Ausstellungseröffnung

Spielwiesen der Fantasie im Gropius Bau

Die Metapher der Welt als Garten im Anschluss an Hieronymus Bosch. Eine Blütenlese im Gropius Bau in Berlin.

Punktlandung: Die Installation der Künstlerin Yayoi Kusama müssen Besucher mit Filzpantoffeln betreten.

Punktlandung: Die Installation der Künstlerin Yayoi Kusama müssen Besucher mit Filzpantoffeln betreten.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Den Fokus der Sommerausstellung im Gropius Bau bildet ein 500 Jahre altes Motiv: Hieronymus Bosch’ rätselhafter „Garten der Lüste“. Im quadratischen Mittelfeld des Triptychons sind Menschen ­– Weiße und Schwarze – in einer paradiesischen Gartenlandschaft dargestellt. Es herrscht ein schwüles Binnenklima. Unbekleidet geben sich die alterslosen Gartenbewohner paarweise, in Gruppen oder auch einzeln fantastischen Lüsten hin. Im Zentrum des von Himmel und Hölle flankierten Tafelbildes – im Gropius Bau ist nicht das Original aus dem Prado zu sehen, sondern eine Version aus der Bosch-Nachfolge – befindet sich ein Jungbrunnen, umkreist von einer schwelgerischen Prozession. Die Welt als gigantische Beautyfarm?

Doch in Szenen saftiger Lustbefriedigung und in die Feier ewiger Jugend mischt sich ein schaler Beiklang. In der Interpretationsgeschichte des Werks überwiegen moralische Deutungen: die Warnung vor Lastern, die Mahnung zu spirituellem Leben. Derartiges Moralisieren mag uns heute fern liegen, nicht jedoch das Gefühl der menschlichen Mitschuld, wenn beispielsweise das Weltklima kippt.

Der Nachtjasmin duftet am Tag

Die Direktorin des Gropius Baus, Stephanie Rosenthal, und Clara Meister haben Bosch’ ambivalente Traumszene aus der vorreformatorischen Zeitenwende als Ausgangspunkt für eine Recherche zur Metaphorik der Welt als Garten in der bildenden Kunst der Gegenwart genommen. Mit Beiträgen von 22 internationalen Künstlern, von Tacita Dean bis Pipilotti Rist, bietet die als „Garten der irdischen Freuden“ betitelte Schau ein facettenreiches Panoptikum.

Einen Schwerpunkt stellen multisensorische, immersive Installationen dar, die Besucher eintauchen lassen in Utopien und Dystopien. Der Marokkaner Hicham Berrada gibt ein eindringliches Beispiel für die Manipulation der Natur und Kontrolle von Lebensbedingungen. In einem abgedunkelten Raum fällt tagsüber fahles Mondlicht auf sogenannten Nachtjasmin, der nur im Dunklen aufblüht. In dem Experiment verströmen die Blüten ihren intensiven Duft tagsüber. Die natürliche Ordnung steht Kopf.

Drei überdimensionale Tulpen stehen im Zentrum der psychedelischen Rauminstallation „All My Love für the Tulips, I Pray Forever“ der Japanerin Yayoi Kusama. Alles Natürliche ist in der Plastikwelt, die man nur mit Filzpuschen betreten darf, gründlich überwunden. Wände und Objekte sind übersät mit bunten Punkten, Polka Dots, Orientierungspunkte aber sind verloren gegangen. Räumliche Dimensionen und vertraute Perspektiven erscheinen in der gnadenlos ästhetischen Welt aus Fiberglas und Urethanfarbe aufgelöst.

Die amerikanisch-palästinensische Künstlerin Jumana Manna widmet sich unseren „wilden Verwandten“ aus der Pflanzenwelt. Im norwegischen Samenspeicher Global Seed Vault werden Samen von Pflanzen für die Zukunft konserviert, deren Lebensraum im Zuge des Klimawandels schwindet. Ironischerweise wurde der Speicher selbst Opfer des Klimawandels. 2017 drang Wasser ein, die stärkere Sicherung der Samen wurde notwendig.

Rashid Johnson verknüpft im Lichthof des Gropius Baus Metaphern aus der Botanik mit Fragen ethnischer Herkunft und kultureller Verwurzelung. Seine großformatige Installation, die zugleich ein überdimensionales Musikinstrument ist, lässt sich als Reflexion darüber lesen, was es für afrikanische Menschen bedeutet, wie exotisches Gewächs gewissermaßen umgetopft zu werden.

Harmonie und Muße dank Umzäunung

Was sind die Gründe der Vertreibung aus dem Paradies? Anhaltspunkte gibt die Etymologie des Ausdrucks „Paradies“, der auf persisch „pairidaeza“ zurückgeht, was für eingefriedeter Park oder Tiergarten steht. Wo es Zäune gibt, existieren nicht nur Ein-, sondern auch Ausschlüsse. Diesen Aspekt veranschaulicht ein persischer Gartenteppich aus dem späten 18. Jahrhundert. Harmonie und Muße im Inneren werden durch Umzäunung gewährleistet. Das Paradieskonzept entspricht der Gated Community.

Die Britin Heather Phillipson gibt einen Vorgeschmack auf die Zeit nach dem Klima-Supergau. Es riecht nach Rindenmulch. Komposterzeugende Regenwürmer und der nach faulem Fleisch riechende, grellgelbe Stinkkohl haben die Kontrolle übernommen. Der Mensch ist nicht länger Protagonist im irdischen Garten. Er muss, um in der postapokalyptischen Welt zu überleben, paradoxerweise selbst Kompost werden.

Die Metapher der Welt als Garten kann suggerieren, dass mit ausreichend kompetenten Gärtnern und innovativer Technik alles zum Besten gewendet werden kann. Dieser Sichtweise aber widerspricht Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, wenn er meint: „Vielleicht ist der modernste Gärtner derjenige, der die Welt in Ruhe lässt.“

Die ehrgeizige Themenschau lässt sich als Appell für Nachhaltigkeit und eine Art von Permakultur interpretieren, in der menschliches und nicht-menschliches Leben auf unterschiedlichen Levels einander stützen. Mit großflächigen Materialinstallationen und zahlreichen Videoscreens ist die Schau gleichzeitig ein Beispiel für hochtourigen Energiekonsum. Die Widersprüche der Gegenwart machen vor der Kunst nicht Halt.