Berliner Spaziergang

Samuel Finzi: Ein Rastloser, der auch ganz ruhig sein kann

Schauspieler Samuel Finzi spaziert durch das Bayerische Viertel, wo er einmal gelebt hat – und auf Schatten der Vergangenheit stößt.

Hier erhielt er seine Staatsbürgerschaft, ein tiefer Einschnitt: Samuel Finzi vor dem Rathaus Schöneberg.

Hier erhielt er seine Staatsbürgerschaft, ein tiefer Einschnitt: Samuel Finzi vor dem Rathaus Schöneberg.

Foto: Reto Klar

Er muss nicht lange nachdenken. Samuel Finzi weiß genau, wo er sich mit uns zum Spaziergang treffen will: am Rathaus Schöneberg. Hier hat der Schauspieler Mitte der 90er-Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ein einschneidendes Erlebnis.

Denn obwohl er zu jener Zeit längst hier gearbeitet hat, hatte er, der 1966 im bulgarischen Plowdiw geboren wurde, mit seinem bulgarischen Pass „immer so ein mulmiges Gefühl“, wie er bekennt. Ob er einreiste, ob er ausreiste, „immer wurde ich komisch angeguckt. Und gefilzt.“

Ein mulmiges Gefühl, das er lange nicht verlor

Dabei wollte der Mann doch nur spielen, wollte hier auf der Bühne stehen. Die Mauer war längst gefallen, die Vorurteile gegen ehemalige Ostblock-Staaten aber nicht. Mit dem deutschen Pass änderte sich alles. Plötzlich wurde er überall durchgewunken. Musste nicht mehr ständig beweisen, dass er berechtigt war, sich hier aufzuhalten. Das alles fiel ab. „Das mulmige Gefühl“, meint er, „blieb trotzdem noch ein paar Jahre.“

Nun steht er vor dem Rathaus, vor dem so früh am Morgen nicht allzu viel los ist. Nur ein paar Wartende vom Bürgeramt kommen für eine Raucherpause vor die Tür. Und bilden da eine seltene Einheit mit den Beamten hinter dem Schalter, die auch zum Rauchen rauskommen.

Finzi schaut skeptisch und doch triumphierend auf das Gebäude. Leicht hat man es ihm auch hier nicht gemacht. Er hatte längst Wurzeln in der Stadt geschlagen, war verheiratet und durfte nach fünf Jahren offiziell die Staatsbürgerschaft beantragen. Aber das Verfahren zog sich lange hin.

Irgendwann hatte er den Eindruck - „lag es an der Beamtin, lag es am System“ – dass man ihm die Staatsbürgerschaft nicht gern geben wollte. Er hat dann einfach gefragt: „Kann das damit zu tun haben, dass ich einen jüdischen Namen trage?“ Die Beamtin war konsterniert. Finzi wollte ihr nichts unterstellen. Aber ein bisschen am schlechten Gewissen kratzen, das schon. „Tatsache war, plötzlich ging es schnell“, konstatiert Finzi. „Ich sage das ganz wertlos.“

Ein Mann, der schier birst vor Energie

Heute ist Finzi in Deutschland einer der gefragtesten Stars auf der Bühne wie beim Film, eine in der Branche durchaus nicht häufige Kombination. Wer ihn je in Inszenierungen von Frank Castorf, Jürgen Gosch oder seinem Landsmann Dimiter Gottschef erlebt hat, wird das nie vergessen.

Aber auch seine Darstellungen im Film und Fernsehen sind prägnant, ob in Mainstreamfilmen wie „Kokowääh“, kleineren Produktionen wie „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ oder einer Fernsehserie wie „Flemming“. Ein Mann, der ständig zu arbeiten scheint. Der schier birst vor Energie. Sich ständig verausgabt. Ohne je erschöpft zu wirken.

Finzi kam im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, nach Berlin. Da war er gerade mal 23. Regisseur Ivan Stanev hat ihn eingeladen, zu einer Produktion im Hebbel-Theater. Dafür hat Finzi eigens Deutsch gelernt. Danach war er erst mal ein Jahr arbeitslos, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Ein Star auf der Bühne und vor der Kamera

Er hätte schon fast wieder die Koffer gepackt, als sich ein Kontakt zu Gottschef ergab. Bald spielte Finzi in Köln, Hamburg und Düsseldorf. Und eroberte sich auch die neue Hauptstadt spielend. Erst an der Volksbühne, dann am Deutschen Theater (DT). Heute pendelt der Mime zwischen dem DT, dem Wiener Burgtheater und dem Schauspiel Hannover. Und steht dazwischen ständig vor Filmkameras.

Ein Mann, dessen Terminkalender ständig platzen muss. Schauen wir nur in die aktuellen Wochen: Gerade hat er einen Film im Ausland abgedreht, der neue Til-Schweiger-Film „Klassentreffen 2.0“ ist in den letzten Zügen. Kommenden Sonnabend (13. Juli) läuft im Fernsehen, als eine der wenigen Premieren in der Sommerpause, die neue Suter-Verfilmung „Allmen und das Geheimnis der Dahlien“, in der er den stets stilsicheren wie staubtrockenen Carlos, Butler des stets grotesk geföhnten Heino Ferch, spielt.

Allein im September in sechs Stücken auf der Bühne

Bis zur Sommerpause hat Finzi am DT „Ausweitung der Kampfzone“ nach Michel Houellebecq geprobt, das am 8. September Premiere hat.

Allein im September ist er hier noch in „Macht und Widerstand“, „Die Zofen“, „Warten auf Godot“ und seinem Solo-Abend „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ zu erleben. Und mit dem Pferd kommt er auch wieder in die Bar. Finzi, ein Arbeitstier. Ein Mann, der scheinbar rastlos ist.

Und doch hat er sich für uns Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang genommen. Und erweist sich so ganz privat erstaunlich ruhig und zurückgenommen. Als Route hat er sich seinen alten Kiez gewählt, in dem er lange wohnte, bevor er nach Charlottenburg gezogen ist.

Mit seinen Anfängen hier hat er sich lange nicht mehr auseinandergesetzt. „Aber jetzt, ich weiß nicht, ob es am Alter liegt, komme ich gern an Orte zurück, die mir früher etwas bedeutet haben“, sagt der 53-Jährige. „Eine kleine Rückkehr, ein Spaziergang in die Vergangenheit.“

Die Route hat er sich genau überlegt. Vom Rathaus Schöneberg aus geht es über den gleichnamigen U-Bahnhof die Innsbrucker Straße entlang. Als er damals in dieses Viertel gezogen ist, ging er hier auch oft spazieren. Die Altbauten, die Großzügigkeit, die Großbürgerlichkeit, das hat ihm sehr gefallen.

Überall auf dem Weg: Schilder über die Judengesetze

Natürlich wusste er auch, dass man den Kiez „Klein-Nürnberg“ genannt hat, wegen der vielen Juden, die hier lebten – bevor sie deportiert wurden. Daran erinnert ein einmaliges Mahnmal im Bayerischen Viertel: Überall hängen Schilder, die an die infamen Gesetze der Nationalsozialisten gegen die jüdischen Mitbürger erinnern.

Finzi bleibt vor jedem der Schilder stehen und liest sie laut vor. Nicht für uns, mehr für sich selbst, und schüttelt immer wieder den Kopf. „Ich finde dieses Mahnmal sehr gut, hier überall Schilder der Erinnerung aufzuhängen“, sagt er.

Es sei unglaublich wichtig, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen. „Egal welcher Herkunft man ist, man spürt hier, wie absurd manche Gesetze und Verordnungen sind, man fragt sich unweigerlich, wie Menschen sich so etwas ausdenken und ihresgleichen antun können.“ Kurze Pause, dann setzt Finzi nach: „Das werde ich nie logisch erfassen können.“

Auch seine Familie musste den gelben Stern tragen

In seiner Familie, berichtet er, gab es glücklicherweise keine Holocaust-Opfer. Das habe mit der bulgarischen Geschichte zu tun. Der bulgarische König hat zwar mit Hitler paktiert, es gab auch Druck aus dem Deutschen Reich. Aber der Antisemitismus hielt sich in Bulgarien in Grenzen, „weil die Bevölkerung das nicht zugelassen hat“. Im Parlament hat sich sogar eine Gruppe organisiert, die eine Petition gegen die – welch grässliche Wortwahl – „Endlösung der Judenfrage“ unterzeichnete.

Gleichwohl musste auch Finzis Familie den gelben Stern tragen, durfte nicht mehr in der Großstadt leben und musste aufs Land ziehen. Aber mehr sei ihnen nicht zugestoßen, sagt Finzi. „Ich habe also nicht dieses Trauma.“ Dennoch hat er sich mit seinen Spaziergängen an den Mahnschildern entlang ständig mit dem Grauen der Vergangenheit auseinandergesetzt. Auch da ist es wieder, dieses mulmige Gefühl, von dem er sprach.

Wir kommen jetzt auf seine direkte Familie zu sprechen. Auf seine Mutter, die Pianistin Gina Tabakova, und seinen Vater Itzhak Finzi, der ebenfalls Schauspieler und in Bulgarien sehr populär ist. Der war erst nicht erfreut, dass sein Sohn den gleichen Beruf ergriff, wollte lieber, dass er ein Banker wird. Er hat dem Sohn aber auch keine Steine in den Weg gelegt.

Dercons Intendanz, eine „total blöde Entscheidung“

Wir sprechen auch über die Volksbühne, die ja auch ebenfalls mal eine Art Familie für ihn war. Und über die Wunde, dass da eine Ära mutwillig beendet wurde durch Chris Dercon. Den nennt Finzi als Theater-Intendanten einen „Laien“ und seine Ernennung zum Volksbühnen-Intendant eine „total blöde Entscheidung“.

Finzi freut sich, dass nun René Pollesch das Haus übernehmen wird. Die Volksbühne sei eine der schönsten Bühnen, auf der er je gestanden hat. Natürlich würde er auch wieder dort spielen. Aber mit Pollesch habe er noch nie gearbeitet.

Und „nur wegen des Labels Volksbühne“ würde er nicht zurückkehren. Er gibt klar zu verstehen, dass da schon etwas sein müsse, das er konkret erzählen könne. „Ich bin ja keine 20 mehr.“ In nächster Zeit ist daran aber sowieso nicht zu denken. Für die nächsten zwei Jahre ist er komplett ausgebucht.

Wie schafft er das überhaupt, ständig zu drehen und auf der Bühne zu stehen? Ach, das gehe schon, wiegelt er ab. Er liebe es sogar, tags zu drehen und abends Theater zu spielen. Wie, ist man da nicht total ausgelaugt? Im Gegenteil, findet er. „Diese ganze Energie, die sich tagsüber beim Dreh angestaut hat, die entlädt sich dann.“

Andere würden nach dem Drehen Joggen gehen. Er geht auf die Bühne. Und während man beim Drehen immer mit reduzierter Mimik spielt und bei Großaufnahmen nur über die Augen in seine Seele blicken lassen kann, ist Theater Ganzkörperertüchtigung. „Das ist für mich sehr heilend.“

Theater kommt bei ihm immer vor Film

Und so gern er auch dreht: Theater ist für ihn immer die wichtigere Arbeit. „Beim Film werden die Entscheidungen von anderen getroffen“, erklärt er, „auf der Bühne treffe ich die Entscheidungen. So einfach ist das.“ Während die Kollegen am Ende einer Drehwoche nach Hause fahren, jettet er oft nach Wien oder Berlin, um Theater zu spielen, um dann am Montag mit dem ersten Flieger zurückzukehren.

Und was ist mit seiner Frau, die Casting-Direktorin Sorrel Athina Jardou, oder mit seinem Sohn Ezra? Kommen die die dabei nicht zu kurz? „Die kriege ich auch noch unter“, schmunzelt Finzi, „ich kenne da keine Klagen.“ Gerade hat er sich aber eine wirklich Auszeit verordnet. Er hat alles abgelehnt, was an Angeboten kam.

„Ich habe seit ich weiß nicht mehr wie lange keine Pause mehr gemacht.“ Einen ganzen Monat hat er frei. Und ganz für die Familie reserviert. Mit ihr will er einfach über die Lande fahren, mit dem Auto und einem großen Zelt, das man überall aufschlagen kann. Wir stehen plötzlich vor Finzis Wagen, den er hier geparkt hat, und er zeigt stolz auf den Zeltkasten, den er schon auf das Dach montiert hat.

Wir sind jetzt am Viktoria-Luise-Platz angelangt. Für Finzi ist das einer der schönsten Plätze der Stadt. Und hier, im Haus Nr. 11, hat, eine Plakette verweist darauf, einmal Billy Wilder gelebt. Einer der ganz Großen im internationalen Film. Und auch einer der vielen Juden aus diesem Viertel.

Die Angst vor Autogrammjägern

Im selben Haus, das zeigt eine zweite Plakette, wohnte auch der Komponist Ferruccio Busoni. Nach dem ist in Italien ein Klavierwettbewerb genannt – und den hat Finzis Mutter einmal gewonnen. So schließen sich Kreise.

Wir wollen uns gerade verabschieden, da passiert noch etwas Unvorbereitetes. Eine junge Frau ruft von der anderen Straßenseite herüber und läuft auf uns zu. Kurz erschrickt Finzi. Aber es ist kein Fan, der ein Autogramm will. Oder, noch schlimmer, ein Selfie mit ihm schießen will. Es ist nur eine Kollegin des Reporters, die kurz grüßt und sich gleich entschuldigt, als sie erkennt, dass sie in ein Interview geplatzt ist.

Da stoßen wir ganz zuletzt noch auf ein Thema, das Finzi durchaus lästig ist. Ständig wird er überall erkannt und angesprochen. Bei den Salzburger Festspielen haben ihn einmal angetrunkene Frauen in die Wange gekniffen und meinten: „Wir kennen dich aus dem Fernsehen“. Geduzt. Und gekniffen! Oder neulich stand er mal in aller Früh und noch nicht ganz wach an einem Flughafen, als ein junges Mädchen ein Foto machen wollte, weil er „ein großes Vorbild“ für sie sei. Dabei wusste sie noch nicht mal seinen Namen.

Zum Schluss noch ein Augenzwinkern

Das sind lästige Momente für Finzi. Er freut sich dagegen, wenn er konkret auf eine Theateraufführung angesprochen wird. Oder auf kleinere Produktionen. Neulich wurde er von Polizisten angehalten, einer der Beamten erkannte ihn. Finzi dachte, jetzt spricht er gleich von einem Til-Schweiger-Film. Klar, die sind populär. Der Polizist sprach ihn aber auf „Der Hauptmann“ an, einen sehr sperrigen Film, der nur wenige Zuschauer gefunden hat. „Wenn du auf solche weniger bekannten Sachen angesprochen wirst, dann ist da wirklich Interesse.“ Dann freut sich Finzi.

Zum Schluss noch ein Augenzwinkern. „Hast du einen Stift?“, fragt der Schauspieler. „Ich möchte dir ein Autogramm geben.“ Dann grinst er. Nichts da, nur Spaß! Den Stift braucht er kurz, weil er sich noch etwas notieren will.