Porträt

Detektive der Alten Musik

Die Capella de la Torre wurde von der Schalmeispielerin Katharina Bäuml gegründet. Ein Treffen mit den ungewöhnlichen Musikern.

Capella de la Torre

Capella de la Torre

Foto: Capella de la Torre/Andreas Greiner-Napp

Das Wochenende war großartig, aber anstrengend. Zwei Konzerte in zwei Städten, dazwischen Proben, danach eine lange Heimfahrt nach Berlin. Endlich kann Katharina Bäuml ausschlafen. „Ich genieße es dann sehr, am Montagvormittag einkaufen zu gehen. Wer kann das sonst schon?“, erzählt die Leiterin der Capella de la Torre. Als freiberufliche Musikerin hat sie viele Privilegien. Sie hat keinen Chef, keine festen Arbeitszeiten und kann sich ausschließlich mit Themen beschäftigen, die sie wirklich interessieren. „Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen, als selbstständig zu sein – auch wenn es selbst und ständig bedeutet“, lacht die Oboistin und Schalmeispielerin.

Die Formation hat schon viele Preise gewonnen - vom Echo bis zum Opus-Klassik-Preis

Ihre 2005 gegründete Capella gehört zu den international gefragten Spezialensembles für Bläsermusik der frühen Neuzeit. 25 CD-Einspielungen, ein Exklusivvertrag mit dem Plattenlabel Sony, zwei Echo-Klassik-Preise und einen Opus-Klassik-Preis in den letzten drei Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Am 26. September ist das Ensemble wieder einmal in Berlin zu erleben. Gemeinsam mit dem Rias-Kammerchor führt es unter dem Motto „Deutschlands Licht“ Werke von Schütz, Praetorius und Bassano auf. Am Pult steht Justin Doyle.

Als Katharina Bäuml anfing, moderne Oboe zu studieren, wollte sie Solo-Oboistin in einem erstklassigen Orchester werden. Tatsächlich schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab, doch da hatte sie sich schon für die historischen Instrumente begeistert. Sie studierte zusätzlich Alte Musik in Holland und Basel. „Irgendwann traf ich meinen alten Lehrer wieder. Der packte mich am Ellenbogen und sagte: ‚Aber Kind, du warst doch gut. Warum machst du denn jetzt Alte Musik?‘“

Manche Menschen können sich gar nicht vorstellen, dass eine junge Musikerin die unsichere freiberufliche Existenz der Aussicht auf eine feste Orchesterstelle vorzieht. Die Alte Musik ist eine Nische im klassischen Musikbetrieb. Festanstellungen existieren dort nicht. Die ständige Akquise von Konzertterminen, das Telefonieren und Schließen von Verträgen sind nicht immer vergnüglich. Umso mehr aber das Konzipieren von spannenden Programmen, das detektivische Aufspüren der Noten, das Üben auf der Schalmei, das Herstellen der Mundstücke und natürlich die Konzerte. „Ich organisiere gern, aber mein Herz schlägt für die Bühne“, meint die Ensembleleiterin.

Die zwölf Musiker kommen aus ganz Deutschland zusammen

Zwölf Musiker aus ganz Deutschland umfasst die Capella de la Torre. „Wir achten darauf, dass nicht nur die musikalische Qualität, sondern auch das Menschliche stimmt“, sagt Bäuml. Das ist anders als im Orchester, wo man auch mit Musikern, mit denen man sich nicht perfekt versteht, 30 Jahre lang unisono spielen muss. Man entwickelt selbst kreative Ideen, statt zu spielen, was auf dem Pult steht. Dafür verzichtet man auf ein festes Einkommen und geregelte Probenzeiten. In der Capella gibt es für jedes Instrument eine Doppelbesetzung. Das schafft die nötige Flexibilität, denn die freiberuflichen Musiker wirken auch in anderen Ensembles und Projekten mit.

Für Hildegard Wippermann, die Altpommer und Blockflöten spielt, steht die Capella de la Torre im Mittelpunkt, aber sie musiziert auch solistisch und als Gast im Ensemble Weserrenaissance, im Freiburger Barockorchester und an der Bayerischen Staatsoper. „Jeder von uns hat ein Netzwerk“, meint sie. Die Hälfte ihrer Arbeitszeit investiert sie in die Konzerte, die andere Hälfte in das Unterrichten ihrer Schüler.

„Ohne diesen Beruf würde ich hier trübsinnig herumsitzen“

Die Flexibilität empfindet sie an der Freiberuflichkeit als Segen und Fluch zugleich: „Manchmal hat man wochenlang überhaupt keine Freizeit. Dann wieder gibt es Phasen, wo es gern mehr Termine geben könnte.“ Schwierig findet sie das Pflegen von sozialen Kontakten. Auch die Familie hat manchmal unter dem Stress zu leiden. „Ohne diesen Beruf würde ich hier aber trübsinnig herumsitzen. Ich finde es wunderbar, so wie es ist!“

Der Percussionist Peter A. Bauer arbeitet seit 20 Jahren als selbstständiger Musiker. Auf die Sicherheit und das feste Gehalt von Orchestermusikern ist er manchmal schon neidisch. „Als Selbstständiger muss man sich auf das fokussieren, womit man auch Geld verdienen kann“, meint er. Er hat Jazz/Popularmusik studiert, stellte aber bald fest, dass die Gagen im Bereich der Alten Musik höher sind. Hauptsächlich spielt er in der Capella de la Torre und der Lautten Compagney, aber auch in anderen Ensembles. Peter Bauer verfolgt eigene Projekte, komponiert Filmmusik, gestaltet Lesungen mit Musik und unterrichtet an der Leipziger Musikhochschule.

Ein Musikerberuf, um sich selbst zu verwirklichen

„Ich schätze, dass ich zwei Drittel meiner Zeit in Proben und Konzerte investiere. Der Anteil ist größer als die private Zeit, es ist aber nötig, um meinen Beitrag zum Familieneinkommen leisten zu können“, erklärt er. Die Familie lebt in einer alten Kirche am Leipziger Stadtrand. Seine Perkussionsinstrumente stehen im Gemeinderaum.

„Ich kann mich hier gut austoben, auch nachts um zwei“, verrät er. Peter Bauer wird es nie langweilig mit seinen vielfältigen Instrumenten, Projekten und Reisen. „In Sachen Selbstverwirklichung geht es niemandem besser als mir“, sagt er. Darüber ist er sich mit seinen beiden Musikerkollegen einig. Alle drei sagen „Ja“ auf die Frage, ob sie ihren Traumberuf gefunden haben.

Am 26. September um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie. Tel.: 20298725