Konzertkritik

Lizzo und Janelle Monaé in Berlin: Schwarz, queer, exzellent

Lizzo und Janelle Monaé sind in Berlin aufgetreten. Beide stehen für einen Feminismus, der die Opferrolle längst verlassen hat.

Janelle Monáe in Berlin.

Janelle Monáe in Berlin.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Berlin.. Der Bass geht tief, Lizzos Stimme gleitet über dem bebenden Sound. „Langsame Lieder, die sind für die dürren Hoes“, erklärt die Rapperin dem Publikum. Und erlöst sich selbst mit der nächsten Zeile in ein heftiges, rhythmisches - und natürlich schnelles - Zittern: „Ich bin eine dicke Bitch, ich brauch’ Tempo.“

Lizzo ist knapp bekleidet und schüttelt ihren Körper. Der Festsaal Kreuzberg ist seit Wochen ausverkauft. Lizzo ist die beste Wette auf den Star des Sommers.

Einen Tag später, Columbiahalle. Janelle Monaé spielt auf, mit gleicher Energie. Ihre Show ist üppiger als die von Lizzo, deren Auftritt nur von vier Tänzerinnen (den „Big Girls“) und einer DJane begleitet wird, deren Pult mit dem beleuchteten Logo der singenden Rapperin dekoriert ist.

Monaé und Lizzo: Keine Fragen, nur Antworten

Monaé, seit Jahren Darling des Kulturbetriebs mit ihren Konzept-Alben, einer Android-Geschichte in Ton und Bild, einer Schauspielkarrierre (“Moonlight“) und ihren Ausführungen über Zeitreisen, illuminiert die Halle aufwendig. Farbspiele und Großaufnahmen der in einer Fantasie-Uniform bekleideten Sängerin werden gezeigt, Monaé tanzt auf einer Stufen-Triangel, umgeben von einer superben Band.

Die beiden Künstlerinnen eint Einiges. Beide sind schwarz, beide stehen für einen Feminismus, dessen Wirkung erst gar nicht reflektiert wird. Es werden keine Fragen gestellt. Die Antwort ist schon gegeben.

Vulva-Hosen und tägliche Bewässerung

Monaé tourt noch immer mit ihren 2018er Album „Dirty Computer“, in dessen DNA Prince tief verwurzelt ist - vor seinem Tod arbeiteten sie gemeinsam an dem Werk. Es funkt, es soult, es ist die schwarze Musik der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Janet Jackson ist in Janelle, Lauryn Hill, Missy Elliott, Aretha Franklin sind es auch. Auch das eint beide Künstlerinnen.

Vor allem Monaés Single „Pynk“ sorgte für Aufsehen, eine Hymne auf ihre Vagina, im Video - und auf der Bühne - in Hosen dargeboten, die der Vulva nachempfunden sind. Das erzeugt in einer patriarchischen Gesellschaft nach wie vor die gleiche Aufregung wie bei einer Frau, die sich nicht dem Schönheitsdiktat der Modewelt beugt - sondern selbst definiert, was sexy ist.

“Ich werde nicht vertrocknen, ich wässere es täglich“, rappt Lizzo in „Water Me“, und es stellen sich kaum Fragen, wovon sie spricht. An anderer Stelle preist sie ihren Hintern - warum sich mit weniger zufrieden geben?

Ein Spiel der Genres, exzellente Darbietungen

Spannend ist, wie Lizzo direkten, harten Rap so mit anderen schwarzen Genres mischt, wie es wenige beherrschen – wie Monaé. Bei deren R’n’B-Songs, die zuletzt etwas zugänglicher, aber nie simpel daherkamen, reagiert der präzise Gesang. Wehe aber, es bricht aus ihr heraus, wie in „Django Jane“, in der sie ihre „Black Excellence“ mit verdientem Ego ausbreitet: „Y’all can’t stand it.“

Beide Künstlerinnen feiern so selbstverständlich ihre Sexualität, Unabhängigkeit, Wurzeln und Erfolge. Das Problem ist die Welt da draußen. Eine der stärksten Zeilen von Monaés Album ist aus „I Got The Juice“, sicher an einen gewissen Präsidenten gerichtet, der mit beiden Künstlerinnen wohl eher keinen Frieden schließen könnte: “If you try to grab my pussy cat, this pussy grab you back”.

Gern werden solche Darbietungen als billig Provokation abgetan. Dabei ist die wahre Provokation, dass es überhaupt der Rede wert ist. Beide halten Reden an die LGBTQIA*-Community (Menschen, die nicht der Heteronormativität entsprechen, Anm. d. Red.), der sie angehören. Es sind ehrliche Worte, Kämpfergeschichten. Wenn diese Frauen es schaffen, einer neuen Generation auf dem Weg zu geben, dass sie selbst das Wichtigste auf dieser Welt sind, dann ist viel gewonnen

Lizzo ist am Anfang. Monaé könnte ihre perfekte Show schon jetzt in Stadien aufführen. Beim Festival „Coachella“ holte sie Lizzo zu sich auf die Bühne, die ganz große. Dort gehören beide hin. Es ist eine Frage der Zeit. Das „Tempo“ kann nicht hoch genug sein.

Info: Lizzo kommt am 14. November zurück nach Berlin - dieses Mal in die deutlich größere Columbiahalle.