Spionage-Thriller

Als der Geheimdienstchef in den Osten ging

Otto Johns Ausflug nach Ost-Berlin bleibt ungeklärt. 1956 wurde er wegen Landesverrats zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (1950-54), Otto John (mitte) spricht am 6. August 1954 im Ost-Berliner Café Warschau mit dem Präsidenten des Nationalrats der DDR, Erich Correns (rechts) und dem Architekten Hermann Henselmann. Unter ungeklärten Umständen war John im Juli 1954 - angeblich als politischer Flüchtling - in die DDR gelangt. Er selbst erklärte nach seiner ebenso überraschenden Rückkehr in die Bundesrepublik im Dezember 1955, Opfer einer Entführung gewesen zu sein.

Der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (1950-54), Otto John (mitte) spricht am 6. August 1954 im Ost-Berliner Café Warschau mit dem Präsidenten des Nationalrats der DDR, Erich Correns (rechts) und dem Architekten Hermann Henselmann. Unter ungeklärten Umständen war John im Juli 1954 - angeblich als politischer Flüchtling - in die DDR gelangt. Er selbst erklärte nach seiner ebenso überraschenden Rückkehr in die Bundesrepublik im Dezember 1955, Opfer einer Entführung gewesen zu sein.

Foto: Heilig / picture-alliance / dpa

James Bond, Alleinkämpfer gegen alle kommunistischen Geheimdienste, war noch nicht in den Kinos. Aber der Ost-West-Krimi, der am Abend des 20. Juli 1954 am Berliner Sektorenübergang Invalidenstraße begann, hätte ihm alle Ehre gemacht. Nicht nur wegen der Autonummer mit den Ziffern „005“ auf dem Ford Crestliner, der dort langsam in den Osten rollte.

Auch die Insassen hatten es in sich: am Steuer der Playboy Wolfgang Wohlgemuth, ein Frauenarzt. Für die Zeitungen ein „Salonbolschewist“ oder „Wüstling in einem unvorstellbaren Sittensumpf“. Im Fonds die Hauptperson: Otto John, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der war gerade dabei, in den Osten zu gehen, weil er genug von Adenauer, von den alten Nazis in Bonn und dem Westen überhaupt hatte – meinten die einen später.

Oder saß John vorne, ohnmächtig, wie andere sagten? Und kam von hinten, unter einer Decke immer dann eine dritte Person hervor, in der Rechten ein Betäubungsmittel, wenn John wieder einen Muckser machte? Ein West-Berliner Grenzbeamter sagte später, er habe auf seinen Hinweis, „Sie fahren jetzt in den Ostsektor“, aus dem „005“-Ford von beiden – wachen – Insassen die Antwort erhalten: „Da wollen wir hin“. Aber was zählten schon einfache Zeugen damals, als der spektakulärste Geheimdienstskandal der Bundesrepublik begann, vor jetzt 65 Jahren?

Johns Ehefrau Lucie bangte in einem West-Berliner Hotel

Zwei Wochen war es her, dass die Deutschen als Fußball-Weltmeister wieder etwas Anerkennung erheischten, da wurden sie, besonders die Berliner, am 21. Juli jäh wieder an ihre prekäre Lage im Kalten Krieg erinnert. Erst war es Johns Frau Lucie, die in der Morgendämmerung im West-Berliner Hotel bangte, weil ihr Mann nach seinem Abendtermin ausgeblieben war, dann die Polizei, schließlich waren die Alliierten alarmiert. Am Abend informierte das Radio alle: Geheimdienstchef John ist verschwunden.

Als am 22. Juli die Behörden ahnten, dass John in Ost-Berlin gelandet sei, nur wie? – da war plötzlich, knarzend, schon seine Stimme im Ost-Rundfunk zu hören: „Deutschland ist in Gefahr, durch die Auseinandersetzung zwischen Ost und West auf ewig zerrissen zu werden. Es bedarf einer demonstrativen Aktion, um alle Deutschen zum Einsatz für die Wiedervereinigung aufzurufen. Deshalb habe ich am Jahrestag des 20. Juli einen entschlossenen Schritt getan und die Verbindung mit den Deutschen im Osten aufgenommen.“

Soweit war es nun klar. Aber war John wirklich freiwillig rübergegangen, welche Rolle spielte Wohlgemuth? Wollte John im Osten bleiben oder zurückkommen? Könnte er gehen, war er gefangen? Gab er Geheimnisse preis? Mit letzter Sicherheit ist auch nach 65 Jahren nicht geklärt, was genau geschah damals; und in den folgenden 16 Monaten, die der West-Schlapphut im Osten weilte. Auch wenn das jetzt erschienene Buch von Benjamin Carter Hett und Michael Wala „Otto John. Patriot oder Verräter. Eine deutsche Biografie“ im Klappentext den Anspruch reklamiert, nach Sichtung „nie ausgewerteter“ Quellen eine „abschließende Bewertung“ des Falles abgeben zu können. Weiter hinten schreiben die Autoren, sie hoffen, dass endlich die Archive der russischen Geheimdienste geöffnet würden, um mehr zu erfahren.

Das Buch bringt keine spektakulären neuen Thesen. Seine Lesart: John sei – mit reichlich naiven Vorstellungen – wohl freiwillig nach Ost-Berlin gegangen, um dort mit sowjetischen Vertretern mal abends einen Friedensprozess zu ventilieren und ein neutrales Gesamtdeutschland zu entwerfen. Er sei aber nicht ganz freiwillig dortgeblieben. Damit teilen die Autoren die meist verbreitete Sichtweise. Was aber das Buch der beiden Historiker äußerst lesenswert macht, ist die minuziöse, spannende Aufarbeitung des Krimis, vor allem seine Vorgeschichte im Zweiten Weltkrieg.

Es war kein Zufall, dass der Übertritt am zehnten Jahrestag des Hitlerattentats stattfand. Die Teilnahme an den Feiern im Bendlerblock sollten John unauffällig den Abstecher in den Osten ermöglichen. Er hatte zum Kreis der Verschwörer gehört. Als Lufthansa-Jurist versuchte er ab 1942 von Madrid aus Kontakt zu den Alliierten zu knüpfen. Das Ziel: nach dem Attentat ein Separatfrieden mit dem Westen. Schließlich musste er sich nach England absetzen.

Ein Salonkommunist mit Draht in den Osten

Nach Kriegsende war er Zeuge im Nürnberger Prozess, zögerte aber mit einer generellen Rückkehr nach Deutschland. Die glatte Wiedereingliederung von Nazi-Schergen weckte seinen Widerwillen. Durch Bekanntschaften und Vermittlung hin zu Theodor Heuss ernannte ihn der Bundespräsident – gegen Adenauers Willen – 1950 zum Verfassungsschutz-Chef. Bald kam zu seiner Kritik wegen der Altnazis auch im eigenen Amt die an Adenauers Politik hinzu. Dessen Westbindung, die Ablehnung der „Stalin-Note“, der strikte Antikommunismus – John verstand die Welt nicht mehr.

Wohlgemuth, der Salonkommunist mit Draht in den Osten, kannte den Unmut seines Freundes Otto. Er knüpfte Kontakte zu dessen sowjetischen Kollegen in Karlshorst. Man könne doch mal reden. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Aber nicht den geplanten. Viel Alkohol gab es an jenem Abend-Treff, womöglich auch ein irgendwo eingeträufeltes Schlafmittel, Erbrochenes auf Johns Anzug lässt das vermuten. In der Nacht gab es kein Zurück, auch nicht am nächsten Tag, nicht am übernächsten. Halb traute er sich nicht, halb ließ man ich nicht.

Er sah nur noch einen Ausweg: Das Spiel des Ostens mitspielen, Adenauer mochten die ja auch nicht. Wie das alles enden sollte – keine Ahnung. John sprach in Ost-Berlin vor der Weltpresse, vor 300 Journalisten, griff dort die Bonner Politik an. Dann weilte er mehrere Monate in Moskau. Zurück aus Moskau erhielt er in Ost-Berlin ein Büro samt Sekretärin und Auto. Alles verwanzt, alles überwacht. Ab und zu sah man ihn in Zeitungen, bei der Diskussion vor Modellen des neuen Alexanderplatzes, lachend im Café Warschau an der Stalinallee.

Gegen Ende 1955 wurde ihm sein nutzloses Dasein immer klarer. Er sah, dass auch im Osten Altnazis Karriere machten, ärgerte sich über die Diktatur. Er begann, auf der Straße laut unanständige amerikanische Lieder zu singen und über die Partei herzuziehen, ging auf harte Sauftouren durch die Kneipen, die Stasi am Nachbartisch. Wollte er seinen Rausschmiss provozieren? Am 12. Dezember 1955 hatte er genug. Trickreich schüttelte er seine Begleiter ab und ließ sich – wie verabredet – von einem Dänen unbehelligt in den Westen chauffieren. Er war zurück, der Spuk vorbei. Und die Probleme begannen: Verhaftung, Prozess.

Ob er wirklich meinte, er käme durch mit seiner Behauptung von der Entführung, ob er selbst daran glaubte? Der Staatsanwalt forderte zwei Jahre Zuchthaus, wegen seiner Kooperation mit den Ostbehörden. Das Urteil: vier Jahre. Wieder war John bestätigt: Der Ermittlungsrichter war ein überzeugter Alt-Nazi. Und als das Gericht Johns Teilnahme am Widerstand thematisierte, geschah dies in anklagendem, nicht entlastendem Ton.

Nach zwei Jahren wurde John von Heuss begnadigt, Bundespräsident von Weizsäcker besorgte ihm 1986 eine Sonderrente. 1997 starb er mit 88 Jahren. Seit seiner Freilassung 1958 bis zu seinem Tod kämpfte er um ein neues Verfahren, kam nie durch, trotz Unterstützung von Brandt, Wehner und Strauß. An nennenswerten Veröffentlichungen vertreten die Entführungs-Lesart einzig eine Arbeit des Rechtswissenschaftlers Klaus Schaefer von 2009 – und die Memoiren von Markus Wolf aus dem Jahr 1997, warum auch immer. Nachdem er, der Spionagechef der DDR, immer hartnäckig das glatte Gegenteil behauptet hatte. Es bleibt spannend.