Jubiläum

Bernd Kauffmann: „Das Projekt war politisch heikel“

Es knirschte im Orchester: Kulturmanager Bernd Kauffmann hat vor 20 Jahren das West-Eastern Divan Orchestra mitbegründet.

Kulturmanager und Jurist Bernd Kauffmann hat ein Büro am Kurfürstendamm.

Kulturmanager und Jurist Bernd Kauffmann hat ein Büro am Kurfürstendamm.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin.. Er ist einer der wichtigsten Kulturmanager in Deutschland. Bernd Kauffmann (74) aber wehrt sich vehement gegen diese Berufsbezeichnung. Er sei auch Anwalt oder Gründer der Stiftung Niedersachsen gewesen. Er bezeichnet sich als Angestellten.

Am Freitag wurde das von ihm geleitete Wolfsburger Tanzfestival Movimentos erstmals in der neuen Eventlocation „Hafen 1“ eröffnet. Fast vergessen ist, dass Kauffmann an der Seite von Stardirigent Daniel Barenboim Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra ist. Das Wedo wird am 17. August in der Waldbühne sein Jubiläumskonzert geben. Vor 20 Jahren hatte sich das Jugendorchester, in dem Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen, erstmals in Weimar getroffen. Kauffmann war seinerzeit der Generalbeauftragte der „Weimar 1999 – Kulturhauptstadt Europas GmbH“.

Herr Kauffmann, erinnern Sie sich noch, wie die Idee für das Jugendorchester entstand?

Bernd Kauffmann Daniel Barenboim und ich hatten uns im Hotel Atlantic in Hamburg kennengelernt. Es war eigentlich ein ziemlich unklares Treffen mit Menschen vom Montreux Festival. Jenseits dessen war es aber eh mein Wunsch, ihn als Dirigenten fürs Deutsche Requiem und die Faust-Sinfonie von Liszt für Weimar zu gewinnen. Ich glaube, wir mochten uns. Irgendwann sagte er, er würde so gerne mit jungen Menschen aus dem Nahen Osten etwas gestalten. Ich fragte genauer nach, was er denn davon halten würde, wenn wir junge Menschen aus vielen Nahoststaaten und Israel zum Musizieren zusammen brächten? Und ich glaube, ich habe da auch schon vorgeschlagen, das Ganze unter dem Titel von Goethes „West-Östlichem Diwan“ zu realisieren. Das hat ihm sofort gefallen. Wir haben uns getrennt und uns versichert, dass wir das machen.

Und wie vollzog sich die Gründung?

Barenboims damaliger Assistent, der Dirigent Sebastian Weigle, spielte eine unendlich hilfreiche Rolle. Denn die Frage war, wie finden wir die besten jungen Musiker aus dem Nahen Osten, welche Kontakte können uns da nützen und wer fährt zu den Auditions? Es war eine wahnsinnig harte Vorarbeit. Manchmal lief alles so chaotisch, dass wir dachten, das Projekt würde platzen. Es kam auch zu einer ziemlichen Verteuerung. Ein Beispiel. Damals wurde der Irak noch von Saddam Hussein regiert. Hätte man dort gewusst, dass sich junge Musiker in Weimar mit Israelis treffen, wäre das tödlich gewesen. So mussten die irakischen Musiker auf Verschleierungswegen über andere Länder nach Deutschland einreisen, damit es zu Hause keiner mitbekommt. Von dieser „Umwegerei“ gab es viele Fälle. Und dann gab es junge Musiker, die durften aus Sicherheitsgründen auf keinen Fall gefilmt werden.

Es gehört zum Gründungsmythos, dass sich die jungen Musiker über die politische Situation im Nahen Osten gestritten haben?

Natürlich gab es immer Situationen, wo es im Orchester knirschte, die eine oder andere Gruppe abreisen wollte. Für einige Ländergruppen gab es auch sogenannte Reiseleiter. Voller Bewunderung erinnere ich mich an Barenboim, der verständnisvoll und zugeneigt mit den jungen Leuten diskutierte, arbeitete und sie stetig motivierte. Ich erinnere mich an eine etwa zwanzigköpfige Gruppe junger arabischer Musiker, die, als ich mit ihnen das KZ Buchenwald besuchte, nur meinten, der Holocaust sei doch reine Propaganda. Und dann stehen sie da plötzlich und merken, dass die es gar nicht böse meinen, es nur nicht anders wissen. Und dann begreifen sie ebenso, dass sie mit Zahlen und coolen facts nicht wirklich durchdringen. Irgendwann am Abend aber saß diese Gruppe mit Israelis zusammen und einer von ihnen sagte, sein Großvater sei damals dort in Buchenwald umgebracht worden und fing an zu weinen. Und plötzlich wurde etwas begriffen und alle redeten miteinander.

Wie haben die Verantwortlichen und das Publikum in Weimar auf das Israelisch-Palästinensische Konfliktthema reagiert?

In Weimar waren die Konflikte im Nahen Osten ein weitgehend unbekanntes Terrain. In den 90er-Jahren diskutierte man dort über die eigene Befindlichkeit und thüringische Stasi-Geschichten. Ich wusste anfangs nicht, wie der Zeitgeist der ehemaligen DDR mit einem solchen Orchester umgehen würde. Aber die Weimarer haben hinreißend reagiert. Wir haben das Projekt im Jahr 2000 wiederholt, obwohl ich die Mittel dafür gar nicht sicher hatte. Das Land wollte nichts geben, also habe ich mich an die EU gewandt, die dann finanziell geholfen hat. Und ein Verein, den wir zu siebt gegründet haben, hat den Rechtsträger gespielt. Danach habe ich gesagt, auf diesem Hazardweg schaffe ich das nicht noch einmal. Man wollte das Projekt im offiziösen Thüringen nicht so recht, wohl auch deshalb, weil es zu viel Geld kostete. Dass ich ziemlich traurig war, versteht sich, denn ich hatte gehofft, das Wedo in Weimar zu verorten und dauerhaft an die Stadt zu binden.

Wann kam der palästinensische Literaturtheoretiker Edward Said als dritter Gründer mit ins Spiel?

Bei meinem ersten Treffen im Atlantic hatte Barenboim mir von ihm erzählt, ich hatte etwas von Said gelesen. Ich wusste um seine historisch-literarische Bedeutung. Er dachte sehr politisch und war ein Künstler der Abwägung. Er hat in Gesprächen immer die Gedanken des anderen mitgedacht. Nach Edward Said kam auch der Cellist Yo-Yo Ma dazu, dessen Charme viele Konflikte löste.

Daniel Barenboim ist ein Vertreter der Zwei-Staaten-Lösung, und damit für einen eigenen palästinensischen Staat neben Israel. Edward Said war hingegen für die Ein-Staaten-Lösung.

Es gab nie einen Streit. Ich bin auch eher ein Zweistaatlicher. Aber ehrlich gesagt, kann ich heute nicht mehr genau sagen, wie meine Position zur israelischen Politik 1997/98/99 war. Für mich war das Projekt politisch höchst heikel, ich habe jeden Tag geschwitzt, gehofft und gebetet, dass es gut ausgeht. Die Sponsoren fanden auch immer alles toll, aber ich habe natürlich kein Geld von ihnen bekommen, weil das Ergebnis nicht sicher war. Man hielt sich also bedeckt. Kaum hatten wir Erfolg, waren sie alle wieder da. Der Job war für mich schon eine ziemlich harte Nummer.

Ist das Wedo ein Friedensprojekt?

Ja. Es ist bis heute für mich ein hochambitioniertes künstlerisches Friedensprojekt, obwohl ich politischen Frieden nicht sehe. Vielleicht bewegen die Konzerte in vielen Köpfen und vielen Herzen etwas. Aber es wird den realen Konflikt nicht lösen. Workshops und Konzerte sind Mosaiksteine in einem viel größeren Bild. Es ist wichtig, dass das Wedo besteht und immer weiter besteht.

Haben Sie noch Verbindung zu Daniel Barenboim?

Wir haben ab und zu mal miteinander telefoniert. Jetzt nicht mehr, aber wir sind, glaube ich, aus der Ferne nahe beieinander.

Sind Sie stolz darauf, einer der Gründer des Wedo zu sein?

Ja, stolz ist aber ein bisschen dicke. Es ist schön. Aber es gibt auch viele andere Dinge, die ich in Weimar oder in der Stiftung Niedersachsen gemacht habe und die dann gelungen sind.

Seit 2003 sind Sie Künstlerischer Leiter der Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg. Im Zentrum steht der Tanz?

In der Globalisierung erhält für mich der Tanz eine weitaus markantere Rolle. Es ist eine künstlerische Ausdrucksform jenseits von Sprache. Wir erfahren die Gedanken und Gefühle des anderen durch Bewegung. Es ist für mich eine der schönsten Form des Berührtwerdens ohne alles intellektuell reflektieren zu müssen. Tatsache ist, die Menschen verlieren zunehmend ihre Fähigkeit, sich zu bewegen. Wenn ich aktuell den Hype um die E-Scooter sehe, frage ich mich, was die Menschen dazu treibt, auf und mit ihren zwei Beinen einfach nicht mehr richtig gehen zu wollen?

Waldbühne: Wedo-Jubiläumskonzert am 17. August 2019 um 19 Uhr Tel. 01806-570070