Hauptrolle Berlin

Wenn nichts mehr geht am Berliner Flughafen

Im Zoo Palast wird noch einmal „Die endlose Nacht“ gezeigt: Will Trempers Film, der komplett am Flughafen Tempelhof gedreht wurde.

Sie kommt zu spät: Hannelore Elsner als Model Sylvia Stössi in „Die endlose Nacht“

Sie kommt zu spät: Hannelore Elsner als Model Sylvia Stössi in „Die endlose Nacht“

Foto: Moviemax

Es war ihr erklärter Lieblingsfilm. Als Hannelore Elsner 1963 ihre erste Filmhauptrolle in Will Trempers „Die endlose Nacht“ erhielt, schmiss sie kurzerhand ihr erstes festes Engagement in einem Theaterensemble, das sie gerade erst in München erhalten hatte, wieder hin. Es war klar, dass sie damit die Bühne düpierte. Aber sie musste diesen Film machen.

Und er hat ihre Karriere ja auch entscheidend vorangetrieben. Auch wenn er selbst seltsamerweise nie in den Kanon der Filmgeschichte eingegangen ist. „Ich will“, sagte die Elsner gern, „dass Menschen diesen Film sehen“.

Groß war die Hoffnung, dass die Schauspielerin ihn eines Tages noch einmal in Berlin präsentieren würde, in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film vorstellt. Das ist leider nicht mehr möglich. Hannelore Elsner starb überraschend am 21. April. Stattdessen wird „Die endlose Nacht“ nun noch einmal zu ihrem Gedenken gezeigt.

Denn wirklich ist es ein Film, den die Menschen sehen müssen. Inzwischen ist er sogar ein echtes Zeitdokument. Weil fast der gesamte Film am Flughafen Tempelhof spielt und auch dort gedreht wurde.

Wer immer einmal hier abgeflogen oder gelandet ist, wird nostalgisch werden. Und da die Halle seit der Schließung des Airports vor elf Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich ist, ist dies ein einmaliges Wiedersehen.

Hannelore Elsners erster großer Film – und ihr liebster

Nichts geht mehr am Flughafen in diesem Film. Aber das liegt nicht, wie heute in Tegel, an absoluter Überbuchung oder am Chaos bei der Sicherheitskontrolle. In „Die endlose Nacht“ liegt dichter Nebel über Berlin. Alle Flüge fallen aus.

In anderen Städten wäre das kein Problem, da könnte man auf die Bahn ausweichen. In Berlin aber gibt es kurz nach dem Mauerbau nur wenige Bahnverbindungen nach Westdeutschland, und der Transitverkehr durch die DDR kommt für viele Passagiere aus diversen Gründen nicht in Frage. So stranden sie für eine Nacht in der Flughalle.

Da ist ein älterer Schauspieler (Fritz Rémond), der dringend nach Hannover muss, wo er den „Lear“ spielen soll, seine erste große Rolle und wohl auch seine letzte Chance. Da ist ein windiger Geschäftsmann (Harald Leipnitz), dem das Wasser bis zum Hals steht, weil am nächsten Morgen Wechsel fällig werden, die er gefälscht hat. Deshalb animiert er sogar seine Freundin (Karin Hübner), für einen Großauftrag einen Wirtschaftsmagnaten (Paul Esser) zu bezirzen.

Da ist eine verheiratete Frau (Louise Martini), die mit einem Gastarbeiter nach Italien durchbrennen will, nun aber am Flughafen festsitzt, wo sie schließlich der Gatte (Wolfgang Peters) sucht. Ein vermögender Farmer (Bruce Low) immerhin nutzt die Zeit, um ungeniert mit einem Mädchen hinter dem Schalter zu flirten und ihr anzubieten, gleich am nächsten Tag mit ihm nach Kenia zu gehen.

Lauter Einzelschicksale, die sich in der Halle kreuzen

Und da ist schließlich das Starlet Sylvia Stössi – großer Auftritt der Elsner, die im kleinen Schwarzen die Halle wie einen roten Teppich betritt. Sie hat ihre letzten zehn D-Mark beim Friseur gelassen, ist deshalb zu spät gekommen und hat somit auch das Anrecht auf eine Übernachtung auf Kosten der Fluglinie verwirkt.

Da steht sie nun, stolz und selbstbewusst, aber doch unsicher, ob sie sich von älteren Herren ansprechen lassen soll, um wenigstens zum Essen eingeladen zu werden.

Lauter Einzelschicksale, die sich nach der Dramaturgie von „Menschen im Hotel“ kreuzen. Nur hier eben im kühl-eleganten Design der Flughalle. Womit der Film am Rande auch ein Dilemma anriss, das das gesamtdeutsche Kino seinerzeit verdrängte und verschwieg: die deutsche Teilung.

Anfang der sechziger Jahre war die Kinoindustrie in Deutschland zusammengebrochen. Das Publikum blieb zuhause.

Während die Anzahl der Fernsehgeräte in deutschen Haushalten von 682.000 im Jahr 1956 auf 7,2 Millionen im Jahr 1962 stieg, schmolzen im Kino die Zuschauerzahlen im gleichen Zeitraum von 817 auf 518 Millionen. Dennoch wurde ideenlos weiter wie zuvor produziert. Bis eine Firma nach der anderen schließen musste. Junge, aufstrebende Filmemacher erklärten auf den Oberhausener Kurzfilmtagen 1962 „Papas Kino“ für tot und propagierten in einem Manifest kämpferisch ein neues: den Jungen Deutschen Film.

Will Tremper hat dem nie angehört, hat ihn auch eher kritisch beäugt. Aber schon mit seinem ersten Drehbuch für „Die Halbstarken“ hatte der ehemalige Journalist 1957 neue Akzente gesetzt und eine Jugendszene gewonnen, die sich im deutschen Kino bis dato nicht vertreten sah. In seinem Regiedebüt „Flucht nach Berlin“ hatte er 1961, im Jahr des Mauerbaus, als einziger die deutsche Spaltung aufgegriffen. Und mit „Die endlose Nacht“ gelang ihm 1963 das, was die Jungfilmer forderten. Er nahm den Neuen Deutschen Film vorweg.

Improvisationen statt fertiger Dialoge

Nachdem er selbst erlebt hatte, wie Nebel den Flughafenbetrieb lahmlegte, entschied er sich, innerhalb von nur zwei Wochen daraus einen Film zu machen. Keine stringente Handlung, sondern einzelne Episoden.

Keine ausgefeilten Dialoge, sondern Improvisation: So machte er sich ans Werk. Und drehte, vom 18. November 1962 bis zum 31. Januar 1963 „on location“, wie man so sagt, also vor Ort, auf dem Flughafengelände. Immer nachts, wenn der Flugbetrieb eingestellt war.

Stars neben Newcomern

Er setzte dabei auf Stars wie Karin Hübner, die damals am Theater des Westens Triumphe mit „My Fair Lady“ feierte, und gestandenen Mimen der Staatlichen Bühnen, aber auch auf unbekannte Newcomer wie eben Elsner oder Harald Leipnitz, der dafür prompt einen von vier Deutschen Filmpreisen an dieses Werk erhielt. Tremper ging bei seinem Film auf volles Risiko, und als ihm mitten im Dreh das Geld ausging, nahm er Kredite auf, pumpte Freunde an und verpfändete sein Auto.

So kam ein Film zustande, der damals wie ein Fremdkörper, ein Solitär im deutschen Kino wirkte. „Ein bemerkenswerter Versuch, mit einem deutschen Film die Grenzen des Herkömmlichen zu sprengen“, schwärmte etwa der „Filmbeobachter“. Und Enno Patalas schrieb in der „Filmkritik“ gar von einer „bundesdeutschen Bestandsaufnahme.“ Ein Film, der genau hinschaut. Der uns heute einiges erzählt über das Weltbild jener Zeit. Und auch über das Rollenverständnis von Männern und Frauen. Ein Film, der viel zu selten zu sehen ist, nun aber mustergültig restauriert wurde und dessen Wiederentdeckung lohnt.

Zoo Palast 2. Juli, 20 Uhr in Anwesenheit von Timothy Tremper, dem Sohn von Will Tremper.