Geburtstag

Auch Rebellen kommen in die Jahre: Leander Haußmann wird 6ß

Er war mal der jüngste Theater-Intendant Deutschlands. Am 27. wird Leander Haußmann 60. Als Nächstes plant er eine Stasi-Filmkomödie.

Neuer Look: Seit jüngstem trägt Regisseur Leander Haußmann ein Menjou-Bärtchen.

Neuer Look: Seit jüngstem trägt Regisseur Leander Haußmann ein Menjou-Bärtchen.

Foto: Annette Riedl / dpa

60 ist ja eigentlich noch kein Alter. Für einen, der aber mal der jüngste Theater-Intendant Deutschlands war und dem so ein bisschen der Ruf des ewigen Rebellen anhaftet, mag diese runde Zahl schon etwas mehr beschäftigen. Bereits in unseren letzten Gesprächen fiel Leander Haußmann selber auf, wie oft er von früher spricht.

Und wenn er sich dann, was er ja oft und gern tut, über Missstände im Kulturbetrieb im Allgemeinen und am Theater im Besonderen erregte, hielt er auch immer wieder inne: „Ich meckere über die Moderne“, stellte er dann verblüfft fest: „Merken Sie? Ich werde alt.“

Das Leben ein bisschen umgekrempelt

Am heutigen Donnerstag wird Leander Haußmann nun 60. Und hat in der letzten Zeit sein Leben ein wenig umgekrempelt. Schon rein optisch: Er trägt jetzt ein Menjou-Bärtchen, was ihm etwas Freches, Verschmitztes gibt. Er hat sich gerade nicht nur den Grauen Star wegoperieren, sondern auch gleich noch die Augenlider straffen lassen. Aber auch im übertragenen Sinn: Er hat sich von seiner Dauer-Verlobten Annika Kuhl getrennt und ist jetzt mit einer Musikerin zusammen.

Und schon lange bevor sie offiziell zugelassen waren, rollte Haußmann mit einem City-Roller durch die Straßen. Das gibt ihm etwas Jung-Dynamisches. Sein E-Scooter ist sogar ein bisschen schneller als erlaubt. Er ist deshalb auch schon mal mit einer Politesse aneinandergeraten. Aber so ein bisschen Aufgebehren und Revoltieren muss halt schon sein.

Und Haußmann auf dem Roller, das ist ja eigentlich auch schon ein schönes Sinnbild, wie er so durch den Kulturbetrieb braust. Gerade deshalb ist er ja 1995 auch nach Bochum berufen worden, wo er als wagemutiger Theater-Veränderer fünf Jahre lang den subventionierten Bühnenbetrieb mit einem extrem jungen Ensemble gehörig aufgemischt hat.

Mit derselben Verve hat er dann 1999 mit „Sonnenallee“ auch das deutsche Kino durchgerüttelt – obwohl er, wie er freimütig bekennt, bei seinem Filmdebüt so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen konnte.

Vom Establishment des Kulturbetriebs emanzipiert

Diesen Sprung weg vom Theater sieht er rückblickend als seinen klügsten Coup. Weil er sich nicht vollständig vom Theater hat aufsaugen lassen. Weil er sich damit vom Establishment unabhängig gemacht hat. Immer wenn er vom einen ein wenig die Nase voll hatte, hat er halt das andere gemacht. Oder noch was Drittes, ein Buch etwa. Wobei seine oft geharnischten Prophezeiungen, jetzt erst mal nichts mehr in der Richtung zu machen, auch schnell wieder als Schnee von gestern abgetan werden können.

Als die Ära Peymann am Berliner Ensemble zu Ende ging und die Ära Castorf an der Volksbühne zu Ende gegangen wurde, hat er etwa angekündigt, dass er sich jetzt erst mal für eine ganze Weile aus dem Theaterbusiness zurückziehen werde. Nur um dann 2018 doch wieder an der Volksbühne ein „Staatssicherheitstheater“ zu veranstalten.

Dass bei der Debatte um die Peymann-Nachfolge auch sein Name gefallen ist, hat seiner Eitelkeit schon geschmeichelt,auch wenn er da nichts forciert hat. Peymann soll ihn sogar dem damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit vorgeschlagen haben. Aber der soll kategorisch abgelehnt haben – weil Haußmann lange offen gegen den Fluglärm am künftigen Flughafen BER protestiert hat.

Späte Vollendung seiner DDR-Trilogie

Nun, Wowereit ist längst in Rente, der BER noch immer nicht geöffnet, bei Haußmanns im Haus ist es weiter ruhig. Aber eine letzte Intendanz in der eigenen Stadt, das hätte den Regisseur und gelernten Schauspieler vielleicht doch noch reizen können.

Nun plant er, nach seinem „Staats­sicherheitstheater“ an der Volksbühne, auch einen Film über die Stasi. Der wird dann so etwas wie die späte Vollendung einer DDR-Trilogie, nach „Sonnenallee“ und „NVA“. Dabei wird Haußmann sein Publikum verlässlich spalten und gegen sich aufbringen: weil er das Ganze wieder komödiantisch aufbereitet. Schon bei „Sonnenallee“ hat man ihm allen Ernstes Ostalgie und DDR-Verharmlosung vorgeworfen. Ausgerechnet ihm, dem Sohn des Bühnenschauspielers Edzard Haußmann, der von der Stasi bespitzelt wurde und jahrelang Berufsverbot hatte. Auch über den Sohn Leander wurde eine Akte angelegt, in dem ihm ein „hoher Grad an Zynismus“ attestierte wurde. Und eine „ausgeprägte Kantinen-Begabung“.

Der Stasi-Spitzel, ein Mensch wie du und ich

Zynismus? Kantinen-Begabung? Zu DDR-Zeiten glaubte er am Theater eine gewisse Narrenfreiheit zu haben. Die hat er sich bewahrt. Und sucht stets, ernsthafte Themen unterhaltsam aufzubereiten. „Nicht im Sinne eines Lehrers“, wie er betont, „sondern eines albernen Schülers“.

So ist er nach der Wende in Bochum und dann in seinen Kinofilmen verfahren. Und so, wie er in „Sonnenallee“ 999 den Mief der DDR wie Voodoo mit Klamauk verlachte, so macht er sich jetzt an das Reizthema Stasi.

Die erste Klappe im September

Wie schon im Stück soll es um Stasi-Spitzel gehen, die sich bei Künstlern einschleichen sollen – und deshalb gezwungen sind, zu Künstlern werden müssen. „Wir müssen uns leider der Tatsache stellen, dass die Leute von der Stasi auch Menschen waren“, lautet Haußmanns trockener Kommentar. „Möglicherweise sogar wie du und ich.“

Im September soll die erste Klappe fallen. Wer weiß, vielleicht steht dann wieder eine neue Debatte an, wie man mit dem Thema Stasi umgeht, wie zuletzt nach Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“. Bevor sich Haußmann an den Film macht, den er seit Jahren vorbereitet, geht er erst mal auf Distanz. Seinen Geburtstag feiert er in Thailand.