Konzert in Berlin

Caetano Veloso verzaubert mit seiner Poesie

Die Musik von Caetano Veloso, Ikone der brasilianischen Musik, hat nichts von ihrem Zauber verloren.

Caetano Veloso gehört zu den Großen der brasilianischen Musik.

Caetano Veloso gehört zu den Großen der brasilianischen Musik.

Foto: Jorge Sanz / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Berlin. Wer denkt, „Tropicalismo” wäre der neueste Fachbegriff für Rekordwerte bei Klimamessungen, irrt. Tropicalismo gibt es schon viel länger, bezeichnet wurde so ein neuer Stil, eine neuartige Herangehensweise in der brasilianischen Musik, die die Grenzen zwischen traditioneller und Popmusik verwischte. Eine Handvoll Musiker zählte Ende der 1960er-Jahre zu den stilbildenden Protagonisten und einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste, war Caetano Veloso. Begleitet von seinen drei Söhnen trat er am Dienstagabend im Tempodrom auf.

Obwohl zumindest der Papa exzellentes Englisch spricht und sich mitunter selbst übersetzt, wird das Publikum ganz selbstverständlich auf brasilianisch angesprochen. Die allermeisten im Saal verstehen es auch, denn gefühlt ist die komplette brasilianische Gemeinde Berlins auf den Beinen. Veloso ist eine Ikone, in Brasilien ein Volksheld. Das merkt man schon daran, dass viele im Saal stehen, bevor überhaupt der erste Ton erklingt.

Caetano Velosos Poesie der Verse

Voll und ganz genießen kann man diese Musik tatsächlich nur, wenn man etwas von den Texten versteht. Die Poesie seiner Verse ist ein ganz wesentliches Charakteristikum von Velosos unüberschaubarem Schaffen. An die fünfzig Alben hat der 1942 geborene Musiker im Laufe seines Lebens aufgenommen, ein unvergleichliches Œuvre.

Velosos Gitarre übernimmt die samtweichen Klänge des Brasilianischen. Nichts reißt, nichts scheppert, nichts quietscht. Langsam shuffeln die Songs vor sich hin, durchsetzt von Mollsexten und Sus-Akkorden und getragen von einer unverkennbar zarten, nachgiebigen Stimme.

Das aktuelle Live-Album „Ofertório“ zeigt, dass seine Söhne erfolgreich in die Fußstapfen ihres Übervaters treten. Im Kreise seines Nachwuchses sitzt Veloso auf der Bühne, stellt Moreno, Zeca und Tom nacheinander vor und lässt sie mit ihren Kompositionen brillieren. Zeca setzt sich zu seinem Falsett-Gesang gern einmal ans Rhodes Piano, meist aber sitzen die vier mit ihren Gitarren auf dem Schoß in einer schlichten Stuhlreihe.

Veloso übergibt das Staffelholz

Wie sie miteinander harmonieren, ist erstaunlich. Hier findet die öffentliche Staffelstab-Übergabe an die jüngere Generation statt und glückt. Nichtsdestotrotz ist das Publikum immer dann am enthusiastischsten wenn der Senior beginnt, ein Lied zu intonieren. Wieder einmal kann man einer typischen Tempodrom-Dramaturgie zuschauen, bei der es die Leute anfangs noch in den Sitzen hält, bis zum Schluss Gänge, Ränge und Freiflächen vom beglückt tanzenden Publikum besetzt sind.

Veloso und seine damals neuartige „Música Popular Brasileira“ sind nicht zuletzt politisch und thematisieren soziale Probleme, was Veloso den Titel „Bob Dylan Brasiliens“ eintrug. Das führte zur Ablehnung durch die Militärdiktatur, Velosos Inhaftierung und seinem Exil in London ab 1968.Der Kampf gegen die Diktatur war ein zentrales Anliegen Velosos. Umso mehr hätte man ein paar Worte zur aktuellen Situation in Brasilien erwartet, ein klares Statement zum ultrarechten Präsidenten Bolsonaro, der eben jene Diktatur verherrlicht. Nichts davon. Stattdessen redet der bekennende Atheist Veloso über die Religiosität der Söhne und singt anerkennend ein Lied darüber. Die Generationen unterscheiden sich also doch, auf bezeichnende Weise.