Berliner Ausstellung

Utopien, Wünsche und Hoffnungen im Bröhan-Museum

Das Bröhan-Museum zeigt „Zukunftsfantasien um 1900“ mit Postkarten, Sammelbildern und Ausschnitten aus Filmen.

Diese Postkarte trägt den Titel „Das schöne Berlin“ und stammt aus dem Jahr 1920.

Diese Postkarte trägt den Titel „Das schöne Berlin“ und stammt aus dem Jahr 1920.

Foto: Sammlung Peter Weiss, www.postcard-museum.com

Erdgeschichtlich sind 100 Jahre gerade einmal ein Wimpernschlag, für Menschen jedoch eine Ewigkeit, in der viel passieren kann. Und so betrachtet man die Stickstoff-Gläubigkeit unserer Vorfahren um 1900 heutzutage schmunzelnd und kopfschüttelnd zugleich. Damals war es ein frommer Wunsch für die Zukunft, mittels eines Stickstoff-Düngers alle Ernährungsprobleme der Welt zu lösen.

Im Bröhan-Museum zeigen Postkarten gigantische Kohlköpfe und tonnenschwere Kartoffeln. Der Clou: Durch eine Green Box kann man Teil des Bildes werden, wie Kurator Nils Martin Müller vormacht. Auf grünem Grund stehend, beißt er in eine Riesenknolle. Klatscht in die Hände und fixiert so das Bild. Anschließend kann man das Ergebnis ausdrucken und mit einem QR-Codes online hochladen. Ein Gimmick, das Spaß macht.

Natürlich ist der Raum das Highlight der siebten Blackbox-Ausstellung des Charlottenburger Hauses. Bekanntlich fallen die immer etwas experimenteller aus. Auch „Reaching Out for the Future. Zukunftsfantasien um 1900“ macht da keine Ausnahme. Geht es doch multimedial und interaktiv zu. Was die Schau so bemerkenswert macht, ist ihre Affinität zum Alltag. Unterteilt ist sie in Kapitel, die jeden etwas angehen: Arbeit, Umwelt, Kommunikation, Technik, Mobilität sowie Ernährung und Gesundheit.

Ein beliebtes Souvenir, quasi die E-Mail dieser Zeit

Der zweite Raum der Ausstellung zeigt die Utopien, Wünsche und Hoffnungen um 1900. Viele Motive erkennt man aus jüngeren Zeiten wieder. Den fiesen Roboter etwa aus „Terminator“, Flugobjekte aus Science-Fiction-Filmen oder den Mix aus altmodischem Schick und ausgeklügelter Technik aus dem Steampunk. Eingefangen in futuristischen Zeichnungen und Karikaturen. Meist als detailverliebte Postkarten, allesamt Leihgaben aus der Sammlung Peter Weiß.

„Als Sammelkarten waren sie in Schokoladen- und Zigarettenschachteln“, so Nils Martin Müller. Schwer angesagt, was wiederum den Verkauf der Produkte ankurbelte. Zudem war die Postkarte ein beliebtes Souvenir, quasi die E-Mail ihrer Zeit. „Sogar fast im Handy-Format“, sagt Müller und fügt hinzu: „Ich finde den Gedanken spannend, wie sich die Menschen vor 100 Jahren die Zukunft vorgestellt haben und was davon tatsächlich eingetreten ist.“

Für Müller war es naheliegend, aus der Idee heraus eine Ausstellung zu entwickeln. Die „Zukunftsfantasien um 1900“ sind Thema seiner Dissertation, an der er aktuell schreibt. Dass es keine klassische Kunstausstellung werden sollte, lag auch auf der Hand. Der 30-Jährige ist nämlich der Outreach-Kurator des Bröhan-Museums. Zuständig dafür, mit neuen Formaten Zielgruppen zu erreichen, die sonst nicht ins Museum gehen. „Die Zukunft bietet sich dafür an. Jeder hat sich schon einmal gefragt, was in 100 Jahren sein wird“, weiß er.

Ausschnitte aus längst vergessenen Filmen

Eines der schönsten Exponate ist sicherlich Alfred Herrmanns Plakat zu Fritz Langs erfolglosem Science-Fiction-Stummfilm „Frau im Mond“. „Mit einer Rakete zum Mond fliegen, ist einer der ältesten Träume der Menschheit“, sagt Müller. Hier zugleich eine Reminiszenz an den 50. Jahrestag der Mondlandung. Den Countdown bei Raketenstarts, den die Nasa nutzt, hat übrigens Fritz Lang für seinen Leinwandflop konzipiert.

Natürlich sind auch Sequenzen aus Langs Monumental-Film „Metropolis“ zu sehen. Die ikonischen, in denen Protagonistin Maria in eine Maschine verwandelt wird. Es gibt aber auch Ausschnitte aus längst vergessenen Filmen, die Müller in minutiöser Recherchearbeit ausgegraben hat. Wie Ferdinand Zeccas „À la conquete de l’air“, gerade mal 23 Sekunden lang.

Im Mittelpunkt der retrofuturistischen Schau stehen aber die im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Postkarten. Viele sind clevere, farbige Fotomontagen. Zusammengesetzt vom Prager Unternehmen Lederer Popper. Sie zeigen etwa Paris, London und Berlin, idyllisch geflutet wie Venedig. Mit Gondeln, die durch die Straßen schippern. Oder andere kreative Einfälle, die den Verkehrskollaps vermeiden sollten. Ein Problem, das uns auch heute umtreibt. „Damals hat man einfach Flug- und Schwebeapparaturen auf eine höhere Ebene verlagert“, erzählt Nils Martin Müller. Ohnehin war der Umgang mit der Zukunft spielerischer, leichtfüßiger und humorvoller. „Heute wird viel über die Zukunft philosophiert. Dabei ist unsere Gesellschaft eher von Dystopien geprägt. Um 1900 stand man der Zukunft positiv gegenüber“, sagt der Kurator.

Mobiles Zukunftslabor auf Sommertour unterwegs

Um zu erfahren, wie wir unsere Zukunft in 100 Jahren sehen, ist ein mobiles Zukunftslabor auf Sommertour unterwegs durch die Berliner Bezirke. Ganz nachhaltig und zeitgemäß handelt es sich dabei um ein Fahrrad mit Anhänger. Es lädt ein, Jutebeutel mit eigenen Visionen zu bedrucken oder diese auf Karten festzuhalten. Eine Auswahl ist bereits Teil der Ausstellung. Weitere sollen hinzukommen. Die Vorstellungen von der Welt von morgen reichen dabei von einem sozial und ökologisch perfekten Leben bis zum Ein-Wort-Wunsch „Pommes“. „Die Ergebnisse werden hier im Museum in einer Zeitkapsel archiviert“, verrät Nils Martin Müller. So initiiert er jetzt schon eine neue Ausstellung rund um das Thema Zukunftsfantasien in 100 Jahren. Wer weiß? Vielleicht schmunzeln unsere Nachfahren dann ja kopfschüttelnd über unsere Ideen.

Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Charlottenburg. Tel. 32 69 06 00. Di.–So. 10–18 Uhr. Bis 27. Oktober 2019. Infos unter www.broehan-museum.de