Berliner Spaziergang

Peggy Mädler - Ein Leben in ziehenden Landschaften

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Ein Spaziergang mit der Schriftstellerin Peggy Mädler.

Schriftstellerin Peggy Mädler

Schriftstellerin Peggy Mädler

Foto: maurizio Gambarini/Funke Foto Services

Berlin. Wir treffen uns in Mitte, vor dem Haus Sophienstraße 22. Und natürlich stehen wir dort auch schon mit einem Bein ganz tief in der Geschichte. In einem mit üppigen Blumenbeeten verzierten Hinterhaus, ursprünglich ein zwischen 1878 und 1899 erbautes Miets- und Geschäftsgebäude, befand sich von 1993 bis 2012 das Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität. Heute werden die Räume vom Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und einem Exzellenzcluster genutzt, aber die Atmosphäre einer akademischen Oase ist geblieben.

Peggy Mädler dämpft unwillkürlich die Stimme, als wir im Hof stehen. Sie erzählt mit kaum hörbarer sächsischer Melodie, wie sie, 1976 in Dresden geboren, im Herbst 1994 nach Berlin kam, um hier Kultur- und Theaterwissenschaften zu studieren. Wie sie hier auch ihre Doktorarbeit schrieb. Wie sie anfangs großen Respekt gehabt habe vor dem akademischen Betrieb. Wie sie ihren Kommilitonen immer zugehört und sich gefragt habe: Wann bitte haben die all diese Bücher gelesen? Und wie sie dieses Terrain des Geistes doch zugleich so unglaublich fasziniert und in den Bann geschlagen habe.

Die großen Fragen unseres Lebens

Peggy Mädler hat viele Leidenschaften. Sie ist freischaffende Dramaturgin für Theaterproduktionen, sie lehrt an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen. Und sie ist Schriftstellerin. Als solche ist sie kürzlich von der Fontanestadt Neuruppin und dem Land Brandenburg mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden, der in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fällt. Und das nicht nur, weil der Fontane-Literaturpreis mit 40.000 Euro, ausgezahlt als Stipendium über zwei Jahre, außergewöhnlich hoch dotiert ist. Von anderen Auszeichnungen unterscheidet er sich auch darin, dass er gerade nicht an die längst etablierten Größen des Literaturbetriebs vergeben wird. „Die können sich ja nicht mit mir schmücken, das ist eine Investition in die Zukunft“, sagt sie. Und sie hat auch schon eine Idee für den Roman, der mit Hilfe des Stipendiums entstehen könnte. Aber wir greifen vor.

Ihr aktueller Roman „Wohin wir gehen“ (Galiani Berlin) befasst sich auf ganz unaufdringliche und doch fesselnde Weise mit den Hakenschlägen des 20. Jahrhunderts. Er überspannt drei Generationen und drei politische Systeme. Es geht darum, wie wichtig Heimat für uns ist, was ihr Verlust bedeutet, wie man mit Brüchen im Leben umgeht, mit Trennung und Tod. Das alles wird in einem Ton erzählt, der nichts Blumiges oder Auftrumpfendes hat, sondern der seine Kraft aus der Präzision der Beobachtung schöpft. Und in dem Peggy Mädler nebenbei die großen, die existenziellen Fragen stellt. Wer wollte nicht wissen, wohin wir gehen?

Unser Fotograf Maurizio Gambarini hat seine Bilder gemacht, wir verlassen den Hof und wenden uns nach links. Sofort wird die Stadt widersprüchlicher. Die gegenüber gelegene Sophienkirche verheißt noch fast dörfliche Ruhe, während von rechts bereits der Lärm des Hackeschen Markts herüberweht: die Tramlinien, die S-Bahnen, die Autos und die Touristenströme. Wir schlendern die Sophienstraße hinunter und machen kurz an den Sophiensælen Station. Dunkelrot und trutzig ragt das ehemalige Handwerkervereinshaus in die Höhe. Ein Haus, zur Zeit der Weimarer Republik ein bedeutender Veranstaltungsort für politische Versammlungen der Arbeiterbewegung, seit 1996 ein von Sasha Waltz, Jochen Sandig und anderen gegründeter Produktions- und Spielort für freies Theater. Peggy Mädler erzählt, wie wichtig ihr die freie Theaterszene der Stadt ist. Nach ihrem Studium ging sie zunächst für ein halbes Jahr nach Dresden zurück, um eine Dramaturgiehospitanz am dortigen Staatsschauspiel zu absolvieren.

Nach Berlin zurückgekehrt, erhielt sie ihren ersten Dramaturgievertrag im Orphtheater an der Ackerstraße. Es waren die 90er-Jahre, die freie Szene boomte und experimentierte mit großer Lust, mit Performances und mit postdramatischen Formen. Für Peggy Mädler stellte sich die Frage, ob sie sich für ein Leben als Freiberuflerin entscheiden oder nach einer Festanstellung umsehen sollte. Ihre Eltern hätten schon an der Wahl ihrer Studienfächer Kultur-, Theater- und Erziehungswissenschaften zu knabbern gehabt, sagt sie: „Sie wünschten sich Sicherheit, was auch nachvollziehbar ist: Es war die Nachwendezeit. Sie selbst konnten zwar ihre Arbeit behalten, aber das kam ihnen eher wie ein Zufall vor. Sie haben erlebt, wie ringsum sämtliche Kollegen, Freunde, Bekannte ihre Arbeit verloren haben – sie wollten deshalb Stabilität für mich. Ich wiederum wollte aufbrechen, wegkommen von meiner Herkunft, in andere Räume.“

Sie entschied sich für ein Leben als Freiberuflerin – nicht nur mit Blick auf ihre Eltern, sondern auch auf den Theaterbetrieb: „Ich hatte relativ schnell den Eindruck, dass man als Festangestellter am Theater in gewisser Weise Wanderarbeiter ist. Alle paar Jahre muss man den Ort verlassen, an dem man lebt – und die Frage ist, wo man jemals ankommt. Man ist in seinen Theaterstrukturen, und da schließt man auch Freund- und Bekanntschaften, aber es geht kaum mehr in die Stadt hinaus. Das wollte ich nicht.“ Hinzu kommt, dass sie als Freiberuflerin die Arbeitsformate regelmäßig wechseln kann: Während des Theatertreffens hat sie noch mit dem Performance-Kollektiv She She Pop auf der Bühne gestanden, das genaue Gegenteil der einsamem Klausur am heimischen Schreibtisch. Und von dort geht es wieder in die Seminarräume zum Unterrichten. „Diese Abwechslung ist mir wichtig, und deshalb wollte ich nicht von einer Stadt zur nächsten hetzen.“

Von den Sophiensælen (wo Peggy Mädler mit ihrem „Labor für kontrafaktisches Denken“ bereits 2013 eine Installation realisiert hat und wo im Herbst dieses Jahres eine weitere folgen wird) sind wir zum U-Bahnhof Weinmeisterstraße gekommen, einem ehemaligen Geisterbahnhof, wie sie kurz erwähnt. Die Stadt als historischer Raum ist ihr präsent, das wird auf diesem Spaziergang immer wieder klar. Nun gehen wir die Münzstraße entlang, und sie sagt, wir müssten jetzt dringend nach dem Litfaßsäulen-Denkmal Ausschau halten, das an die allererste überhaupt jemals aufgestellte Litfaßsäule erinnert. Als wir neben ihr stehen, kommen wir auf Theodor Fontane zu sprechen. Wegen des Preises hat sie sich noch einmal stärker mit dem Schriftsteller beschäftigt und Iwan-Michelangelo D’Apriles Buch „Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung“ (Rowohlt) gelesen, das ich auch kenne und für das wir uns beide kurz begeistern.

D’Aprile schildert Fontanes Leben vor dem Hintergrund der enormen Umbrüche des 19. Jahrhunderts – und bringt alle ins Grübeln, die in ihm nur einen etwas betulichen, in der Welt behaglich eingerichteten Autor sehen. Die Eisenbahn brachte die jederzeit verfügbare Mobilität ins Leben der Menschen, und mit Telegrafen, vor allem auch mit der Werbung entstanden ganz neue Kommunikationsformen. „Ich dachte immer“, sagt Peggy Mädler, „die flächendeckende Elektrifizierung Anfang des 20. Jahrhunderts sei so ein tiefer Einschnitt gewesen, aber dass das 19. Jahrhundert auch so eine ziehende Landschaft ist: unglaublich. Dazu kommen die Umbrüche in Fontanes Biografie, die Trennung der Eltern, der Bankrott des Vaters, die vielen beruflichen Veränderungen.“

Wie viel Sicherheit brauchen wir?

Da ist es wieder, das Motiv des ständigen Wandels, der sich mal stetig, mal in Sprüngen, mal in Brüchen vollzieht. Es bildet ein wichtiges Motiv für den Roman „Wohin wir gehen“. Auf seinen Stoff kam die Autorin bereits vor zehn Jahren, als sie in einem Pflegeheim mit mehreren älteren Menschen am Abendbrottisch saß: „Sie fragten mich aus, es ging viel um meine Freiberuflichkeit. Irgendwann fragte ich zurück, und ein über 80-jähriger Mann sagte zu mir: Ich hatte sieben verschiedene Berufe in meinem Leben und war in allem Amateur. Er erzählte mir eine Geschichte, die eng mit den ganzen historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts, aber auch mit privaten Zäsuren wie einer Trennung zusammenhing. In diesem Moment hatte ich ein Aha-Erlebnis: Es gibt eigentlich nur eine Generation, die das kennzeichnet, was man als sogenannte Normalerwerbsbiografie beschreibt. Und das ist die meiner Eltern, die sich bis zur Wende an Sicherheit und Kontinuität gewöhnen konnten.“ Historisch betrachtet und in großen Zeitsprüngen gedacht, ist nicht die Sicherheit der Normalfall, sondern die Unsicherheit.

Ob das auch in ihrem neuen Roman eine Rolle spielen wird? Inhaltlich wird es um Kybernetik gehen, um die Wissenschaft also, die sich mit der Steuerung und Regelung von Maschinen, aber auch von Lebewesen und sozialen Verbünden beschäftigt und deren beste Zeiten in der Vergangenheit liegen. Kybernetik wurde 1953 an der Humboldt-Universität als Lehrfach etabliert, Peggy Mädler stieß während der Arbeiten an ihrer Promotion auf das Thema und war sofort davon fasziniert. Auch hier waren die Menschen von einer Aufbruchsstimmung ergriffen, die uns heute etwas melancholisch berührt: „Es wurde ja auch auf einer utopisch-philosophischen Ebene diskutiert. Da unterhalten sich Philosophen mit Naturwissenschaftlern, Pädagogen und Germanisten, und ihre gemeinsame Sprache ist die Kybernetik – und gleichzeitig ist das natürlich ein Vorläufer unseres Transformationsprozesses, der Digitalisierung.“ Vor diesem Hintergrund, so schwebt es ihr vor, möchte sie von einer Dreiecksbeziehung erzählen, die man vielleicht auch als kybernetisches System beschreiben kann.

Geschichte und Geschichten. Wir sind, von der Münzstraße kommend, die Almstadtstraße hinaufgewandert. Vor einigen Häusern erinnern Stolpersteine daran, was diese Straße einmal war, als sie noch Grenadierstraße hieß, bevor sie 1951 nach dem kommunistischen Widerstandskämpfer Bernhard Almstadt umbenannt wurde. „Das war die Straße“, sagt meine Gesprächspartnerin, „an der die osteuropäischen Juden gewohnt haben, eine richtige Magistrale, mit ganz vielen Geschäften und Gebetsschulen.“ Nach dem tödlichen Attentat auf Zar Alexander II. war es 1881 im russischen Reich zu schweren antisemitischen Pogromen gekommen. In Berlin siedelten die geflohenen Juden vornehmlich im Scheunenviertel, auch weil Preußens König Friedrich Wilhelm I. bereits 1737 allen Berliner Juden ohne eigenem Haus die dortige Ansiedlung befohlen hatte. Es waren die orthodoxen Juden, die hier lebten, die Almstadtstraße galt als „Ghetto mit offenen Toren“. Wie es weiterging im blutigen 20. Jahrhundert, ist bekannt. Peggy Mädler sagt: „Man hat gerade in Mitte das Gefühl: Es ist voll mit auf gewaltsame Weise ums Leben gekommenen Menschen.“

Wir schweigen und gehen weiter zum Rosa-Luxemburg-Platz, an der Volksbühne soll unser Spaziergang enden. Wir sprechen noch kurz über die Erschütterungen, die dieses Haus hinter sich hat und sind uns einig, dass die Volksbühne in den 90er-Jahren unter Intendant Frank Castorf eine ungeheure Faszinationskraft ausübte. Nun hat sie mit Klaus Dörr einen Übergangsintendanten, im Jahr 2022 wird René Pollesch das Haus übernehmen, der mit seinem Volksbühnen-Prater für sie auch eine wichtige Adresse war. Ein Haus im Umbruch, eine Veränderung des öffentlichen Raums, ein Ziehen der Landschaft. „Eigentlich ist das doch gut“, sagt Peggy Mädler. Wir verabschieden uns freundlich.

Zur Person:

Leben: Peggy Mädler, geboren 1976 in Dresden, hat in Berlin Theater-, Erziehungs- und Kulturwissenschaften studiert und 2008 in den Kulturwissenschaften auch promoviert. Sie arbeitet als freie Autorin und Dramaturgin und ist Mitbegründerin der Künstlerformation „Labor für kontrafaktisches Denken“. Von 2007 bis 2009 gehörte sie dem Gründungsvorstand des Landesverbandes freie darstellende Künste Berlin e.V. an. Im Jahr 2011 erschien ihr erster Roman „Legende vom Glück des Menschen“ (Galiani Berlin). Für ihren zweiten, 2019 erschienen Roman „Wohin wir gehen (Galiani Berlin) erhielt sie den Fontane-Literaturpreis.

Literaturpreis: Der Fontane-Literaturpreis richtet sich laut Selbstbeschreibung „in Bezug auf die besondere Leistung Theodor Fontanes als Meister der Beschreibung von Land und Leuten an eine*n Autor*in deutschsprachiger Reiseliteratur.“ Der Preis ist mit 40.000 Euro dotiert und wird als Stipendium über einen Zeitraum von zwei Jahren ausgezahlt.

Der Spaziergang begann in der Sophienstraße, wo sich einmal das kulturwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität befand. Er führte dann, vorbei an den freien Theaterproduktionstätten der Sophiensæle, über Münz- und Almstadtstraße zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.