Neu im Kino

Blutige Spur im Sex-Milieu: „Messer im Herz“

Ein surreales Drama um einen Serienmörder in der Welt schwuler Pornofilme, die man auch als auf Metapher auf die Aids-Krise sehen kann

Die Pornoproduzentin (Vanessa Paradis) und ihr Sexstar (Nicolas Maury).

Die Pornoproduzentin (Vanessa Paradis) und ihr Sexstar (Nicolas Maury).

Foto: Salzgeber

„Messer im Herz“ fängt mit einer Szene an, die man so schnell nicht vergisst. Zu Beginn dieses zweiten Spielfilms von Yann Gonzalez, der 2018 in Cannes Weltpremiere feierte und nun endlich den Weg in die deutschen Kinos gefunden hat, schleppt ein junger Homosexueller nach einer durchtanzten Nacht einen Leder-Kerl ab. Doch plötzlich zückt der Fremde einen riesigen Dildo, aus dem sich eine scharfe Klinge herausschiebt. Statt in Leidenschaft endet die Begegnung so blutig wie tödlich.

Erste Eindrücke: Der Trailer zum Film

Der Ermordete war Darsteller in Schwulenpornos, mit denen Anne (Vanessa Paradis in ihrer bislang ungewöhnlichsten Rolle) im Paris der späten 70er-Jahre ihr Geld verdient. Er bleibt nicht der einzige Tote im Umfeld der Produzentin. Die Polizei scheint sich für Morde in diesem Milieu wenig zu interessieren.

So bleibt Anne nichts weiter übrig, als ihren bunten Haufen Mitstreiter möglichst eng um sich zu scharen und den Betrieb mit nervöser Energie am Laufen zu halten. Ausgerechnet mit einem Porno über einen Serientäter – der eine Falle für den Mörder sein soll.

Verneigung vor trashigem 70er-Jahre-Horror

Schon mit seinem Debüt „Begegnungen nach Mitternacht“ hatte sich Gonzalez als Experte für surreal-schräge Kinoexperimente empfohlen, doch mit „Messer im Herz“ geht er noch einen wilden Schritt weiter. Sein neues Werk verneigt sich augenzwinkernd, aber auch nostalgisch in viele Richtungen: nicht nur vor dem Filmemachen an sich, auch vor der Disco-Zeit und vor dem italienischen Giallo-Kino, also eher trashigen Horrorthrillern der 70er-Jahre.

Eine gewisse Distanz zu beidem bewahrt der französische Regisseur trotzdem: der Blut- und Brutalitätsfaktor hält sich eher in Grenzen – und Penisse gibt es gar nicht zu sehen.

Es ist ein Leichtes, „Messer im Herz“ dabei als in Neonlicht getauchte und von einem famosen Elektro-Score der Band M83 (um Gonzalez’ Bruder Anthony) unterlegte Kitsch- und Kuriositäten-Nummer abzutun.

In seinem Kern indes verbirgt der Film ein traurig-melancholisches und betörend queeres Märchen, das von Außenseitern, Ersatzfamilien und gebrochenen Herzen erzählt. Und natürlich lässt sich die Angst vor dem gefährlichen Fremden, der es auf das Leben der Schwulen abgesehen hat, als Metapher auf die unmittelbar bevorstehende Aids-Krise lesen.

Thriller F 2019, 106 min., von Yann Gonzalez, mit Vanessa Paradis, Kate Moran, Nicolas Maury