Zum Tod des Filmproduzenten

Artur Brauner: Späte Kämpfe, späte Ehren

Serie zum Tod von Artur Brauner, dritter und letzter Teil: Das Vermächtnis – Brauners jüdische Filme

Er begann als jüngster Filmproduzent und wurde der Dienstälteste seiner Branche: Artur Brauner.

Er begann als jüngster Filmproduzent und wurde der Dienstälteste seiner Branche: Artur Brauner.

Foto: Soeren Stache / dpa

Was wird bleiben von Artur Brauner, der einmal der erfolgreichste Filmproduzent Europas war und am gestrigen Mittwoch auf dem Jüdischen Friedhof an der Heerstraße beigesetzt wurde? Was wird bleiben von dem Mann, der den Holocaust nur knapp überlebte und dann das biblische Alter von 100 Jahren erreicht hat? Der Mann, der einst mit 28 als jüngster Filmproduzent in Deutschland begann und dann, weil er fast bis zuletzt gearbeitet hat, zum Dienstältesten der Branche, zum Methusalem des Kinos wurde?

Als er im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte, wurde ihm zu Ehren noch mal eine große Gala im Zoo Palast begangen. Doch es kamen nicht ganz so viele Prominente aus der Filmwelt oder der Berliner Gesellschaft, wie man erwartet hätte. Sicher, fast all seine Weggefährten hatte Brauer überlebt. Aber manch einer mag auch weggeblieben sein, weil sein Ruf am Ende doch etwas gelitten hatte.

Späte Reputation und Ehren für seine jüdischen Filme

Wegen der vielen Schlagzeilen und Prozesse über seinen Dauerstreit mit Hypothekenbanken, Schwarzkonten in der Schweiz und Steuerschulden in Millionenhöhe. Am Ende mag er selbst den Überblick über sein Firmengeflecht verloren haben. Atze jedenfalls, der Spitzname, mit dem die Berliner ihn einst umarmt haben, so nannte ihn am Ende kaum noch einer.

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Mehr zum Thema Teil 2: Die Erfolgsjahre der CCC

Und doch, sein Werk ist viel zu reich, als dass es dadurch ernsthaft Schaden nehmen könnte. Über 250 Filme hat er mit seiner CCC produziert, über 700 sind in seinen Studios entstanden. Er hat viele Kommerzfilme gemacht, viel Tralala, wie er auch selbst zugab. Aber eben auch, um seine Studios auszulasten.

Und um die anderen Filme so finanzieren, die ihm am Herzen lagen, mit denen er die deutsche Vergangenheit aufarbeitete und mit denen er den Deutschen einen Spiegel vors Gesicht halten wollte. Werke, die Brauner selbst seine „jüdischen“ nannte.

Lauter Filme wider das Vergessen

Gleich seine zweite Produktion „Morituri“ war 1948 der erste Film über Opfer des Nationalsozialismus. Dass die Deutschen diesen Film nicht hatten sehen wollen, dass sie ihn sogar boykottiert haben, war ein Trauma, das er nie ganz verwunden hat. Doch die toten Augen eines ermordeten jüdischen Kindes konnte er nie vergessen. Für sie hatte er einst ein Gelübde abgelegt, diese Opfer niemals zu vergessen, ihnen ein Denkmal zu setzen. Und das erfüllte er. Immer wieder.

In den 60er-Jahren drehte er Filme wie „Mensch und Bestie“ mit Götz George, in dem ein aus dem KZ geflohener Mann von seinem Bruder, einem SS-Offizier, zu Tode gehetzt wird. Oder „Aus der Hölle“, der von den Qualen der zu spät begonnenen KZ-Prozesse erzählt.

Und auch als er sich in den 70er-Jahren mehr und mehr auf Immobiliengeschäfte verlegte und sich aus der Filmbranche zurückzog: Diese Filme produzierte er weiterhin.

Zu seinen wichtigsten Filmen nach „Morituri“ zählen „Sie sind frei, Dr. Korczak“ (1974), mit dem er dem Arzt Janusz Korczak ein Denkmal setzte, der freiwillig Kinder in das Vernichtungslager und damit in den Tod begleitete. Und „Zu Freiwild verdammt“ (1984), in dem ein jüdisches Mädchen von den deutschen Besatzern durch Polen gehetzt wird. Ein Film, der auf Erfahrungen von Brauners Frau Maria basierte und in dem seine Nichte Sharon Brauner die Hauptrolle spielte.

Eine Anerkennung, die ihm lange verwehrt wurde

Diese Filme fragen nicht nach den Ursachen, fragen nicht nach den Tätern. Sie richten den Blick auf die Opfer, die nicht selten ganz junge Menschen sind. Und die Fragen stellen wie die damals 12-jährige Sharon Brauner: „Warum lässt Gott das zu?“ Auch diese Filme wollen die Deutschen nicht sehen, ,„Freiwild“ kommt gar nicht erst ins Kino, wird nur übers Fernsehen bekannt. Aber um „Konsumfilme“ ging es Brauner da längst nicht mehr. Diese Filme realisierte er am Markt vorbei, die leistete er sich.

Brauner produzierte Filme wie Andrzej Wajdas „Eine Liebe in Deutschland“ (1983) über eine verbotene Liebe einer Deutschen zu einem Polen oder Agnieszka Hollands „Bittere Ernte“ (1985) über einen polnischen Bauern, der eine Jüdin versteckt. Andere Filme hat er koproduziert wie Michael Verhoevens „Die Weiße Rose“ (nachdem ein eigenes Projekt über die Geschwister Scholl in den 50er-Jahren gescheitert war) oder „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, dem letzten Film mit Romy Schneider, für den sie noch mal nach Deutschland und in die CCC-Studios kam. Mit diesen Filmen erhielt Brauner, der einst abfällig zum „Schnulzenkartell“ gezählt worden war, zahlreiche Preise. Eine späte Reputation. Und die Anerkennung, die ihm die Kritik lange verwehrt hatte.

Einen Film jedoch konnte er nicht realisieren: über das Leben von Oskar Schindler, der mehr als tausend Juden vor dem sicheren Tod gerettet hat. Die Filmförderungsanstalt wollte ihm dafür keine Gelder geben. Und dann kam ihm Hollywood, kam ihm Steven Spielberg zuvor.

Um den Oscar betrogen

Und auch um einen anderen Triumph sah er sich gebracht: Als er mit „Hitlerjunge Salomon“ die wahre Geschichte eines Juden, der in NS-Uniform überlebte, verfilmte, wurde der in den USA weit stärker beachtet als in Deutschland und mit einem Golden Globe ausgezeichnet.

Als Kandidat für den Auslands-Oscar wollte das bundesdeutsche Gremium den Film aber nicht einreichen, hat dafür lieber gar keinen Kandidaten aufgestellt. Die Deutschen, klagte Brauner bis zuletzt, hätten ihm um seinen Oscar gebracht. Dafür wurde ihm Jahre später eine andere, weit größere Ehre zuteil: Für seine Schoah-Filme, sein Kino wider das Vergessen, wurde in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem eine eigene Mediathek eingerichtet. Brauner bezeichnete das als die Krönung seines Filmschaffens.

Was bleibt von Brauners Lebenswerk? Diese Filme wird man als allererstes nennen. Und dann sind da noch die CCC Studios, die nie ganz geschlossen wurden und die nun Brauners Tochter Alice weiterführt. Vor sechs Jahren hat sie die Hallen aufwendig sanieren lassen. Der Vater wollte das nicht, er hatte ihr geraten, das Areal zu verkaufen. Aber da zeigte sich die Tochter so stur wie der Vater. Es ist immerhin sein Vermächtnis, sein Erbe, das sie fortführt.