Interview

Pedro Almodóvar: „Ohne Kino bin ich wertlos“

Sein neuer Film „Leid und Herrlichkeit“ ist sehr autobiografisch. Spaniens Kultregisseur Pedro Almodóvar über Dichtung und Wahrheit.

Wenn er Fotos sieht, wie er Regie führt, dann hasst er sich. Dabei kann Pedro Almodóvar nicht anders. Kino ist für ihn eine Sucht.

Wenn er Fotos sieht, wie er Regie führt, dann hasst er sich. Dabei kann Pedro Almodóvar nicht anders. Kino ist für ihn eine Sucht.

Foto: Arthur Mola / dpa

Es war ihm wieder verwehrt. Pedro Almodóvar, größter spanischer Regisseur aller Zeiten, der mit seinem sehr persönlichen, autobiografisch geprägten Film „Leid und Herrlichkeit“ im Mai im Wettbewerb von Cannes lief, ist abermals knapp an der Goldenen Palme vorbeigeschrammt. Sein Hauptdarsteller Antonio Banderas hingegen wurde als bester männlicher Schauspieler geehrt, dankte Almodóvar für 40 Jahre Freundschaft und acht gemeinsame Filme und widmete ihm den Preis. Ein kleiner Trost für Almodóvar, der im September 70 wird und in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhält. Zum Interview kommt er im knallgelben Polohemd, verfällt vom Englischen immer wieder ins Spanische und fordert die verwunderten Journalisten nach dem Gespräch doch auf, ein Selfie mit ihm zu machen.

Berliner Morgenpost: Wie nah liegen Leid und Herrlichkeit beisammen?

Pedro Almodóvar: Jeder Mensch kennt doch das Gefühl von Leid und Herrlichkeit. Herrlichkeit im Sinne von Spaß haben. Leider gibt es überall auf der Welt Menschen, deren Leben vor allem von Leid geprägt ist. Zum Glück leben wir in der ersten Welt, Leid und Herrlichkeit halten sich bei uns die Waage. Dabei hat gerade Leid ganz unterschiedliche Facetten, kann körperlich, seelisch, moralisch oder auch abstrakt sein. So ist das Leben, das ist normal.

Was überwiegt bei Ihnen?

Als Regisseur habe ich das große Glück, sagen zu können, dass es in meiner Karriere mehr Herrlichkeit als Leid gab. Denn ich konnte die Filme machen, die ich machen wollte. Ohne dass mir jemand reingeredet hat. Es gehört dazu, auch mal Fehler zu machen, denn aus denen kann man gestärkt hervorgehen.

„Leid und Herrlichkeit“ hat einen stark autobiografisch geprägten Touch. Antonio Banderas hat mir erzählt, dass er natürlich Sie spielt. Wie viel Almodóvar steckt wirklich in der Figur?

Ich kann nicht leugnen – die Figur bin ich. Aber sie ist eben auch Fiktion. Am Ende geht es einzig und allein um die Geschichte, nicht um mein Leben. Für mich spielt keine Rolle, was ich erfunden und was ich wirklich erlebt habe. Ich will die Wege meiner Figur nachvollziehen können. Das heißt nicht zwangsläufig, dass ich die gleichen Wege in die gleiche Richtung gegangen bin. Auch wenn ich das hier jetzt nicht ausschließen will. 20 Prozent von dem, was Sie sehen, ist eine direkte Projektion meiner persönlichen Erinnerungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Als ich neun Jahre alt war, wurde ich zum Nachhilfelehrer der ganzen Straße. Am späten Abend kamen immer so um die fünf jungen Feldarbeiter zu uns nach Hause, und ich habe ihnen Lesen, Schreiben und Algebra beigebracht. Meine Mutter hat mich als sehr streng mit ihnen beschrieben. Ich habe mich zwar nie in einen von ihnen verliebt wie der Junge in meinem Film, aber es hätte passieren können.

Haben Sie jemals an einen anderen Schauspieler als Antonio Banderas nachgedacht?

Nein. Er stand für mich von vornherein fest. Auch wenn ich wusste, dass ich mehr von ihm verlange als in anderen Filmen. Ich habe es ganz langsam vorbereitet, ihm erst von der Idee meines Filmes erzählt – ohne zu erwähnen, dass er die Hauptrolle spielen soll. Aber wir kennen uns schon zu lange. Er hat den Braten sofort gerochen. Er hat beim ersten Drehbuchlesen gleich die Komplexität der Figur verstanden. Auch, worauf es mir ankommen wird. Und dass es eben nichts mit dem zu tun hat, was wir in den 80er-Jahren gedreht haben. Für mich als Regisseur war es ein leichter Job.

Warum?

Ich musste gar nichts tun, ich konnte ich selbst sein. Natürlich habe ich ihm gesagt, was ich von ihm erwarte. Aber dann hat er von selbst abgeliefert. Es waren Kleinigkeiten, Gesten, mit denen ich nicht gerechnet hätte, die aber perfekt zur Figur passten. Für mich war das eine echte Entdeckung. Ich dachte, ich müsste viel mehr Druck auf ihn ausüben. Er hat mich überrascht. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Das Drehbuch ist sehr persönlich. Wie lange haben Sie gebraucht, um es sich abzuringen?

Es war eines der schnellsten Drehbücher, die ich je geschrieben habe. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass es mir leichtgefallen ist. Angefangen habe ich mit meinen Rückenschmerzen. Ich begann mit der Szene, in der meine Hauptfigur Salvador unter Wasser treibt, komplett ohne Körperspannung. Danach kamen viele kleine Momente. Fragmente, die ich schon in meinem Computer hatte und die nur darauf warteten, benutzt zu werden.

Der Regisseur im Film betäubt seine Schmerzen mit Heroin. Hatten Sie selbst Erfahrungen mit dieser Droge?

Nein. Nie. Ich hatte das große Glück in eine Zeit geboren zu werden, in der Spanien sich verändert hat. Mit dem Ende der Diktatur Francos war Spanien auf einmal ein freies Land. Die Achtziger waren eine großartige Zeit, um jung zu sein. Wir sind an alle möglichen Drogen gekommen, wussten allerdings nicht um die Folgen. Viele unserer Helden wie David Bowie oder Lou Reed waren abhängig. Aber sie waren eben auch großartig. Wir haben sie verehrt. Niemand hat uns über die Schattenseiten von Drogen aufgeklärt. Ich konnte der Versuchung zum Glück widerstehen, war aber von vielen Leuten umgeben, die süchtig waren.

Wie hat Sie das beeinflusst?

Als Drehbuchautor über Schmerz und den Einfluss auf Körper und Geist nachzudenken, hat mich fasziniert. Das jemand mit Schmerzen Erlösung im Rausch findet. Das sollte niemals eine Lösung sein, denn es verstärkt das Problem am Ende nur. Dadurch, dass ich die 80-er erlebt habe, wusste ich, wie Drogensucht aussieht. Ich musste es nur nochmal auffrischen. Antonio und ich haben einen drogensüchtigen Bekannten getroffen und ihn beobachtet. Wir saßen während seines Trips mit einem Notizbuch vor ihm und haben mitgeschrieben. Wie bewegt er sich, wie verliert er die Kontrolle über seinen Körper. Was macht der Rausch mit ihm. Absurd.

Ist es ein Zufall, dass die Filme, die Sie in den 80-ern gemacht haben, viel fröhlicher sind als Ihre Filme heute?

Nein. Denn ich war damals einfach viel glücklicher als heute. Heute bin ich wütend. In den Achtzigern war ich umgeben von tollen Menschen. Ich habe wie in einer Kommune gelebt, mein Leben fühlte sich an wie ein Ensemble-Stück. Jetzt lebe ich hinter verschlossenen Türen. Das mag auch an meiner körperlichen Verfassung liegen, aber ich lebe viel zurückgezogener als früher.

Inwiefern hat sich Ihr Regiestil seit den 80er-Jahren verändert?

Ich habe früher viel mehr Anweisungen gegeben. Mehr als die Schauspieler gebraucht haben. Das war furchtbar.

Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie an Ihrem Stil arbeiten müssen?

Ich weiß es nicht. Ich habe kein großes Selbstvertrauen. Wenn ich alte Fotos von mir sehe, erschrecke ich meist. Genauso wenig habe ich Vertrauen in meine eigene Arbeit. Die Schauspieler sind der Körper und das Herz eines jeden Films. Ich versuche, für sie da zu sein. Ich kümmere mich um sie. Daran hat sich seit den 80-ern nichts verändert. Nur rede ich jetzt weniger, erkläre weniger und lasse auch mal laufen. Aber wenn ich mich selbst sehe, wie ich Regie führe, hasse ich mich. Ich frage mich oft, wie die Schauspieler mich überhaupt ernst nehmen können, wenn ich mich am Set aufführe wie ein komischer Kauz.

Welchen Teil des Filmemachens mögen Sie am meisten?

Wenn ich vor einem leeren Blatt Papier sitze, die ersten Zeilen oder auch Seiten schreibe und mich meine eigene Geschichte so packt, dass ich sie weiterschreibe, weil ich selbst wissen will, was passieren wird. Ich fühle mich dann gleichzeitig als Schriftsteller und als Entdecker. Das ist immer wieder aufregend. Und dann dieser Moment, am ersten Drehtag. Das Drehbuch ist immer etwas Abstraktes. Und am Set wird es zum Leben erweckt, verliert seine Abstraktion und wird real. Für mich grenzt das immer an ein kleines Wunder.

Wenn Sie sagen, Sie mögen sich nicht, wenn Sie Regie führen. Wann mögen Sie sich?

Ich sollte vielmehr auf mich achten, das fängt bei alltäglichen Dingen wie Körperpflege an. Tägliches Eincremen ist mir viel zu anstrengend, dabei ist die Haut sehr wichtig. Ich habe ja sogar mal einen Film darüber gemacht (lacht). So richtig ertragen kann ich mich eigentlich nur im kreativen Schaffensprozess. Auch wenn ich sehr viel Geduld dafür brauche, kommt am Ende etwas dabei heraus. Das ist für mich eine Art Abhängigkeit. Ich bin abhängig davon, Dinge zu erschaffen. Ich bin abhängig vom Kino. Das Kino hat mich gerettet. Da bin ich der Figur meines Filmes sehr ähnlich. Ohne das Kino bin ich wertlos.

Erste Einblicke: der Trailer zum Film