Berliner Museen

Mehr als Frau-Sein: Politische Kunst im Schinkel Pavillon

Im Schinkel Pavillon in Mitte werden Arbeiten gezeigt, die feministische Positionen der vergangenen 100 Jahre reflektieren.

Richard Paulick entwarf den Schinkel Pavillon, ein achteckiges Gebäude
in der historischen Mitte Berlins.

Richard Paulick entwarf den Schinkel Pavillon, ein achteckiges Gebäude in der historischen Mitte Berlins.

Foto: Max Müller

Berlin. Bewegt man den Hebel, der unterhalb des Aquariums angebracht ist, geht plötzlich Licht an. Die metallischen Figuren beginnen, sich zu bewegen, Musik erklingt. „Erste Liebe“ heißt das Werk, das Irma Hünerfauth (1907–1998) im Jahr 1973 als Teil ihrer Serie „Sprechende Kästen“ anfertigte. Als Materialien verwendete die heute fast vergessene Künstlerin scheinbaren Schrott. Überreste, denen die Funktion zu fehlen schien – und die Hünerfauth zu kleinen, berührenden Figuren zusammensetzte.

Die Arbeit kann getrost als Werk gegen die Ressourcenverschwendung interpretiert werden. Gleichwohl ist es eine der unauffälligeren Beiträge der Ausstellung „Straying from the Line“, die noch bis zum 28. Juli im Schinkel Pavillon in Mitte besucht werden kann und sich mit feministischen Positionen der vergangenen 100 Jahre beschäftigt.

Erich Honecker feierte hier mondäne Cocktailpartys

Das Haus an sich ist ein Kleinod. Auch wenn es den Namen des bekannten preußischen Baumeisters trägt, ist es doch Richard Paulick (1903–1979) gewesen, der das Oktagon, also den achteckigen Rundbau, entwarf. Früher feierten Erich Honecker und andere DDR-Bonzen mondäne Cocktailpartys in dem Ensemble. Seit zwölf Jahren dienen der Pavillon und die darunter liegende Klause – ein ehemaliges Restaurant – als Ausstellungsort, in dem die Künstlerin und Kuratorin Nina Pohl regelmäßig Ausstellungen präsentiert.

Ihre Gruppenschau umfasst Arbeiten von annähernd 50 Künstlern und Künstlerinnen und stellt Tendenzen in der feministischen Kunst der letzten 100 Jahre vor. Dabei ist das Thema nicht nur auf weibliche Emanzipation, Selbstbestimmung und Autonomie beschränkt. Einige Arbeiten beschäftigen sich auch mit der Diskriminierung von Alten, Andersgeschlechtlichen und Behinderten. Die Werke stammen dabei aus Deutschland, Europa und vor allem auch den Vereinigten Staaten.

Gängige Schönheitsideale werden kritisch hinterfragt

Einige Arbeiten transportieren eine klare Botschaft. So hat die Künstlerin Teresa Burga (*1935) für ihr „Objeto-Estructura-Informe Antropométrico“ („Objekt-Struktur-Anthropometrischer Bericht“) aus der mehrteiligen Installationsreihe „Perfil de la Mujer Peruana“ („Profil der peruanischen Frau“) die Proportionen einer durchschnittlichen Peruanerin auf eine Glasscheibe gemalt und dahinter eine typische Schaufensterpuppe gestellt. Der radikale Unterschied fällt gleich ins Auge und hinterfragt kritisch gängige Schönheitsideale.

Spannend ist auch die skizzierte Lebensgeschichte der Engländerin Cosey Fanni Tutti (*1951), die gleichermaßen Künstlerin, Musikerin und Pornodarstellerin war. Eine zentrale Arbeit stammt von Lynda Bengalis (*1941). Ihre 500 Kilogramm schwere Bronzeskulptur „Eat Meat“ von 1975 gleicht einem erkalteten, geschlechtslosen Fleischberg. Auffällig ist der starke Fokus auf US-amerikanischen Positionen. Tony Cokes (*1956) hat für seine Arbeit „Face Value“ Tweets von Kanye West gesammelt und damit die Widersprüche des Kulturgeschäfts vorgeführt, von dem der US-Rapper gefeiert wird.

Betye Saars (*1926) Arbeit „Sunnyland (On the Dark Side)“ von 1998 ist eine Abrechnung mit der überzeichneten afroamerikanischen Werbefigur „Aunt Jemima“, während auf dem Waschbrett, das ihre Figur ziert, die Silhouetten gelynchter Sklaven zu erkennen sind. Einen Beitrag zur „Black Lives Matter“-Bewegung liefert Martine Syms (*1988) mit einer Sequenz aus ihrer Serie „Lessons LXXV“, in der der Künstlerin milchähnliche Farbe vom Gesicht läuft – ein politisches Statement gegen die Schönheitsideale der privilegierten weißen Oberschicht und zugleich Anspielung auf die Vorfälle in Ferguson, wo die Polizei die Demonstranten mit Tränengas zurückdrängte. Viele Betroffene übergossen sich daraufhin mit Milch, um ihre tränenden Augen zu beruhigen.

Einige Arbeiten schockieren noch heute

Die Ausstellung ist so konzipiert, dass der Besucher selbst entscheiden kann, was er als nächstes betrachten möchte. Die Wände sind beinahe durchsichtig und erlauben den Blick auf alle Arbeiten im Obergeschoss des Schinkel Pavillons – was zugleich unterstreichen soll, dass sämtliche Ausstellungsstücke, egal ob Skulpturen, Installationen oder Videos, thematisch miteinander verbunden sind. Seien es die radikalen Arbeiten der 60er- und 70er-Jahre oder auch einfach anmutende Fotografien aus den 20er-Jahren, in denen etwa das Spiel mit Geschlechtlichkeit der Künstlerin Claude Cahun (1894–1954) nachvollzogen werden kann.

Nicht alle Arbeiten sind unumstritten. Ein Teil schockiert noch heute. So wie das Foto von Aura Rosenbergs (*1946) siebenjähriger Tochter. Die Künstlerin ließ ihr Kind von Freunden schminken. Der Performancekünstler Mike Kelley verwandelte das Mädchen in ein Goth Girl, das an ein Vergewaltigungsopfer erinnert – und die Besucher über das Treppenhaus, wo das Bild hängt, nachdenklich entlässt.

Straying from the Line, noch bis 28. Juli im Schinkel Pavillon. Donnerstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr. Adresse: Oberwallstraße 1, 10117 Berlin. www.schinkelpavillon.de