Regiedebüt

Katharina Wackernagel bricht zu neuen Ufern auf

Als Schauspielerin kennt sie jeder. Jetzt gibt Katharina Wackernagel ihr Regiedebüt. Und bricht dabei mit Lust mit allen Konventionen.

Katharina Wackernagel freut sich, dass ihr Regiedebüt endlich anläuft. Auch wenn der Start in die heißeste Woche des Jahres fällt.

Katharina Wackernagel freut sich, dass ihr Regiedebüt endlich anläuft. Auch wenn der Start in die heißeste Woche des Jahres fällt.

Foto: Reto Klar

Katharina Wackernagel ist ein bisschen durch den Wind. Eben erst ist sie aus Mexiko zurückgekehrt, wo sie die Fortsetzung des ARD-Films „Meister des Todes“ gedreht hat. Jetzt hat die Schauspielerin Jetlag. Sie fühlt sich, als hätte sie die Nacht durchgemacht. „Hätte ich mal“, klagt sie.

Stattdessen lag sie die halbe Nacht wach. Dabei müsste sie jetzt gerade besonders ausgeschlafen sein. Die 40-Jährige hat zwar schon viele Filme promotet. Aber „Wenn Fliegen träumen“, der am 27. Juni in unsere Kinos kommt, ist ihr Debüt als Regisseurin.

Erste Einblicke: der Trailer zum Film

Und weil der Film ganz unkonventionell entstand und keinen Verleih hat, muss sie nun für ihn mehr werben als für jede sonstige Produktion. Für die nächsten Tage steht eine anstrengende Tour durch lauter Kinos und Talkshows an. Und doch ist die Regie-Novizin glücklich. Mit 18 hat sie ihren ersten Kurzfilm gedreht, jetzt erst ihren ersten Langfilm.

Da stört es sie auch nicht, dass der Kinostart in die heißeste Woche des Jahres fällt. Bei Hitze bleibt das Publikum zwar oft aus. Inzwischen sei es aber so heiß, da ist sie ganz optimistisch, dass die Leute wieder gern ins kühle Kino gehen.

„Wenn Fliegen träumen“ ist ein in jeder Hinsicht un- und außergewöhnlicher Film. Ein Road Movie über zwei ungleiche Halbschwestern, die sich erst über den Tod ihres Vaters kennenlernen, auf einem Trip nach Norwegen, in das Häuschen, das sie geerbt haben. Die eine (Nina Weniger) reißt aus, weil sie todkrank ist und ihr Leben hinter sich lassen will.

Ein äußerst inniges Geschwister-Paar

Die andere (Thelma Buabeng) begleitet sie spontan, auch wenn sie dafür die Gruppe einsamer Großstadtmenschen, die sie betreut, im Stich lässt. Und nicht nur der Ehemann, auch die Therapiegruppe reist besorgt hinterher. Sowie eine Anästhesistin (Wackernagel in einer Nebenrolle), die die Kranke für eine dringende Operation zurückholen soll. Lauter einsame Herzen, die alle erst mal in die hinterletzte Einsamkeit hetzen müssen, um zusammenzufinden.

Aber Moment mal: Den Film hat Katharina Wackernagel mit ihrem Halbbruder Jonas Grosch entwickelt. Die waren als Kinder auch oft in Norwegen, und in dem roten Häuschen, das man am Ende des Films sieht, ist sogar das Drehbuch entstanden. Da drängt sich die Frage geradezu auf: Wie autobiografisch ist das Ganze? Da muss die Schwester beherzt lachen. Alle Überschneidungen seien damit schon benannt, alles andere sei frei erfunden. „Sie müssen sich auch keine Sorgen machen“, wie sie gleich nachsetzt, „einsam sind wir definitiv nicht!“

Sie stört nur der Begriff Halbgeschwister. „Wir haben unterschiedliche Väter, aber es gab nie etwas, das uns halb gemacht hätte.“ Sie sind miteinander in Freiburg aufgewachsen. Und in Berlin haben sie sogar zehn Jahre lang in einer WG gelebt. Das ist etwas, was die meisten Geschwister – auch solche, die sich gut verstehen – nicht unbedingt schaffen.

Manchmal knallt es auch zwischen ihnen

Als der drei Jahre jüngere Bruder sich an der Filmhochschule in Potsdam bewarb, hat er bei der Schwester übernachtet, als er dann aufgenommen wurde, haben sie sich eine Wohnung genommen. Die WG hat sogar das Studium überdauert. Und nun arbeiten sie sogar zusammen. Schon bei seinem Abschlussfilm war Wackernagel mit dabei, danach hat sie in jedem seiner Spielfilme mitgewirkt und die auch mitproduziert. Ihren fünften gemeinsamen Film durfte sie nun inszenieren. Ein Angebot des Bruders. Und ein Zeichen, wie gut diese Verbindung ist.

Wobei: Vom Temperament her sind sie schon recht verschieden, er sei der Pragmatischere, sie die Emotionalere. „Manchmal knallt’s da auch.“ Aber insgesamt sei das eine super Beziehung. „Und bei der Arbeit ist es ja auch nicht das Wichtigste, dass immer alles Friede Freude Eierkuchen ist. Da geht es auch darum, dass man Konflikte miteinander lösen kann.“ Als Regie-Neuling fühlte sie sich manchmal überfordert, weil sie, anders als eine Schauspielerin, nicht nur an ihre Szene, sondern an so viele Dinge gleichzeitig denken musste. Aber da hat sie der Bruder sehr unterstützt. „Manchmal war ich auch ganz vernagelt in meinen Plan“, gesteht sie. Auch da hat er sie ermutigt, Dinge spontan anders zu lösen.

Ein einziger Befreiungsschlag von allen Konventionen

Ihren Durchbruch erlebte Katharina Wackernagel 2003 mit dem Kinofilm „Das Wunder von Bern“, man kennt sie vor allem aus großen TV-Produktionen wie „Das Wunder von Lengede“, „Contergan“, „Aenne Burda – Die Wirtschaftswunderfrau“ oder den „Stralsund“-Krimis. Regie führen wollte sie immer schon. Aber erst wollte sie sich als Schauspielerin etablieren. Und das lief dann so gut, dass sie nicht mehr dazu kam. Ihr Regiedebüt sieht nun wie ein einziger großer Befreiungsschlag aus. Als ob sie wie ihre Filmfiguren Reißaus nehmen wolle.

„Wenn Fliegen träumen“ fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Der Film wurde über eine lange Zeit entwickelt und musste ohne jedes Fördergeld, ohne jede TV-Beteiligung mit schmalstem Budget auskommen. Quasi ein Guerilla-Akt.

Weitab von den üblichen Wegen

Hat die Regisseurin auch deshalb mit Lust gegen alle Konventionen und Erwartungen verstoßen, weil sie solche Angebote sonst nicht bekommt? „Das ist auf jeden Fall einer der Gründe, warum er so wurde, wie er ist“, gibt sie zu. Mit ihrem Bruder suche sie immer eine andere Art von Kino zu machen.

„Und es ist erstaunlich, wie schwer man es dann hat, wenn man nur ein bisschen vom breiten Weg, von der üblichen Dramaturgie abweicht.“ Das sei offensichtlich „ganz irritierend“. Nicht fürs Publikum - das folgt dem Film gern, wie sie bei vielen Voraufführungen erlebt hat. Aber eben für die Geldgeber. „Und das irritiert mich dann wieder.“

Katharina Wackernagel hat jetzt Blut geleckt. Sie würde gern öfter Regie führen. Gern wieder mit dem kleinen Bruder. Aber vielleicht auch mal allein. Vielleicht auch mal beim Fernsehen. Auch um sich mal nicht um alles auf einmal zu kümmern. „Das würde dem Fernsehen vielleicht auch ganz gut bekommen“, meint sie, erst zögerlich, dann mit Nachdruck: „wenn nicht alles so konventionell gemacht würde.“