Konzertkritik

King Crimson verzichtet in der Zitadelle auf Showfirlefanz

Während des Konzertes von King Crimson herrscht striktes Handyverbot. Die Fans sollen sich auf die Musik einlassen.

King Crimson während eines Konzertes. (Archivbild)

King Crimson während eines Konzertes. (Archivbild)

Foto: Pa / picture alliance / Photoshot

Schon am Einlass machen Schilder klar, dass das Mobiltelefon am besten gar nicht erst eingeschaltet wird. Auch auf der Bühne der Spandauer Zitadelle stehen zwei große Staffeleien mit Schildern, die auf ein generelles Film- und Fotografierverbot hinweisen. Und damit es auch jeder mitbekommt, erklärt erst eine Frauenstimme auf Deutsch, dann die Stimme von Gitarrist Robert Fripp persönlich auf Englisch, dass man heute eine Party feiern möchte, das man sich einzig der Musik und des Augenblicks erfreuen solle und jegliche Aufzeichnungstechnik verpönt sei. „Otherwise you might be asked zu leave. And now: let’s have a good time.“

King Crimson: Besucher sollen sich auf Musik einlassen

Das strikte Smartphone-Verbot bei Konzerten von King Crimson kommt inzwischen schon einem Ritual gleich. Und es ist auch durchaus angenehm, mal keine Minibildschirme an gereckten Armen vor sich zu haben. Ein paar Unbelehrbare gibt es natürlich dennoch, die meisten werden aber schnell von zahlreichen Aufpassern wieder ausgebremst. Schließlich will Robert Fripp mit der aktuellen Inkarnation seiner Band King Crimson, dass sich die Besucher ganz auf die Musik einlassen.

Und die ist nicht immer einfach. Da wechseln melodieselige Balladen mit kreativem Krach. Da wird erfrischend in ungeraden Takten improvisiert. Da verschmelzen die Stile, treffen schwermetallene Gitarrenriffs auf frickelige Jazzrock-Muster, da werden die überlieferten Riten des Pop und des Rock ’n’ Roll auf den Kopf gestellt. Das Ganze in einer geradezu statischen Versuchsanordnung, die auf jeglichen Showfirlefanz verzichtet. Was diese Band da auf der Bühne treibt, ist schlicht überwältigend.

Robert Fripp mit langanhaltendem Applaus begrüßt

Als King Crimson am Sonnabend um Punkt 19.30 Uhr auf die noch vom Tageslicht erhellte Zitadellen-Bühne tritt, wird die Band, deren einzige Konstante der 73-Jährige Gitarrist Robert Fripp ist, mit langanhaltendem Applaus begrüßt. Die Zitadelle ist zur Hälfte bestuhlt und bestens gefüllt. Seit 50 Jahren gibt es die Artrocker mittlerweile, es sind jede Menge Fans der ersten Stunde im Publikum, aber durchaus auch jüngere Semester.

Die Besetzung ist markant. Direkt an der Bühnenrampe haben die drei Schlagzeuger Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey ihre Instrumente aufgebaut. Auf einem Podest im Hintergrund stehen Saxophonist und Flötist Mel Collins, Bassist Tony Levin und Gitarrist und Sänger Jakko Jakszyk. Und ganz rechtsaußen sitzt Robert Fripp mit seiner Gitarre, ein kleiner unscheinbarer Mann im Anzug, den man sich auch gut in einer britischen Amtsstube vorstellen könnte. Doch was er da immer wieder aus den Saiten zaubert, ist phänomenal.

Band ist bestens aufeinander eingespielt

Zur Ouvertüre kommen die Schlagzeuger mit einem kollektiven Solo zum Zug, Virtuosen allesamt, keine bloßen Taktgeber. Auf den perkussiven Schlagabtausch folgt das relativ neue Stück „Hell Hounds of Krim“ von 2016 mit leichtem Bluesrock-Einschlag, bevor es mit „Circus“ vom 1970 erschienenen Album „Lizard“ tief in die Geschichte geht. Die Band ist bestens aufeinander eingespielt. Kein Konzert ist wie das andere. Aus einem Repertoire von 45 eingeprobten Stücken wählen sie für jeden Abend ein neues Programm aus.

Doch Klassiker sind immer dabei. Wie „Moonchild“ vom 1969 erschienenen Debüt-Album „In The Court oft he Crimson King“, bei dem Tony Levine den elektrischen Upright-Bass mit dem Bogen streicht und Fripp Raum für ein erstes längeres Solo bekommt. Er kann sich in elegant langezogenen Tönen in süßlichen Melodien verlieren, dann wieder schabt er knarzend-dreckige Riffs aus seinem Instrument oder lässt fingerflinke Kadenzen perlen. „Moonchild“ geht über in den Titelsong des Debüt-Albums, das ist Progrock erster Güte, der ein ganzes Genre geformt hat. Und nach „Neurotica“ und „Indiscipline“ mit Levin am nur mit den Fingerkuppen gespielten Chapman-Stick geht es wortlos in die Pause.

Ein stetiger Wechsel in der Band

Konstant ist bei King Crimson vor allem der stetige Wechsel. Die Liste der ehemaligen Musiker ist lang. Für Robert Fripp bedeutete das aber auch immer Neubeginn und Wandel. Inzwischen freilich ist das Repertoire gefestigt. Das letzte Studioalbum erschien 2003. Und Fripp führt die Höhepunkte einer 50 Jahre währenden Karriere mit akademischer Akuratesse und anarchischer Spiellust immer wieder auf. So im zweiten Teil des Abends auch „Epitaph“ von 1969, „Larks‘ Tongues in Aspic, Part 2“ oder „Easy Money“ beide von 1973.

Das vertrackte „Starless“ vom 1974 erschienenen Album „Red“ beschließt als furioses Finale diese wilde Fahrt durch das Werk von einem der größten Musiker unserer Tage. Auf ein romantisch-schwelgendes Gitarrenthema folgt hier ein vetrackter Mittelteil, der mit vorsätzlichen Dissonanzen überrascht und in versöhnlichen Harmonien mündet. Avantgarde kann höchst unterhaltsam sein.

Vergeblich warteten einige Fans auf „Heroes“. Robert Fripp hatte die Platte von David Bowie 1977 mit seinem elegischen Spiel veredelt und noch 2016 im Admiralspalast gab es eine King-Crimson-Version dieses Berlin-Klassikers als Zugabe zu hören. Stattdessen walzt der größte Hit der Band machtvoll durch die Dämmerung: mit „21st Century Schizoid Man“ und diesem genial stampfenden Riff geht nach zweieinhalb Stunden ein imponierendes, forderndes und begeisterndes Konzert zu Ende.