Ausstellung

Blick in den Giftschrank der Kunstgeschichte

Der Erbe wiegt schwer: „Inspiration Afrika. Ein Kontinent im Blick der deutschen Bildhauerei im 20. Jahrhundert“ im Kunsthaus Dahlem.

Hans Wimmers Bronze „La Belle Africaine – ABA“ aus dem Jahre 1966.

Hans Wimmers Bronze „La Belle Africaine – ABA“ aus dem Jahre 1966.

Foto: Nick Ash

Berlin. In Hockstellung, entspannt und doch zum Sprung bereit, sitzt er da, nackt natürlich, wie viele andere Afrikaner, die deutsche Bildhauer seit der Kolonialzeit in Plastiken bannten. „Hockender Neger“, nannte Gerhard Marcks seine Bronze noch ganz unbefangen, als er sie 1956 nach einer Reise durch südafrikanische Staaten schuf. In seinen Briefen an Freunde und Bekannte zeigte er sich tief beeindruckt, mit Fotografien und Zeichnungen hielt er das Erlebte fest. Doch immer wieder führte es ihn auch an seine Grenzen: „Wo anfangen bei so viel Eindrücken. Bisher labt sich mein Auge an Hereros. Aber wie kann man das allzu Fremde sich zu eigen machen? Hier hat die europäische Kunst ein Ende.“

Ausstellung will diffamierende Sprache vermeiden

„Hockender N*“ ist die Skulptur von Marcks in der spannenden Ausstellung „Inspiration Afrika. Ein Kontinent im Blick der deutschen Bildhauerei im 20. Jahrhundert“ im Kunsthaus Dahlem betitelt – ein Notbehelf, um der diffamierenden Sprache aus der Kolonialzeit zu entgehen. Wie immer widmet sich das Kunsthaus Dahlem hoch sensiblen politischen Themen, ein Unterfangen, das nicht ohne Risiko ist, wie Dorothea Schöne, die Direktorin des Hauses verrät: „Ich spreche immer gerne vom Giftschrank der Kunstgeschichte. Ihn zu öffnen – wenn man etwa NS-Kunst oder rassistische Kunst zeigt – ist eine Gratwanderung. Ohne Kommentierung und Kontextualisierung wäre das undenkbar. So aber erlaubt es eine kritische Reflexion. Dennoch muss man bei jeder Ausstellung immer wieder aufs Neue sehr genau abwägen.“

Blick aus der Kolonialzeit bis in die 1950er Jahre

Neben der verheerenden NS-Kulturpolitik und den damit verbundenen Themen von Raubkunst und Restitution ist das koloniale Erbe mit den in Sammlungen angehäuften Artefakten zurzeit ein großes Thema in der kritischen Auseinandersetzung der Museen mit ihrer Geschichte. Die Ausstellung im Kunstmuseum Dahlem zeigt anhand von 12 Künstlern, wie afrikanische Kunst deutsche Bildhauer von der Kolonialzeit bis in die 1950er-Jahre beeinflusst hat. Oft bestimmen Projektionen die Rezeption. Fasziniert vom „Exotischen“ und „Fremden“ verklären die Künstler die Afrikaner entweder als Edle Wilde oder verunglimpfen sie als unzivilisierte Primitive.

Darstellung ohne rassistische Klischees

Die kolonialen Fallen, in welche die Künstler tappen, prägen auch unsere Wahrnehmung wie Dorothea Schöne sagt: „Manchmal tut es gut, sich bei den eigenen festgefahrenen Rede- und Sehgewohnheiten erwischen zu lassen.“

Auch die Künstler, deren Umgang mit Afrika ganz unterschiedlich ist, sind nicht frei von solchen Mustern. Entweder ließen sie sich – wie die westeuropäische Moderne – von Formen und Motiven der afrikanischen Kunst inspirieren. Ein Beispiel hierfür ist Jeanne Mammen. Oder aber sie stilisierten afrikanische Typen, die besonders bei der Darstellung von Männern selten ohne rassistische Klischees auskamen. Ein nackter junger schwarzer Mann wird von Robert Maison 1892/1893 auf einem bockigen Esel fast als Karikatur dargestellt, ein „Tanzender Afrikaner“ von Fritz Behn aus dem Jahr 1911 erweckt den Eindruck des von den Kolonialherren gepredigten „Primitivismus“.

Schwarze Frauen werden hingegen nicht selten idealisiert, etwa bei der an christlichen Pietà-Darstellungen angelehnten „Roten Mutter“ von Walter von Ruckteschell, der an Nofretete orientierten Bronze „La Belle Africaine – ABA“ von Hans Wimmer aus dem Jahr 1966 oder der eleganten „Hererofrau“ von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1955.