Hauptrolle Berlin

Des Haifischs neue Zähne: „Mackie Messer“ im Zoo Palast

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
Er wollte immer mal Mackie Messer spielen, stattdessen spielt er nun gleich Brecht selbst: Schaubühnen-Star Lars Eidinger.

Er wollte immer mal Mackie Messer spielen, stattdessen spielt er nun gleich Brecht selbst: Schaubühnen-Star Lars Eidinger.

Foto: Wild Bunch

Die Filmreihe der Berliner Morgenpost feiert Vierjähriges: Mit „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“. Und Lars Eidinger als Gast.

Der Erfolg war keineswegs absehbar. Als die „Dreigroschenoper“ am 31. August 1928 in Berlin uraufgeführt wurde, weigerten sich die Schauspieler noch, aus ihren Rollen zu treten, und drohten abzureisen.

Der Theaterintendant raufte sich die Haare, weil ihm die Bank geraten hatte, das Geld lieber gleich bündelweise ins Klosett zu spülen. Aber während sich die Geldgeber im Foyer noch mit dem Autor und seinem Komponisten zankten, klatschten die Zuschauer im Saal schon begeistert mit.

Das Stück wurde gefeiert, sein Autor wird es auch. Als Bertolt Brecht noch am Premierenabend gefragt wurde, ob er das Stück auch verfilmen wolle, antwortete er in seiner typisch ätzenden Art: „Filmen ist für mich zu doof. Man muss erst bankrott gehen.“ Schon bald sollte er jedoch anders denken.

Ein Lehrstück deutscher Filmgeschichte

Eine Verfilmung würde ihm noch mehr Ruhm einbringen. Ihn endgültig zum Star machen. Der junge Tonfilm wäre für sein Musikdrama die ideale neue und avantgardistische Bühne. So willigte er, was kümmerte ihn sein Geschwätz von gestern, schnell ein. Aber nur zu seinen Bedingungen.

Zu Brechts „Dreigroschenfilm“ ist es dann doch nie gekommen. Es war einer der berühmtesten Filme, der nie gedreht wurde. Aber dann kam er vor einem Jahr – 90 Jahre nach der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ – doch noch ins Kino. Allerdings auf ganz andere Art – die Brecht aber, so darf man spekulieren, durchaus gefallen hätte.

Ein Lehrstück deutscher Kulturgeschichte

In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ geht es nicht nur um das erfolgreichste deutsche Stück des 20. Jahrhunderts. Es geht um ein Lehrstück Berliner und deutscher Theater-, Film und Kulturgeschichte.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird Joachim A. Langs Film am 6. August noch einmal gezeigt. In Anwesenheit des Hauptdarstellers Lars Eidinger. Damit feiert die Filmreihe zugleich ihr vierjähriges Bestehen.

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Es ist nicht nur ein Film, auch nicht ein Film im Film, es sind eigentlich gleich drei Filme, die da gleichzeitig ablaufen. Denn Regisseur Lang wollte viel auf einmal. Zum einen den „Dreigroschenfilm“ drehen, wie Brecht ihn im Kopf hatte. Aber dann auch die Geschichte erzählen, warum das Filmprojekt letztlich scheiterte. Und ganz nebenbei auch noch Brechts Kunstverständnis aufschlüsseln.

Brecht wollte seinen Bühnenhit nicht bloß abfilmen. Schon über das Stück hatte er gesagt, es sei „der Versuch, der völligen Verblödung entgegenzuwirken“. Ähnliches hatte er auch mit seinem Film vor: dem Kitsch im Kino etwas radikal Neues und Politisches entgegenzusetzen. Ein „soziologisches Experiment“. Aber auch da rauften sich die Geldgeber die Haare.

Schließlich wird kurzer Prozess gemacht

Die Berliner Produktionsfirma Nero war einzig auf eine rasche Ausschlachtung aus. Sie wollte die Adaption sogar um ein paar anzügliche Songs und vor allem politische Anspielungen bereinigen. Immer wieder kam es zum Krach. Und schließlich zum Bruch. Brecht stieg aus. Und verklagte die Firma.

Er wusste, dass er scheitern würde. Aber er inszenierte damit quasi die Realität zu einem Lehrstück über Kunst, Urheberschaft und das, was sie noch wert war in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Der Film wurde weiter gedreht, ganz im Sinne der Produzenten als bloße Abfilmung des Stücks. Brecht aber wurde das Recht zugestanden, einen eigenen Dreigroschenfilm zu drehen. Den konnte er indes nicht mehr realisieren, weil er vor den Nazis fliehen musste. Es blieb nur ein Exposé. Und der daraus entwickelte „Dreigroschenroman“.

All das in zwei Stunden Film zu packen, scheint reichlich viel. Daran hätte auch manch routinierter Regisseur scheitern können. Lang aber war im Kino bis dato ein absoluter Neuling. Dafür war er ein erwiesener Brecht-Kenner.

Der Regisseur, ein Experte in Sachen Brecht

Lang hat über den Mann promoviert, hat eine Zeit lang das Augsburger Brecht-Festival geleitet, hat zu Brechts 100. Geburtstag 1998 und 50. Todestag 2006 große Porträts des Künstlers für die ARD geschaffen und mit Claus Peymann eine Brecht-Gala am Berliner Ensemble inszeniert. Mit seinen TV-Dokudramen „Jud Süß – ein Film als Verbrecher?“ und „George“, in dem Götz George seinen Vater Heinrich George spielte, hatte Lang auch schon von der Kunst unter Nazis erzählt. Aber im Kino war er bis dahin nicht verortet.

Und dann die Überraschung: „Mackie Messer“ wurde keineswegs, wie befürchtet, ein verfilmtes Proseminar. Ihm gelang vielmehr ein hochintelligenter, vor Ideen schier berstender Film, der zum einen die politischen Verwerfungen jener Jahre scharf herausarbeitet, aber auch zum lustvollen Musical gerät, irgendwo zwischen Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“ und dem Oscar-Gewinner „La-La-Land“. Des Haifischs Zähne, die schon ein wenig stumpf geworden schienen, hatten plötzlich wieder Biss.

Lauter Filmstars, die mit Lust gegen ihr Image spielen

Wie in Brechts Epischem Theater mit seinen Verfremdungs-Effekten sehen wir immerzu Spielszenen des Films, die dauernd unterbrochen werden, wenn Brecht etwa den meuternden Schauspielern erklärt, wie sie zu spielen haben, oder den Produzenten Vorträge hält, wie er sich seinen Film vorstellt. Auch Eidingers Brecht fällt immerzu aus der Rolle und spricht schon mal direkt in die Kamera. Und also zum Zuschauer: „Wenn Sie nur etwas sehen wollen, was einen Sinn macht, müssen Sie auf das Pissoir gehen.“

Zunehmend ergeben sich dabei starke Parallelen zwischen Spiel und Realität, wenn mehrere Frauen auf der Bühne um Macheath und hinter den Kulissen um Brecht streiten. Oder wenn am Ende sowohl Mackie als auch dessen Urheber der Prozess gemacht wird. Ein lustvolles Spiel mit den Ebenen.

Lang hat für sein durchaus gewagtes Projekt die Crème de la Crème der deutschen Filmschauspieler gewinnen können, die alle mal kräftig gegen den Strich besetzt wurden und dies mit Spiel- und Sangeslust auskosten: Tobias Moretti als Mackie Messer, Joachim Król als Peachum, Claudia Michelsen als dessen Frau, Hannah Herzsprung als Polly und Robert Stadlober, kaum wiederzuerkennen, als Kurt Weill.

Lars Eidinger als überragender Brecht

Und dann, allen voran, Lars Eidinger. Seit jeher will der Schaubühnen-Star mal in einem Brecht-Stück spielen, der Mackie ist seine Traumrolle. Das sollte bisher nicht sein. Dafür spielte er nun Brecht selbst. Und das mit aasiger Brillanz, wenn er Mackies Haifischgrinsen auflegt, sich in seiner Zigarre mehr verbeißt als daran schmaucht. Und immerzu reinen Brecht, verbürgte Zitate des Dichters, spricht. Einen anderen Brecht-Darsteller kann man sich danach kaum vorstellen. Tom Schilling als junger und Burghart Klaußner als alter Dramatiker fielen entsprechend ab in Heinrich Breloers jüngstem Zweiteiler „Brecht“.

Ein starkes Stück Kino. Das nicht nur große Oper ist. Sondern ganz nebenbei viel erzählt über die Zensur von Kunst. Und von einem erstarkenden Rechtsradikalismus, was den Film auch erschreckend aktuell macht. Am Ende gelingt Joachim A. Lang sogar das, was Brecht nicht mehr umsetzen durfte: eine politische Parabel, die zur beißenden Kritik auf die Gegenwart anhebt. Plötzlich schießen aus allen Ecken gläserne Banktürme aus dem Boden. Und die kleinen Bettler wandeln sich zu Bankiers der Hochfinanz, die mit ihren Anzügen und Aktenkoffern erst richtig kriminell werden.

Termin: Zoo Palast, Dienstag, 6. August, 20 Uhr, in Anwesenheit von Lars Eidinger.