Autor gestorben

Zum Tod von Andrea Camilleri: Die andere Stimme Italiens

Sein Commissario Salvo Montalbano machte ihn weltberühmt: Zum Tod des großen Schriftstellers Andrea Camilleri.

Andrea Camilleri. Camilleri war einer der großen italienischen Erzähler.

Andrea Camilleri. Camilleri war einer der großen italienischen Erzähler.

Foto: Claudio Peri / dpa

Als 92-Jähriger stand Andrea Camilleri im Sommer 2018 noch auf der Bühne des griechischen Theaters in Syrakus. Zu sehen war er in der Rolle des blinden Sehers Teiresias in einem Stück, das er selbst geschrieben hatte. „Seit ich nicht mehr sehen kann, sehe ich besser“, lässt Camilleri, selbst längst erblindet, den mythischen Seher sagen. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Geschichten und Charaktere zu erfinden. Meine schönste Erfindung war die eines Kommissars, der auf der ganzen Welt bekannt ist.“ Dieser Kommissar mit dem Namen Salvo Montalbano (benannt nach dem spanischen Krimiautor Manuel Vazquez Montalban, den Camilleri verehrte) begleitete ihn 25 Jahre seines Lebens. Die lange Zeit war der Hartnäckigkeit seiner Verlegerin geschuldet. Camilleri wollte eigentlich schon nach dem zweiten Band „Ein Hund aus Terracotta“ aufhören. Insgesamt wurden es 30 Bände, und Montalbano wurde zu einem Alter Ego des Autors.

Er verwischte die Grenze zu seinen Figuren

Vor zwei Monaten erschien der letzte Band „Il cuoco dell’ Alcyon“, der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist. Was Montalbano sagte und dachte, meinte auch Camilleri. Was andere Autoren ärgert, mit ihren Charakteren verwechselt zu werden, hat Camilleri selbst gefördert, indem er die Grenzen verschwimmen ließ und von sich selbst als Montalbano sprach und umgekehrt. So wurden seine Romane zu einem launigen Sittenbild über die Zustände im Land. Sie gewährten erfrischende Einblicke und eröffneten neue Perspektiven auf Themen wie Mafia, Korruption und das komplizierte italienische Politiksystem. Camilleri war moralisch, aber nie moralisierend, mit einem tiefen Verständnis für seine Mitbürger. Als Exilsizilianer, der mittlerweile in Rom lebte, bewahrte er sich einen liebevollen Blick auf seine gebeutelte Heimatinsel, die er mit viel Ironie und Humor in einer vielgerühmten sprachlichen Mischung aus Italienisch und Sizilianisch beschrieb.

Montalbanos Veranda mit Blick aufs Meer, das Flüchtlinge anspült, die Mole, die er zum Nachdenken und Verdauen nutzte, das Restaurant, in dem er erstaunliche Mengen an Pasta und Meeresfisch vertilgte und das Kommissariat mit seinen eigenwilligen bis sonderbaren Mitarbeitern, gibt es in Wirklichkeit nicht. Auch Vigata, Montalbanos Wirkungsstätte und die dazugehörige Provinz Montelusa sind erfunden. Kurzfristig nannte sich Porto Empedocle, der Ort in der Provinz Agrigent, in dem Camilleri 1925 geboren wurde, Porto Empedocle-Vigata. Aber Camilleri betonte in Interviews, Vigata sei ein erfundener idealer Ort, inspiriert zwar von seiner Geburtsstadt und nur dem Klang nach an das nahe Licata angelehnt.

Camilleri erlebte als Kind und Jugendlicher den Faschismus und die Invasion der Alliierten in Sizilien. Ab 1949 studierte er Regie in Rom und lernte seine Frau Rossetta Dello Siesto kennen, mit der er ein Leben lang glücklich verheiratet war und drei Kinder hatte. Er nannte sie das Rückgrat seines Lebens. Die Hochzeit erklärte er später zum schönsten und lustigsten Tag seines Lebens: In der Nacht zuvor wollte er noch flüchten, die Jacke war zu eng, der Vater fiel in Ohnmacht und seine Frau verwechselte die Finger beim Ringtausch „und heiratete den Priester“. Er schrieb Gedichte, inszenierte Becket, Ionesco und Strindberg und arbeitete für die staatliche Fernsehanstalt Rai als Produzent und Drehbuchautor. Aber seine wahre Karriere begann er mit fast 70 Jahren, 1994 mit „Die Form des Wassers“, seinem ersten Band aus der Montalbano-Reihe. Daneben schrieb er noch historische Romane. Politisch engagierte er sich für die Kommunistische Partei, in der Opposition gegen Berlusconi und aktuell als Kritiker der italienischen Flüchtlingspolitik.

Brechreiz bei Matteo Salvini mit Rosenkranz

Zuletzt meldete er sich Mitte Juni im Radio Radicale. Ihm komme der Brechreiz, wenn er den italienischen Innenminister und Chef der rechtsgerichteten Lega Matteo Salvini mit dem Rosenkranz sehe. Er würde ein christliches Symbol instrumentalisieren. Das sei Ausdruck einer neuen Vulgarität. Ein Jahr zuvor hatte er den Minister wegen seiner rigorosen Flüchtlingspolitik attackiert: „Ich will keine Vergleiche ziehen, aber rund um die extremistischen Positionen von Salvini“, sagte er der römischen Zeitung „Repubblica“, „spüre ich eine ähnliche Zustimmung, wie ich sie 1937 als 12-Jähriger rund um Mussolini gespürt habe.“ Salvini sei kein Mann der Küste. Wenn er das Meer besser kennen würde, hätte er mehr Respekt vor Menschen, die gezwungen seien, in Schlauchbooten, deren Schicksal das Kentern sei, zu flüchten. „Es gefällt mir nicht, wie diese Notlage ausgenutzt wird. Weiter mit der Angst der anderen zu spielen, ist gefährlich.“

Sein letzter Auftritt hätte am 15. Juli 2019 in den Caracalla-Thermen in Rom stattfinden sollen. Er wollte mit der Kainsgeschichte erzählen, wie das Böse in die Welt kam. Und seine Karriere als Erzähler mit einem Rundgang mit der Mütze beenden. Seine politische Bilanz war weniger versöhnlich. Niemals hätte er gedacht, dass er seinen Enkeln und Urenkeln so ein Italien hinterlassen müsse, ein Italien, das gerade alles zerstöre, was er geholfen habe aufzubauen. Dass er sich diesbezüglich als Staatsbürger gescheitert sah, belastete ihn sehr.

Andrea Camilleri wurde Mitte Juni nach einem Herzstillstand in eine römische Klinik eingeliefert. Dort starb er am gestrigen Mittwoch im Alter von 93 Jahren. So bleibt sein letzter Auftritt der des blinden Sehers. Diese Stimme wird nicht nur in Italien fehlen.