Rock

Bryan Adams - Besuch vom Sänger aus Kanada

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Borowczyk
Von dämonischem Licht übergossen: Bryan Adams

Von dämonischem Licht übergossen: Bryan Adams

Foto: Pop-Eye

Ein Abend ohne Allüren und mit verlässlich gelieferter Mitsing-Musik: Bryan Adams in der Mercedes-Benz Arena.

Es gibt Rockkonzerte, die sind absolut überraschungsarm - und begeistern gerade deshalb die Fans. Auch bei Bryan Adams, dem kanadischen Garanten gradlinigen Mainstream-Rocks, ist das so. Die Zuschauer wissen zu 100 Prozent, was sie erwartet. Nämlich ein Abend zum Wohlfühlen und Feiern. Und haufenweise Songs, die man aus voller Kehle mitsingen kann.

Die komplette Gebrauchsanweisung für den Auftritt wird nach drei druckvollen Uptempo-Krachern, darunter „Ultimate Love“, nachgereicht: „Guten Abend, Berlin! My name is Bryan. I’m your singer for tonight“, begrüßt der sympathische Sänger das Publikum. Vor dem ersten Ton hat er noch klar gestellt, dass er das Alphamännchen im Rund ist. Sein Gesicht auf dem LED-Screen hat mit ohrenbetäubendem Löwengebrüll den Startschuss zum Konzert gegeben.

Grandiose schmutzig verzerrte Gitarrenriffs

In der nicht ganz ausverkauften, aber sehr gut gefüllten Mercedes-Benz Arena tritt Adams mit seiner vierköpfigen Band an. Sie füllen die Halle mit einem meist exzellenten, satten, zuweilen aber auch scheppernd dröhnenden Sound. Der ist voller treibender Rhythmen, den grandiosen schmutzig verzerrten Gitarrenriffs vom fabelhaften Keith Scott und erdigen Melodien. Dazu gibt es vom Publikum eine frenetische Jubelorgie. Bald wird sogar mitgeklatscht. Das ist nicht überraschend, denn Bryan Adams’ Songs zeichnen sich nicht durch sonderliche Finessen aus. Sollen sie auch gar nicht.

Der überwiegend weibliche Teil des Publikums scheint vom immer noch blendend aussehenden 59-jährigen Kanadier mit Wohnsitz in London überaus angetan zu sein. Die Damen kreischen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Warten insgeheim auf die schmachtfetzigen Balladen, während ihre männlichen Begleiter wie auch einige versprengte Junggesellengruppen eher den guten, alten Rock’n’Roll vorziehen.

Eher mittelmäßiges Material vom aktuellen Studioalbum

Geboren 1959 in Kanada, ist Bryan Adams mit verkauften Tonträgern und zahlreichen Nummer-1-Hits einer der erfolgreichsten Rockmusiker und Singer Songwriter überhaupt. Er beherrscht die ruppigen Rocksongs ebenso wie die schmelzenden Softtöner. Er bildet dabei unüberhörbar eine Einheit mit seiner Band, bestehend aus den langjährigen musikalischen Wegbegleitern Keith Scott und Schlagzeuger Mickey Curry sowie Bassist Norm Fisher und Keyboarder Gary Breit.

Natürlich spielt Bryan Adams alle Hits seiner mittlerweile über 40 Jahre währenden Karriere. Darunter „18 til I die“, „Run to you“ und „Cuts like a knife“. Das eher mittelmäßige Material vom aktuellen 14. Studioalbum „Shine A Light“ kann da nicht mithalten, wie der Titelsong live zeigt.

Adams erweist sich als mindestens so guter Animateur wie als Musiker. Quasi unermüdlich fordert er die Zuschauer zum Mitmachen auf. Spätestens bei „Summer of ‘69“ übertönt das Auditorium Adams beinahe. Der nutzt die gesamte Bühnenbreite, um alle Fans mit einer Ansicht zu beglücken.

Pro Konzert-Ticket wird ein Baum gepflanzt

Der angenehm unprätentiöse Kanadier ist einer der sympathischsten Rockstars überhaupt. Frei von Allüren, bodenständig. Das kommt bestens an. Ebenso gut wie sein Engagement für die Umwelt. Pro Konzert-Ticket wird ein Baum gepflanzt. Zudem ist Adams seit Ende der 80er-Jahre Vegetarier. Und er unterstützt die Tierrechtsorganisation Peta. Politisch korrekt bis in die Haarspitzen. Da verzeiht man es sogar, dass er eine Frau vor der Bühne „Schatzi“ nennt. Seinen voremanzipatorischen Sprachschatz hat er offenbar noch vor der Metoo-Bewegung auf seinen Stippvisiten in Deutschland erlernt.

Vor allem zu Berlin hat Bryan Adams eine besondere Verbindung. Hier stellte er bereits aus. Schließlich ist er auch ein gefragter Fotograf. Und er hat in Oberschöneweide ein Atelierhaus eröffnet. Eine Verbundenheit, die auf Gegenseitigkeit beruht. Denn die Berliner lieben Adams, wie sie an diesem Abend ein ums andere Mal beweisen.

Musikalisch geht es leider etwas brav zu

Ein echter Höhepunkt ist sein Mega-Hit „(Everything I do) I do it for you“, den Adams gefühlig mit der warmen Reibeisenstimme anstimmt. Bei der Werkschau reiht sich ein Ohrwurm an den nächsten. Bebildert teils mit den Videos zu den Songs, aber auch mit jeder Menge schicker Bilder von Bryan Adams und seinen Musikern. Dabei beweisen die Herren durchaus Humor und nehmen das Vorurteil, Rockmusiker seien wahnsinnig eitel, was sie natürlich auch sind, selbstironisch aufs Korn. Bryan Adams und Keith Scott nutzen ihre Livebilder auf dem Screen wie einen Spiegel und richten kokett den Sitz ihrer Jeans.

Der witzige Moment täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass es musikalisch recht brav und irgendwann sogar ein bisschen langweilig zugeht. Das ist vielleicht der Preis für den hohen Wohlfühlfaktor. Ausgerechnet bei den Zuschauerwünschen auf Zuruf beweist Bryan Adams dann aber, dass er auch ganz anders kann und performt groovend „Superstition“. Einen Soulklassiker von Stevie Wonder. Applaus.