Irische Autorin

Sally Rooney ist die neue Stimme der Generation Y

Die irische Autorin Sally Rooney erzählt im Roman „Gespräche mit Freunden“ von unsicheren Identitäten.

Die 28-jährige irische Autorin Sall Rooney wurde für ihr Debütroman gefeiert.

Die 28-jährige irische Autorin Sall Rooney wurde für ihr Debütroman gefeiert.

Foto: dpa Picture-Alliance / DPR / picture alliance / TT NEWS AGENC

In Krisenzeiten, schrieb der amerikanische Schriftsteller Frank O’Hara, „muss sich jeder von uns immer wieder entscheiden, wen er liebt“. Dieses Motto stellt die 28-jährige irische Autorin Sally Rooney ihrem Debütroman „Gespräche mit Freunden“ voran. Im Zentrum ihrer Geschichte stehen zwei Studentinnen Anfang 20, in deren Leben sich ein glamouröses Paar Anfang 30 hineinliebt. Jene, die sich ständig neu entscheiden müssen: Damit meint Rooney offenbar alle bis Mitte 30, also die „Generation Y“, als deren „literarische Stimme“ die Londoner Presse die Autorin feiert.

Natürlich ist dieser Entscheidungszwang heute kein bloßes Jugendphänomen. Mit dem Druck, in unverbindlichen Zeiten irgendwie „Ja“ sagen zu müssen zu einem (neuen?) Beruf, zu den richtigen (besseren?) Freunden, zu einer eigenen (anderen?) Sexualität, einem unkonventionelleren (freieren?) Lebensentwurf: Damit soll jeder klarkommen. Weshalb auch die 1965 geborene US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker („Sex and the City“) staunend über Rooneys Debüt stammeln kann: „Dieses Buch. Dieses Buch. Ich habe es an einem Tag gelesen.“

Der Roman soll in nur drei Monaten entstanden sein

So, hoch genug gehängt. Denn „Gespräche mit Freunden“ wartet zwar mit allerlei gesellschaftskritischem und lässig-destruktivem Bling-Bling auf, verläuft aber im Grunde ziemlich spitzenhäubchenmäßig, und zwar so: Junge Frau einfacher Herkunft und mit erwachender Schriftstellerinnen-Ambition verliebt sich in einen schönen verheirateten Schauspieler, hat oft Unterleibs- und Kopfschmerzen, fällt hin und wieder in Ohnmacht, kann kaum etwas essen, findet zu Gott und wartet, dass der Mann sie abholt. Klingt nach frühem 19. Jahrhundert; fürs nötige Gegenwartskolorit sorgen Grübeleien über Groß- oder Kleinschreibung in Chats, verhalten exzessive Abende in angesagten Poeten-Kneipen, ausgesuchte Bandnamen und Filmtitel und ein paar Abstürze.

Als das jetzt auf Deutsch erschienene Buch vor zwei Jahren auf Englisch herauskam (inzwischen erschien ihr zweiter Roman „Normal People“), war auf den Britischen Inseln ein neuer Literatur-Star geboren. Rooneys einfacher, manchmal sogar brillant lakonischer Stil ist von einem ausgeprägten Nicht-Kunstwollen. Den Roman soll sie binnen drei Monaten in die Tasten gehauen haben, was nur jemand erstaunlich finden kann, der den vollständigen Verzicht auf Komplexität für eine anstrengende Arbeit hält. Ihre zwischen bestürzend banale Paar-Dialoge gestreuten Partikel einer feministischen Kapitalismuskritik und ihr anfangs noch sympathisch beherztes Schildern aktiven weiblichen Begehrens haben bei ihr nichts Einschüchterndes oder Arrogantes.

Rooney schafft es, im Gegenteil, sowohl Körpervorgänge als auch Philosophennamen wie Lacan oder Deleuze so fallen zu lassen, als hätten sie keinerlei Bedeutung, außer eine Figur mit Diskurs-Parfüm zu besprühen. So wie es manche Menschen langweilt, in pinkfarbenen Strandschmökern Markennamen wie Gucci oder Prada zu lesen, die einen Charakter anhand seiner Konsum-Oberfläche beschreiben, können Rooneys Leser solche vermeintlichen Intellektualitäts-Duftmarken getrost an sich vorüberziehen lassen, ohne sich dadurch zum Nachdenken angestiftet zu fühlen. Es hat schlichtweg keine Konsequenzen.

Spannend wird es aber, wenn die Hauptfigur, Frances, diese Egalheit schlauer Aussagen selbst wie zufällig verfügbare Hülsen beschreibt: „Ich hatte das Gefühl, immer und überall sagen zu können, was ich wollte, und erst hinterher dachte ich: Oh, so ein Mensch bin ich also.“ In Ermangelung äußeren Zwangs überprüft sie die eigenen Worte auf deren soziale Erwünschtheit und findet, „dass mein Desinteresse an Reichtum ideologisch gesund war“. Das Gesagte nimmt sie wie von außen wahr, spiegelt es an Dritten, um sich ihrer Identität zu vergewissern, genauso wie ihren depersonalisierten und mit Selbstverletzungen zwanghaft spürbar gemachten Körper, dem sie hübsche Vergleiche angedeihen lässt: „Ich sah aus wie etwas, das zu schnell vom Löffel geglitten war, bevor es Zeit hatte, sich zu setzen.“ Die einzige, die nicht vom Urteil anderer abhängig zu sein scheint, ist Bobbi, Frances’ beste Freundin und Ex-Geliebte.

Klassenunterschiede spielen nur im Hintergrund eine Rolle

Nun könnte man sagen: Welch ironisches Bravourstück, entlarvt Rooney doch sozialkritische Nebelkerzen als das, was sie inzwischen bei manchen sein mögen: Distinktionsgewinne, nichts sonst. Zumal auch die mit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ wiederentdeckte Bedeutung von Klassenunterschieden im Hintergrund ein wenig irrlichtern darf. Trotzdem entwickelt ihr Roman nie jenen beißenden Existenzialismus wie etwa Hegemanns ähnlich konzipierte Geschichte „Bungalow“, wo sich ein junges Mädchen aus der Unterschicht in ein Glamourpaar verliebt.

Auch die Sexszenen sind so geschrieben, dass sie Konservativen und Feminismus-Skeptikern keine Angst machen müssen. Denn zwar liebt Frances sowohl einen Mann als auch eine Frau, aber nur die heterosexuellen Akte werden ausgiebig geschildert, zwischen den Frauen gibt’s nur keusche Küsse. Man könnte „Gespräche mit Freunden“ also entspannt als harmlose Strandlektüre „an einem Tag“ weglesen wie Sarah Jessica Parker. Wären da nicht ein paar Marotten wie billig erzeugte Spannung: Leute verschweigen da ohne Not etwas, nur damit es einige wehleidige Kapitel später eine Aussprache geben kann. Bei Dialogen fehlen konsequent die Anführungszeichen, was dazu führt, dass manche Sprecherwechsel ungeklärt bleiben. Und sehr, wirklich sehr oft heißt es: „Ich hob die Schultern“. Ja, das kann man machen.

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Luchterhand Verlag, 384 S., 20 Euro