30 Jahre Loveparade

Dr. Motte: „Einige haben gegafft – war uns egal“

Vor 30 Jahren zog die Loveparade erstmals durch Berlin. Gründer Dr. Motte über den Umzug und warum er große Angst um Berlins Clubs hat.

Raver tanzen ausgelassen auf der Love-Parade 2001.

Raver tanzen ausgelassen auf der Love-Parade 2001.

Foto: dpa Picture-Alliance / Kalaene Jens

Am Montag vor 30 Jahren wummerten zum ersten Mal die Bässe von den Wagen, zogen die Raver durch die Straßen Berlins. Die Loveparade feiert 30-jähriges Jubiläum. Mit ihrem Gründer Matthias Roeingh alias Dr. Motte, sprachen wir bei Kaffee und Kuchen im Europa-Center, unweit der ersten Loveparade-Strecke, über deren Entstehung, die erste Parade und bedrohte Clubs. Zum Interview kommt Motte passend im T-Shirt mit „Techno“-Schriftzug.

Am Wittenbergplatz startete vor 30 Jahren die erste Loveparade – wie war das damals?

Dr. Motte: Am 1. Juli, um 14.30 Uhr, war das ganz genau. Wir haben auf dem Wittenbergplatz die Wagen aufgebaut und wollten eigentlich um 14 Uhr anfangen. Da man aber zu der Zeit noch keine Erfahrungen hatte, wie das alles abläuft, standen wir erst einmal dumm rum. Es war auch ein total blödes Wetter, so ein englisches Nieselregen-Wetter. Ein bisschen Euphorie, weil man was Neues macht, war aber schon da. Eine halbe Stunde standen wir da rum. Dann kam der Leiter der Polizei zum Einsatz. Um 14.30 Uhr meinte er: „Woll’wa los?“ Wir haben die Anlagen angeschmissen und los ging‘s.

Wie lang dauerte der Umzug?

Fünf Stunden bestimmt. Wir sind über die Tauentzienstraße und den Kudamm ganz gemächlich bis zum Adenauerplatz gezogen, haben da eine Kehrtwende gemacht, dann ging‘s wieder zurück. Viele Zuschauer gab es bei dem Wetter nicht. Einige haben gegafft – die konnten das alles nicht so richtig einordnen. Aber das war uns egal.

Danach wurde weitergefeiert?

Ja, soweit ich weiß, irgendwo in irgendeinem Fabrikgebäude. Aber ich musste in der Turbine Rosenheim, meinem eigenen Laden, arbeiten. Ich hatte da als DJ einen ganz normalen Job. Das war schon ein bisschen absurd, erst so eine Innovation zu machen, eine neue Demonstrationsform erfunden zu haben, die Magie zu erleben, die Gänsehaut zu haben und dann fängt der ganz normale Trott wieder an.

Wie kam die Idee zur Loveparade?

Ich hatte die Idee sechs Wochen vorher, im Mai. Unweit vom Hermannplatz gab es eine Off-Location, wo man mich eingeladen hatte, ein bisschen Musik zu machen. Da stand ich danach draußen und hatte die Idee, mit unserer Musik mal die Straße zu bespielen und auf der Straße zu tanzen. Wenn man das anmelden will, braucht man aber einen Grund. Ich hab das dann als Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“ angemeldet: Frieden, für Abrüstung; Freude, für Musik als Mittel der Völkerverständigung; und Eierkuchen, für die gerechte Nahrungsmittelverteilung.

Mit den Teilnehmerzahlen ging es schnell steil bergauf …

1995 waren 350.000 Leute auf dem Ku’damm mit dabei. Da haben wir schon gemerkt, dass es dort sehr, sehr eng wird und wir so nicht weitermachen können. Mit der Stadt haben wir nach anderen Strecken gesucht. Irgendwann kam der Vorschlag, auf die Straße des 17. Juni zu wechseln – das fanden wir sofort toll. Wir sind dann immer weiter gewachsen. 1996 waren es schon 700.000 Menschen, die mittanzten.

Ihren Höhepunkt erreichte die Loveparade 1999 mit 1,5 Millionen Teilnehmern.

Genau. Es waren unfassbar viele Menschen. Unfassbar viel gute Musik und Trucks. Und das hat natürlich auch viel ausgelöst in der Stadt: Die Clubs hatten am Loveparade-Wochenende richtig hohe Umsätze, Taxifahrer, Hotels und viele mehr haben profitiert.

2001 wurde der Loveparade vom Bundesverfassungsgericht der Status als Demonstration aberkannt, Sie mussten nun selbst für die Kosten für Sicherheit und Reinigung aufkommen. 2004 und 2005 fiel die Parade aus, im folgenden Jahr verkauften Sie die Rechte – wie schwer fiel Ihnen das?

Wir hatten 2003 von Wowereit 500.000 Euro bekommen. Damit konnten wir die Loveparade nochmal finanzieren und umsetzen. Aber 2004 konnten wir sie nicht mehr finanzieren: Wir brauchten locker zwei Millionen Euro. Beim Verkauf der Rechte an Rainer Schaller von McFit war für mich schnell klar, dass dieser die Loveparade nur als Marketing-Event für seine Fitnesskette benutzt. Die Loveparade Berlin GmbH hatte fünf Gesellschafter, von den vier verkaufen wollten. Nach anfänglichem Widerstand lenkte auch ich ein. Denn mir ging es darum, dass die Loveparade wieder stattfindet, um der Kultur wieder ein Forum zu geben.

Mit der Katastrophe 2010 in Duisburg ging die Loveparade-Ära zu Ende. Techno ist jedoch mittlerweile fester Bestandteil vieler Demos in Berlin. Ist das der Loveparade zu verdanken?

Dass Leute dadurch inspiriert sind, das merkt man bis heute. Wir haben zum Beispiel den CSD beeinflusst. Das war lange ein Protestmarsch ohne Musik. Irgendwann hatten die dann auch Musikwagen – das haben die sich bei uns abgeguckt. Auch den Zug der Liebe und die Street Parade in Zürich haben wir inspiriert. Andere zu inspirieren, sodass wir irgendwann die Loveparade auf der ganzen Welt haben, alle Menschen zur Loveparade tanzen und wir alle Freunde werden, war von Anfang an unsere Vision.

Lebt die Loveparade auch in der Berliner Clubszene weiter?

Ich würde schon sagen, dass wir einen gewissen Spirit in Berlin manifestiert haben: Dass es keine Rolle spielt, welche Religion, Politik und Hautfarbe du hast, weil wir geeint im Rhythmus sind – das haben wir gelebt und leben wir.

Also keine Wiederauflage der Loveparade nötig?

Wir haben in Berlin eine existierende Kultur. Doch die ist bedroht. Das sehe ich zum Beispiel beim Holzmarkt 25, wo das Ordnungsamt den Ausschank auf 21 Uhr begrenzt, oder beim RAW-Gelände. Wir brauchen deshalb ganz dringend Maßnahmen zum Schutz dieser Kultur, von der wir hier in Berlin so profitieren. Wir müssen uns zusammentun, müssen uns neu vernetzen, brauchen vielleicht einen großen Aufschrei, sonst haben wir ein radikales Clubsterben. Und das kann ganz schnell gehen. Wenn die nächsten zehn Jahre nichts passiert, ist die Stadt tot. Dann gibt’s hier nur Halligalli für die ganzen Autobusse, die hier hergekarrt werden. Aber die Kulturarbeit, die wir hier machen, die existiert dann nicht mehr.