Zum Tod des Filmproduzenten

Glamour, Stars und Tralala: Die Erfolgsjahre der CCC

Serie zum Tod von Artur Brauner, Teil 2: Was der Erfolg des Berliner Filmproduzenten mit einer Kuh namens Berta zu tun hatte.

Produzent Artur Brauner, hier mit der Schauspielerin Romy Schneider auf einem Ball. Das Bild war Teil der Ausstellung "Romy Schneider".

Produzent Artur Brauner, hier mit der Schauspielerin Romy Schneider auf einem Ball. Das Bild war Teil der Ausstellung "Romy Schneider".

Foto: Peter Brüchmann / picture alliance / dpa

Wie Artur Brauner in den 50er-Jahren einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Europas wurde, das beschreibt man am besten am Beispiel einer Kuh. Einer ganz bestimmten Kuh, die sogar einen Namen hatte: Berta. Die hatte Brauner sich 1956 für den Film „Das Bad auf der Tenne“ für einen Drehtag gemietet. Für 50 D-Mark. Als der Bauer sie danach wieder abholen wollte, bestand Brauner darauf, sie erst noch zu melken. Ein ganzer Eimer Milch kam dabei heraus, mit dem die Filmcrew auf gutes Gelingen anstieß.

Seinen Vorteil in jeder Situation wahrzunehmen und alles bis zum Letzten abzuschöpfen, dieser Ruf haftete dem gewitzten Produzenten stetig an. Die Kuhmetapher greift auch im übertragenen Sinn: Brauner sprang auf jede Erfolgswelle auf und melkte einen Boom bis zuletzt aus. Er drehte Unterhaltung von der Stange. Und als Schlagerfilme in Mode kamen, produzierte er die halt auch, auch wenn er sie selbst „Tralala-Filme“ nannte.

Und weil Brauner als einziger der vielen Großproduzenten ein Ein-Mann-Unternehmer war, musste er nicht lange in zähen Gremien verhandeln. Er konnte ganz spontan Entscheidungen treffen und Verträge auch mal zwischen zwei Menügängen aufsetzen. Solche Moguln oder Tycoon kennt man in den USA, in Deutschland war Brauner der einzige seiner Art.

Er umgarnte die Stars, aber er prozessierte auch gegen sie

Und immer umgab er sich dabei mit den größten Stars. In seiner frühen Autobiografie, die er schon 1976 schrieb und die den schön größenwahnsinnigen Titel „Mich gibt’s nur einmal“ trug, gibt er amüsante Anekdoten zum Besten, wie er sie alle gewinnen konnte.

Maria Schell etwa wollte er für seine Hauptmann-Verfilmung „Die Ratten“, die aber sperrte sich. 36 Mal musste Brauner mit seinem klapprigen Auto durch die Zone nach München fahren, um sie schließlich doch umzustimmen. Am Ende dankte sie es ihm. Der Film brachte ihr Preise und ein neues Image. Sie dankte es aber auch, indem sie künftig mehr Gage forderte. Oder Mario Adorf: Der wollte nicht in „Am Tag, als der Regen kam“ mitspielen. Er ließ sich aber auf ein Armdrücken ein, das Adorf überraschend verlor. Brauner musste zwar eine Zeit lang seinen rechten Arm in einer Schlinge tragen und konnte erst mal keine Verträge mehr unterzeichnen. Aber er hatte seinen Star buchstäblich rumgekriegt.

Lex Barker erstritt sich einen sechsstelligen Betrag

Andere Beteiligte freilich erzählen ihre Erfahrungen weniger amüsant. Regisseur Robert Siodmak, der sich oft mit seinem Produzenten in die Haare bekam, höhnte einmal, wofür die Firma CCC der Firma eigentlich stand: „Zahle ziemlich zögerlich“. Und Lex Barker erstritt sich vor Gericht einen sechsstelligen Betrag. Weil Brauner aus einem Film zwei gemacht hatte, dem Schauspieler aber nur eine Gage gezahlt hatte. Diese Betroffenen hätten das Gleichnis mit der Kuh wohl sofort bestätigt, weil auch sie sich, wie Berta, gemolken fühlten.

19 Filme im Rekordjahr 1958 produziert

Gleichwohl war Brauner einer der umtriebigsten Produzenten jener Jahre – allein im Rekordjahr 1958 produzierte er 19 Filme –, und seine Filmstudios waren immer ausgebucht, auch von anderen Firmen. Und wiewohl Brauner dem Publikum gab, was das Publikum wollte, Glamour, Stars und Tralala, produzierte er doch immer wieder ernste Filme, die sozialkritisch waren oder die jüngste deutsche Vergangenheit aufarbeiteten. Finanziell gesehen waren das durchaus Risiken, ja „Problemfilme“, aber die leistete sich der Mogul, um den Deutschen einen Spiegel vorzuhalten. Und dann lud der Produzent auch Filmemacher, die einst vor den Nazis geflohen waren, persönlich ein, wieder in Deutschland zu drehen: wie Siodmak, Gottfried Reinhardt oder Fritz Lang – auch wenn der seine Drehpläne weit überzog und Brauner zum Toben brachte.

Als Ende der 50er-Jahre das Fern­sehen seinen Siegeszug antrat und die Zuschauer lieber zuhause blieben, legte Brauner noch ganz andere Bandagen an: indem er die beiden erfolgreichsten deutschen Filmserien dreist kopierte.

Die Kunst des Melkens

Als Horst Wendlandt, pikanterweise einst sein Produktionsleiter, mit seiner Rialto-Film die Karl-May-Filme drehte, kaufte Brauner flugs alle Romane auf, die Wendlandt noch nicht optioniert hatte – und verfilmte sie mit den gleichen Darstellern. Und auch Wendlandts Edgar-Wallace-Filme kopierte er, indem er Krimis des weniger talentierten Sohnes Bryan Edgar Wallace ganz in deren Stil verfilmte.

Der letzte Mohikaner

Als das Publikum in den 60er-Jahren dennoch dem Kino in Massen den Rücken kehrte, gingen immer mehr Filmfirmen Pleite. Und die anderen machten weiter wie bisher. Als eine neue Generation junger Filmemacher 1962 „Opas Kino“ für tot erklärten, war Brauner einer dieser Opas. Obwohl er gerade mal 44 war. Erneut versuchte er sich in der Kunst des Melkens. Seine eigenen Studios vermietete er ausgerechnet an die Konkurrenz, das Fernsehen. Während er selbst aufwändige Koproduktionen im Ausland drehte – wo das Drehen billiger war.

Die Rechnung ging nicht auf. Die Zeit großer Monumentalepen war vorbei. Und das ZDF entschied sich gegen Spandau als dauerhafte Produktionsstätte. 1970 musste das Studio schließen. Aber Brauner wäre nicht Brauner gewesen, hätte er ganz aufgegeben. Seine Geschäfte verlagerte er zunehmend in den Immobilienbereich. Mit einer Handvoll Mitarbeiter machte er jedoch weiter. Und setzte nicht mehr auf Kommerzfilme, sondern auf Prestigeprojekte, die ihm am Herzen lagen. Da hatte der alte „Atze“ längst einen anderen Spitznamen weg: der letzte Mohikaner.


Info Artur Brauner wird am 10. Juli beigesetzt. Die Beerdigung ist laut seiner Tochter Alice Brauner um 14 Uhr auf dem
Jüdischen Friedhof in der Heerstraße geplant.