Neu im Kino

Neun Tage, die die Welt in Atem hielten: „Kursk“

Ein starbesetzter Film arbeitet die Katastrophe des russischen U-Boots Kursk auf. Er erlaubt sich dabei aber viele Freiheiten.

Offizier Mikhail Averin (Matthias Schoenarts) und seine Crew betreten das Unglücksboot.  Wild Bunch

Offizier Mikhail Averin (Matthias Schoenarts) und seine Crew betreten das Unglücksboot. Wild Bunch

Foto: Wild Bunch

Erst am 24. Juni diesen Jahres sind bei einer schweren Havarie auf einem russischen U-Boot 14 Menschen ums Leben gekommen. Das russische Verteidigungsministerium rühmte die „selbstlosen Handlungen“ der Mannschaft, die beim Versuch, ein ausgebrochenes Feuer zu löschen, an den giftigen Gasen erstickte, ließ aber offen, wo genau sich der Vorfall ereignet hat und um welches U-Boot es sich handelte.

Das ließ ungute Erinnerungen an die größte Katastrophe der jüngeren Zeit aufkommen, als im Jahr 2000 das U-Boot K-141 „Kursk“ bei einem Manöver der russischen Flotte in der Barentssee wegen eines defekten Torpedos auf den Meeresboden sank. Und 23 Männer, die sich in einen sicheren Abschnitt des U-Boots retten konnten, dennoch qualvoll sterben mussten.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Weil die eigenen Rettungsmittel sich als völlig unzulänglich erwiesen, die Russen aber zu lange Hilfsangebote der britischen Marine ablehnten. Aus verletztem Stolz. Aber auch aus Angst vor Spionage wegen der vielen Staatsgeheimnisse an Bord. Ein makaberer Zufall will es nun, dass nur eine Woche nach der jüngsten Katastrophe ein Film in die Kinos kommt, der das Desaster von 2000 aufarbeitet: „Kursk“.

Wobei sich Thomas Vinterberg in seiner internationalen Produktion mit Schuldzuweisungen zurückhält. Und mehr auf das zwischenmenschliche Drama setzt.

Erst laufen sie voller Stolz aus, die Männer, die seit zehn Jahren auf keinem Einsatz mehr waren. Dann wachsen sie beim Versuch zu überleben über sich selbst hinaus. Und dann weitet sich der Film zu einem Drama an drei Gefühlsfronten.

Ein Drama an drei Fronten

Hier die traumatisierten Überlebenden in der klaustrophobischen Enge, bei denen die Panik im gleichen Maße ansteigt wie das eindringende Wasser. Da die britische Marine, die helfen möchte, aber nicht helfen darf, und die russische Marine, bei der die einen die Hilfe annehmen wollen, die anderen sie aber kategorisch ablehnen.

Und dort die Frauen und Kinder der Betroffenen, die, schwer zu ertragen, im Unklaren darüber gelassen werden, was mit ihren Männern und Vätern geschieht, aber sich in ihrer Verzweiflung zusammentun und an die Öffentlichkeit wenden.

Thomas Vinterberg, berühmt für den allerersten Dogma-Film „Das Fest“, hat bislang immer nur eigene Projekte entwickelt und die Drehbücher dazu selbst geschrieben. Für „Kursk“ machte er nun eine Ausnahme. Der Schauspieler Matthias Schoenarts, mit dem er schon in „Am grünen Rand der Welt“ zusammen gearbeitet hat, machte ihn auf das Drehbuch von Robert Rodat aufmerksam, der auf dem akribisch recherchierten Tatsachenbuch „A Time to Die: The untold story of the Kursk“ des Journalisten Robert Moore basierte.

Ein ungewöhnliches Projekt für den dänischen Regisseur, und doch wieder nicht. Denn in all seinen Filmen, ob in „Das Fest“, „Die Jagd“ oder „Die Kommune“, geht es immer um Gemeinschaft, ums Zusammenleben, um das gelingen eines Miteinander – oder eben nicht. Ob innerhalb einer Familie, die einen Missbrauch verdrängt, einer Kommune mit all ihren Belastungsproben oder einer U-Boot-Mannschaft im Ausnahmezustand.

Niemand weiß, was sich genau abgespielt hat

Mit Rat stand ihm dabei der britische Flotten-Admiral David Russell zur Seite, der damals seine Hilfe angeboten hatte und im Film von Colin Firth gespielt wird.

Niemand weiß genau, was sich in diesen neun Tagen, die die Welt in Atem hielten, wirklich abgespielt hat in dem eisernen Gefängnis. Im Gegensatz zu einem Tatsachenbuch darf sich ein Spielfilm indes gewisse Freiheiten erlauben. Aus den akribisch gesammelten Forschungsergebnissen lassen sich mit etwas Fantasie und Vergleichsstudien aus ähnlichen Fällen Lücken schließen, die dann zu einem ewig gültigen Kampf des Überlebens verdichtet und erlebbar gemacht werden können.

Auch wenn jeder weiß, wie es am Ende ausgegangen ist, hofft und bangt man doch mit den Überlebenden, die verzweifelt in ihrem Gefängnis stecken. Das sind Momente, die niemanden unberührt lassen. Und doch entfacht der Film weder die ganz große Wut noch die ganz großen Gefühle.

Ein starker, aber erfundener Schluss

Das mag an der internationalen Besetzung liegen. Sie wartet zwar mit Stars auf wie dem Belgier Schoenarts als russischer Offizier, dem Briten Firth, der Französin Léa Seydoux als Schoenarts schwangere Frau, Deutschen wie August Diehl, Matthias Schweighöfer und Peter Simonischek und dem Schweden Max von Sydow als eiskalten russischen Marine-Offizier. Aber sie wachsen nicht zu einem echten Ensemble zusammen.

Und am Ende erlaubt sich Vinterberg dann doch ein paar Freiheiten zu viel. Wenn das Bild an Land im engen 4:3-Format bleibt, sich aber auf hoher See zum Cinemascope weitet. Wenn Seydoux wegen ihrer Schwangerschaft, dem Beginn eines neuen Lebens nach Luft schnappt, während Schoenarts unter Wasser mehr und mehr die Luft ausgeht.

Oder wenn am Ende der kleine Sohn des Offiziers bei der Trauerfeier der Verstorbenen dem Marineadmiral den Beileids-Handschlag verweigert. Ein starkes Bild. Aber eben eine dramaturgische Fantasie. Der Offizier hatte gar keine Kinder. Mit solchen Einfällen macht sich „Kursk“ trotz aller guten Absichten angreifbar.

Drama BL/F/NOR 2018 118 min, von Thomas Vinterberg, mit Matthias Schoenarts, Léa Seydoux, Colin Firth