Kultur

Classic Open Air vereint Oper, Schlager und Show

Auf dem Gendarmenmarkt startete am Donnerstag das fünftägige Classic Open Air mit einer musikalischen Liebeserklärung an Berlin.

Am Ende des ersten Classic-Open-Air-Abends stieg ein buntes Feuerwerk in die Höhe.

Am Ende des ersten Classic-Open-Air-Abends stieg ein buntes Feuerwerk in die Höhe.

Foto: Reto Klar

„First Night – Berlin, Berlin!“, so lautet der Titel des Eröffnungsabends des diesjährigen Classic Open Air. Das Wetter ist ideal, es weht eine kleine Brise bei mittleren Temperaturen. Festivaldirektor Gerhard Kämpfe, der Classic Open Air vor 27 Jahren gründete, hat zu diesem Anlass eine Vielfalt an Künstlerinnen und Künstlern aus ganz verschiedenen musikalischen Richtungen kombiniert. Das ist zwar reizvoll, geht aber nicht ohne ein gewisses musikalisches Niveaugefälle und einige Inkonsequenzen ab.

Vom Opernsolisten bis zum Showstar

Da sind zum einen die Opernsolisten Stephan Rügamer und Jennifer Riedel von der Staatsoper sowie Carsten Sabrowski von der Komischen Oper, deren Stimmen zur Begleitung des Filmorchesters Babelsberg mit Mikrofonverstärkung bestens wirken können. Bald nach einem flotten Medley durch Liedanfänge von Berliner Hits aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik – Paul Linckes „Berliner Luft“ ist da nur die bekannteste Nummer – singt der Tenor Stephan Rügamer bestens disponiert, schlank und lyrisch im Ton die Arie des Max aus Carl Maria von Webers „Freischütz“. Übrigens ist auch dies ein Berliner Lied, denn „Der Freischütz“ wurde im originalen, hinter der Pappkopie des Konzerthaus-Portals verborgenen Schauspielhaus 1821 uraufgeführt.

Angelika Milster mit einem Harald-Juhnke-Hit

Die Westberliner Show- und Schlagerstars Kim Fisher – die auch die Moderation übernimmt – und Klaus Hoffmann wirken teils rhetorisch, teils stimmlich etwas kurzatmig. Sie können etwa mit der mittlerweile 67-jährigen Angelika Milster, die musikalisch und stimmlich treffsicher Harald Juhnkes „Berlin, Berlin“ und Evelyn Künnekes „Ach Egon, Egon, Egon“ darbietet, nicht mithalten. Für gute Stimmung sorgt Kim Fisher trotzdem – und gibt dem Abend mit immer neuen Hinweisen auf das Berlin-Idiom in der Musik einen roten Faden. Als Größen jüdisch-berlinischen Musikkabaretts geben die Chansonniers Sharon Brauner und Axel Karsten Troyke dem Abend eine besondere Note.

Erfrischend zwischen den in die Jahre gekommenen Gesangs- und Showstars vor allem Westberliner Provenienz nehmen sich die mehrmaligen Auftritte des Chores vom Jungen Ensemble Berlin aus – ein Vokalensemble, das ausschließlich aus Laiensängerinnen und -sängern besteht, beim Singen der Berliner Lieder bestens vorbereitet ist und vor dem Filmorchester Babelsberg als omnipräsentem und professionellen Begleiter durchaus bestehen kann. Das Orchester tut sich erst nach der Pause unter dem Dirigenten Peter Sommerer aus Österreich mit einem Marsch von Paul Lincke mit besonders inbrünstigem Spiel hervor.

Anna Loos bekennt Liebe zu den DDR-Broilern am Alexanderplatz

Das westberlinische „Mauer-weg“-Pathos von Klaus Hoffmann findet einen Kontrapunkt im Auftritt der aus Brandenburg stammenden Popsängerin Anna Loos. Sie bekennt beim Plaudern mit der Moderatorin ihre Liebe zu den DDR-Broilern am Alexanderplatz – wobei man sich beim raumgreifenden Spiel ihrer Band nach der Pause fragt, was an diesen immerhin zwanzig Minuten des Classic Open Air in welchem Sinn „klassisch“ sein soll. Dann hört man doch lieber den ostberliner Swingmeister André Hermlin mitsamt seiner showtalentierten Kinder David und Rachel – wenn der Proporz zwischen west- und ostdeutschen Sentimentalitäten in dieser Berlin-Idylle schon gewahrt bleiben sollte. Neugierig ist man auf die kommende italienische Operngala des Festivals, auf die vier Pianisten an einem Abend sowie auf die Band „Die Prinzen“. Der Anteil an klassischer Musik bei einem Festival, das dieses Attribut im Namen führt, könnte höher sein.