieorchestern ist er nicht gebaut worden. Wir haben Brahms-Aufnahmen mit der Staatska­pelle gemacht, das hat akustisch wunderbar funktioniert. Aber dann bleibt nur noch Platz für 250 Zuhörer. Das macht keinen Sinn.

Was waren für Sie bisher die künstlerischen Highlights?

Das Eröffnungskonzert war einfach spannend, weil es die Eröffnung war. Ganz frisch im Kopf habe ich die Uraufführung von Jörg Widmanns „Labyrinth“, weil er es für den Saal und für die Musiker komponiert hat. Wir haben immer mehr Projekte, die wirklich durch die wachsende Beziehung zwischen den Künstlern und uns entstanden sind. Das macht es einmalig, das bekommt man nur bei uns.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim vorstellen?

Er ist sehr großzügig mit seiner Zeit. Mir war es von Anfang an klar, dass mein Job eine große Chance ist, eng mit Daniel Barenboim arbeiten zu dürfen. Er hat ex­trem hohe Erwartungen an sich selbst, aber auch an die Leute, mit denen er arbeitet. Das ist toll. Ich habe etwa von ihm gelernt, wie man unbeirrt seiner künstlerischen Vision nachgehen kann und dabei immer offen für Neues bleibt.

Barenboim bringt also per Handschlag die internationalen Künstler zu Ihnen, und Sie zurren dann alles fest?

Er kann viele tolle Künstler einfach so anrufen und eine Idee besprechen. In die weiteren Planungen ist er natürlich nicht immer involviert. Andere Künstler kommen über mich in die Projekte. Die neue Spielzeit ist Teamwork.

Sie bieten wieder eine Reihe mit arabischer Musik an?

Das war nicht meine Hauptkompetenz, auch wenn ich selber Musiker bin. Wir arbeiten eng mit dem irakischen Oudspieler Naseer Shamma zusammen. In der neuen Saison ist er nicht nur als Künstler präsent, sondern auch als Kurator für die Arabic Music Days.

Die neue Saison steht überall im Zeichen von Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Was haben Sie sich dazu einfallen lassen?

Viele Komponisten haben ihren Stil entwickelt und sind darin verharrt. Beethoven hat sich zeitlebens künstlerisch immer entwickelt. Das zeigen wir am Beispiel seiner Streichquartette. Die stellt das Belcea Quartett über die Spielzeit verteilt vor, am Ende kann man sie in der Quartettwoche einmal chronologisch erleben.

Wie viel Daniel Barenboim steckt denn im neuen Programm? Wie oft tritt er selber auf?

Er gibt zwei Konzerte als Dirigent des Pierre Boulez Ensembles und 19 als Pianist.

Als der Saal eröffnet wurde, fragte man sich schon, wie die Konkurrenten – das Konzerthaus am Gendarmenmarkt und die Philharmonie mit ihrem Kammermusiksaal – darauf reagieren würden. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Intendanten Andrea Zietzsch­mann und Sebastian Nordmann?

Wir haben einen guten Kontakt. Wir ergänzen einander in unserem Angebot für Berlin. Manchmal muss man über Exklusivität sprechen. Wenn ein Künstler etwas in der Philharmonie und eine Woche später bei uns machen will, reden wir darüber. Aber das Problem hat man in jeder Großstadt, ich kenne das auch aus meiner Zeit in London.

Gibt es ein neues Projekt, über das Sie gerne reden möchten?

Wir machen vormittags eine kleine Reihe für Erwachsene, die ihre Babys mitbringen dürfen. Wir nennen es die „Elternzeit-Konzerte“. Erwachsene bekommen nur ein Ticket und dürfen rein, wenn sie ein Baby im Alter bis 18 Monate dabei haben. Bei den vier Konzerten werden Wickeltische aufgestellt, es gibt etwas zu essen und zu trinken. Ich hoffe auf gute Begegnungen zwischen den Besuchern und den Künstlern.