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Die Liebe und die Todesstrafe: „My Days of Mercy“

Der Film „My Days of Mercy“ ist das Coming-of-Age-Drama einer jungen lesbischen Frau, der das Leben hart zugesetzt hat.

Lucy (Ellen Page, l.) ist gegen die Todesstrafe, Mercy (Kate Mara) ist dafür.

Lucy (Ellen Page, l.) ist gegen die Todesstrafe, Mercy (Kate Mara) ist dafür.

Foto: Kinostar

Manche Wortspiele ergeben fast zu viel Sinn, um witzig zu sein. Den Filmtitel „My Days of Mercy“ möchte man zunächst mit „Meine Tage der Gnade“ ins Deutsche übersetzen. Aber dann trifft gleich anfangs die 19-jährige Lucy (Ellen Page) auf die nur wenige Jahre ältere Mercy (Kate Mara) und man weiß, dass der Film im Grunde mit „Meine Tage mit Mercy“ übersetzt gehört.

Dass die beiden sich bei einer Veranstaltung treffen, in der es ganz wesentlich um die Frage von Gnade und Begnadigung geht, nämlich bei einer Demonstration gegen die Todesstrafe, ergibt dann fast schon wieder zu viel Sinn. Und dass sie auch noch auf verschiedenen Seiten stehen – Lucy ist gegen die Todesstrafe, Mercy dafür – kommt geradezu als thematische Überdosis daher.

Erstaunlicherweise aber findet diese US-amerikanische Independent-Produktion trotz alledem zu einer sehr einfühlsamen und subtilen Schilderung eines lesbischen Coming-of-age unter schwierigen Umständen.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Es ist Lucys Perspektive, die der Film einnimmt. Mit der Mischung aus Entschiedenheit und Verletzlichkeit gespielt, die das Markenzeichen von Ellen Page sind, bewundert man gewissermaßen an Lucys Stelle die von Kate Mara als souveräne junge Konservative mit Sinn für sarkastischen Humor dargestellte Mercy. Durch Lucys Augen hindurch erkennt man auch das Reizvolle an ihr, eine dem konservativen Äußeren scheinbar widersprechende Offenheit für das andere, das Lucy selbst verkörpert.

Lucy, so begreift man nach und nach, hat es hart getroffen: Ihre Mutter wurde ermordet, ihr eigener Vater für den Mord verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Er beteuert seine Unschuld, auch als die Vollstreckung angeordnet ist. Lucy und vor allem ihre ältere Schwester Martha (Amy Seimetz) setzen sich unterdessen verzweifelt für ihn ein.

Reizthema als atmosphärischer Hintergrund missbraucht

Dass sie jedes Wochenende mit ihrem kleinen Bruder in den Wohnwagen steigen und vor diversen Strafanstalten gegen ein gerade anstehendes Todesurteil demonstrieren, gehört dazu. Sie haben zu wenig Geld, um einen teuren Rechtsanwalt zu engagieren.

Spannend ist „My Days of Mercy“ immer dann, wenn der Film um Lucy und Mercy kreist und das subtile Drama verfolgt, in das sie sich verwickeln: als zwei sehr unterschiedliche junge Frauen, die ihre Gemeinsamkeit in der Unsicherheit darüber entdecken, was sie mit den Gefühlen füreinander tun sollen. Doch die Tragödie um den Vater, seine mögliche Schuld und die Todesstrafe droht diese zarte und widersprüchliche Liebesgeschichte auf ungute Weise in den Schatten zu stellen.

Nicht dass es unrealistisch wäre, dass im Leben einer jungen Frau die Dinge sich so ballen. Aber der Film findet einfach keine gute Weise, diese beiden Themen miteinander zu verbinden. Weder zeigt er, wie ihre unterschiedlichen Ansichten zur Todesstrafe die Dynamik ihrer Beziehung prägt, noch stellt er eine umgekehrte Entwicklung in Aussicht. Gleichzeitig ist die Praxis der Todesstrafe – die in Europa glücklicherweise fast unvorstellbar geworden ist – so schwergewichtig, dass man sie nicht als atmosphärischen Hintergrund missbraucht sehen möchte.

Drama
USA/GB 2017 108 min., von Tali Shalom-Ezer, mit Ellen Page, Kate Mara, Amy Seimetz