Young Euro Classic

Young Euro Classic in Berlin: „Alle können mitsingen“

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
Zwei junge Talente: Mariana Espada Lopes (l.) aus Portugal spielt im Orchester Violine und Ursula Aumüller aus Österreich das Horn.

Zwei junge Talente: Mariana Espada Lopes (l.) aus Portugal spielt im Orchester Violine und Ursula Aumüller aus Österreich das Horn.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Das European Union Youth Orchestra wird am Sonntag Beethovens Neunte im Konzerthaus aufführen. Ein Treffen.

Berlin. Auf eine Frage antworten beide Musikerinnen sofort und unisono mit Ja. Die Frage lautet, ob sie sich als Botschafterinnen der Europäischen Union verstehen? Die österreichische Hornistin Ursula Aumüller (25) und die portugiesische Geigerin Mariana Espada Lopes (20) gehören zum European Union Youth Orchestra (EUYO), das sich aus Nachwuchsmusikern der 28 EU-Mitgliedstaaten zusammensetzt. Derzeit gastiert das Orchester beim Festival „Young Euro Classic“ im Konzerthaus. Am Sonntag wird es bei einem Highlight rund um Beethovens Neunte dabei sein. „Die Europahymne werden wir noch einmal getrennt von der Sinfonie spielen“, sagt Ursula Aumüller: „Die Menschen draußen auf dem Gendarmenmarkt können mitsingen. Alle können mitsingen.“

Das Mitsingkonzert „Ode an die Freude“ beginnt um 20 Uhr offiziell drinnen im Konzertsaal, wo Vasily Petrenko sein Jugendorchester der Europäischen Union dirigiert. Derweil beginnt eine Gesangsprobe auf dem Gendarmenmarkt mit dem Berliner Chorleiter Carsten Gerlitz. Es werden alle vier Stimmen der Europahymne geprobt, was wohl vor allem erfahrene Chorsänger interessieren wird. Nach der Probe beginnt der Livestream aus dem Konzerthaus. Dann können alle mitsingen. Bei der Gelegenheit wird ein neues immersives 3D-Soundsystems ausprobiert, mit dem der Konzertsaal-Klang authentisch auf dem Gendarmenmarkt klingen soll.

Das Orchester hat den Sitz von London nach Ferrara verlegt

„Unser Orchester ist genau das, was Europa sein soll“, sagt die Hornistin. „Es geht um die gemeinsame positive Energie. Es gibt keinen geeigneteren Zeitpunkt, um Beethovens Neunte zu spielen.“ In dem von der EU geförderten Jugendorchester geht es offenbar viel politischer zu, als man vielleicht denkt. „Das passiert automatisch, wenn Leute aus so vielen Regionen kommen“, sagt Mariana Espada Lopes. Der Brexit ist beispielsweise eines der Themen. Noch sind die britischen Musiker mit dabei, aber man fragt sich untereinander schon, wie das im nächsten Jahr sein wird. Das Jugendorchester hat bereits wegen des angekündigten EU-Austritts von Großbritannien seinen Verwaltungssitz von London nach Ferrara (Italien) verlegt. Die Proben vor der Tournee fanden im österreichischen Grafenegg statt.

Das seit 1976 bestehende Orchester kann man getrost als Elite-Ensemble der europäischen Musikstudenten bezeichnen. „Jeder Musikstudent kennt es“, sagt die Hornistin: „Jeder würde gerne ein Teil davon sein. Es gibt ein Probespiel. Wenn alles passt, dann darf man hier sein.“ Aus jährlich rund 4000 Bewerbern werden am Ende 150 Musiker ausgesucht. „Das Niveau ist sehr hoch“, sagt die Hornistin, weil die Leute aus ganz Europa ausgewählt werden können. „Es ist ein größerer Kreis, aus dem man schöpfen kann. Und jeder will spielen, alle sind frisch. Es fühlt sich noch nicht als Beruf an.“ Die Statistik zeigt, dass rund 90 Prozent der Mitglieder später professionelle Musiker werden. Auch Ursula Aumüller und Mariana Espada Lopez haben das vor.

Beide Musikerinnen sind in kleinen Orten abseits der großen Kulturmetropolen aufgewachsen. Ursula Aumüller stammt aus Tirol, wo – wie sie selbstbewusst sagt – „Musik zum Kulturgut gehört.“ Dort sei es üblich, dass man ein Instrument spiele. „Mir hat das Horn von Anfang an gefallen.“ Und dann fügt sie hinzu, sie sei „in ein Musikstudium reingerutscht“. Zuerst studierte sie in Innsbruck, jetzt in Leipzig. Mariana Espada Lopes stammt aus einer Sonnenregion, wo andere gern Urlaub machen, der Algarve. Sie sagt, klassische Musik hätte sie zuerst bei ihrem Klavierspielenden Vater gehört. Zum Studium ging sie nach Lissabon, von dort aus nach Hannover. Das künstlerische Niveau in Portugal sei gut, sagt sie, aber in Deutschland gäbe es eine größere klassische Kultur.

Ein Seminar, wie man vorm Konzert zum Publikum spricht

Im EUYO wird nicht nur musiziert, sondern auch diskutiert. „Es kommen Leute von außen und coachen uns“, erzählt die Hornistin: „Wir hatten ein Seminar, wie man vor dem Konzert zum Publikum spricht.“ Es war auch jemand da, um über Beethovens Neunte zu reden. „Es war ein aufwühlender Nachmittag“, sagt die Österreicherin. „Es war ein Schock“, sagt die Portugiesin. „Im Seminar haben viele nicht erwartet, dass Beethovens Neunte zu Hitlers Geburtstag gespielt wurde. Es ist eine großartige Aufnahme der Berliner Philharmoniker, aber es fühlt sich seltsam an.“ Beide sind sich einig, dass sie jetzt eine Sinfonie aufführen, in der es darum geht, dass alle Menschen Brüder werden, „Im Jugendorchester fühlt man genau das“, sagt die Hornistin.

Young Euro Classic auf dem Gendarmenmarkt. Mitsingkonzert am 4. August, 20 Uhr