Waldbühne

Berliner Philharmoniker sorgen für besondere Stimmung

Dirigent Tugan Sokhiev bringt eine kühle, asketische Luft in das Sommerkonzert des Berliner Spitzenorchesters.

Über zwanzigtausend Zuschauer sind in der Waldbühne, als die Berliner Philharmoniker spielen. (Archivbild)

Über zwanzigtausend Zuschauer sind in der Waldbühne, als die Berliner Philharmoniker spielen. (Archivbild)

Foto: POP-EYE / Ben Kriemann / picture alliance / POP-EYE

Unter strahlend blauem Himmel mit diesmal nicht allzu sengender Sonne findet der traditionelle Saisonabschluss der Berliner Philharmoniker mit einem Konzert in der Waldbühne statt. Es ist eine merkwürdige Zwischenzeit: Die Ära des langjährigen Chefdirigenten Simon Rattle ist vorbei, sie endete im letzten Jahr genau hier vor ebenfalls über zwanzigtausend Zuschauern mit launigen Abschiedsgesten, die Blechbläser setzen sich weiße Lockenperücken im Rattle-Stil auf. Die Ära des Neuen, des introvertierten Kirill Petrenko, beginnt erst in einigen Wochen, wenn der lang erwartete Künstler zum Start seiner Amtszeit und der neuen Saison mit seinen Philharmonikern ein Platzkonzert vor dem Brandenburger Tor spielen wird.

Tugan Sokhiev dirigiert in der Waldbühne

Der eine ist weg, dem anderen würde bei einem Debüt vor so großer Kulisse wohl die Leichtigkeit fehlen. Die Philharmoniker können sich in diesem Jahr also nicht, was in der Waldbühne so dankbar und wirkungsvoll ist, auf einen hauseigenen, vertrauten Star kaprizieren, der vielleicht noch einige lockere Sprüche in die danach lechzende Menge wirft. Die Lösung des Orchesters, wie auch immer sie zustande kam: Es dirigiert Tugan Sokhiev, vor 41 Jahren in der russischen Teilrepublik Nordossetien und in Russland früh zu einer zentralen Figur des Musiklebens aufgestiegen, bevor er als Chef nach Toulouse ging. Auch in Berlin als ehemaliger Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin nicht unbekannt, ist der derzeitige Musikdirektor des Moskauer Bolschoitheaters sicherlich alles andere als ein internationales musikalisches Leichtgewicht. Die Philharmoniker kennen ihn als Dirigent seit 2010.

Unwillkürlich überlegt man am Anfang und noch einmal am Ende des Abends, ob dies die richtige Wahl war. Zunächst mal bemerkenswert: Sokhiev vollbringt in der Waldbühne das Kunststück, die Aufmerksamkeit des Publikums größtmöglich auf die Musik zu fokussieren. Das will etwas heißen. Eigentlich geht es für die Besucherinnen und Besucher ja nicht zwangsläufig hauptsächlich um Musik: Man freut sich auf den bevorstehenden Urlaub, meistens spielt irgendwo in einem Nachbarland – wie auch jetzt – eine deutsche Fußballmannschaft, man hat leckere Dinge im Picknickkorb und hat sich seine Plätze gegen andere forsche Anwesende mit Ellbogen und schnellen berlinischen Wortwechseln erkämpft. Doch Sokhievs Konzert buhlt nicht mit Tschingedrassabumm um wenigstens anfänglich ein bisschen Aufmerksamkeit der Hörer, sondern Oboist Albrecht Mayer beginnt mit einem hauchzarten Solo Sergej Prokofiews Suite der Filmmusik zu „Leutnant Kijé“.

Bläser der Philharmoniker glänzen mit kantigem Soli

Ein in vieler Hinsicht hintergründiger Beginn. Schlagartig wird zunächst das Publikum davon überzeugt, dass es wegen der Musik nicht nur hier sein sollte, sondern genau wegen ihr hier ist. Zur sommerlichen Lebenswelt der Berliner stehen die folgenden musikalischen Ereignisse in einem solch fremden Kontrast, dass freundliches Nebenherlaufenlassen unmöglich ist. Da sind die sofort folgenden leisen Versatzstücke aus russischen Militärmärsche. Sie schildern die „Geburt“ des Leutnant Kijé, der kein Mensch, sondern eine real nie existierende Karteileiche der absurd wuchernden Bürokratie im Zarenreich ist – für Russen bis heute ein Lieblingsthema wie für Deutsche das Biofleisch. Da sind die mal hymnischen, mal bärbeißigen Klänge, wenn die Karteileiche in der Amtsstube Hochzeit feiert. Gerade die Bläser der Philharmoniker können klanglich mit kantigen Soli glänzen. Es ist dennoch eine fahle, graue Welt, die so gar nicht zum Wetter in der Waldschlucht zwischen Westend und Ruhleben passen will. Künstlerisch gesehen ist das faszinierend.

Persönlich geht Sokhiev keine Risiken ein – wie er selbst während des Konzerts als Person ungreifbar bleibt. Zur Überbrückung der immensen Entfernung nehmen die meisten Dirigenten – Rattle, Dudamel, Barenboim etwa – wenigstens gegen Ende via Mikrofon Kontakt zum Publikum auf. Sokhiev ist musikalisch höchst engagiert, lässt aber auch ein Programm laufen, dass er schon mindestens zehnfach dirigiert hat, als internationaler Spezialist für russische und französische Orchestermusik.

Philharmoniker-Konzert mit Botschaft

In den philharmonischen Waldbühnenkonzerten steckt immer eine außermusikalische Botschaft. Es kann nicht anders sein – dafür sind Ort, Termin, Orchester und die Zahl der Anwesenden einfach zu schlagkräftig. Diese Botschaft auszumachen, ist an diesem Abend kaum möglich. Ist es der Versuch einer Verständigung mit Russland auf kultureller Ebene in politisch schwieriger Zeit? Da ist Sokhiev nicht die geeigneteste Figur. Nach Valeri Gerghiev vertritt er als zweiter Musikmann im Putinstaat mittlerweile seit einigen Jahren ein System, das namentlich im Bolschoitheater, etwa durch die Arrestierung des Regisseurs Kirill Serebrennikov, mit rüden Methoden ins Kulturleben eingreift. Kunst läuft abseits der Politik, das ist ein in Russland, aber nicht in Deutschland verbreiteter selbstnarkotischer Irrglaube. All das führt dazu, dass Tugan Sokhiev, zweifelsohne ein großer Musiker, sich an diesem Abend der bewussten Wahrnehmung zu entziehen scheint und dass ein Fazit außerhalb der Musik schwer zu ziehen ist.

Innerhalb ihrer schon: Sie ist großartig. Die bezaubernde Sopranistin Marianne Crebassa singt drei „Shéhérazade“-Lieder ihres französischen Landsmannes Maurice Ravel, und mit etlichen sattsam bekannten Nummern aus der Orchestersuite zu „Romeo und Julia“ von Prokofiew stellt Tugan Sokhiev mit bewunderswert sicherer Hand die fragile Balance zwischen Popularität und hohem Anspruch her, welche die Philharmoniker-Konzerte in der Waldbühne traditionell auszeichnet.