Film

Kartograph des Erinnerns: Filmemacher Volker Koepp zum 75.

| Lesedauer: 3 Minuten
Cosima Lutz
Dokumentarfilm-Regisseur Volker Koepp

Dokumentarfilm-Regisseur Volker Koepp

Foto: Christian Ditsch / epd

Am 22. Juni wird der Dokumentarfilmer Volker Koepp 75 Jahre alt. Er hat fast so viele Filme wie Lebensjahre hinter sich.

Es heißt in letzter Zeit ja oft, man müsse „den Menschen im Osten zuhören“. Und meint damit: Man hätte ihnen zuhören sollen, dann wäre heute vielleicht manches besser.

Wer sich heute Dokumentarfilme von Volker Koepp ansieht, diese von malerischen Himmels- und Landschaftsbildern eingefassten Studien über Menschen und Orte im Osten Deutschlands und Europas, dem wird klar: Einer zumindest hat ständig zugehört. Hat schon kurz nach der Wende die ausgeleerten Landschaften gesehen und ihren Geschichten Raum gegeben, auch ihrem Schweigen. Koepp war und ist immer auf ihrer Seite, hat aber keine Thesen zu bieten und erst recht keine Appelle.

75 Jahre wird der in Stettin geborene, als Flüchtlingskind in Karlshorst aufgewachsene Koepp nun alt, und er hat fast so viele Filme wie Lebensjahre hinter sich. Wen er vor die Kamera holt, am liebsten in natürlichem Licht und in Alltagssituationen, wird ihm schnell zum Freund. Ein „Herzaufschließer“ wird er genannt, einer, der sich wirklich interessiert. Wenn bei Koepp Bauern, Arbeiter, Kinder oder Zugereiste sprechen, sehen wir ihnen beim Nachdenken zu, dabei, wie sie Zutrauen fassen zu ihrer eigenen Geschichte.

„Nischt wird gut, nischt“

Seiner Begabung, Vertrauen aufzubauen, haben wir zu verdanken, dass er auch nach 1989 seinen in Babelsberg gelernten Beruf nicht aufgab. Denn frustriert darüber, dass seine Filme zu DDR-Zeiten kaum gezeigt wurden, wollte er nach dem Mauerfall schon hinschmeißen. Da riefen ihn die märkischen Textilarbeiterinnen aus seinen seit 1974 gedrehten Wittstock-Filmen an und wollten ihm von den jüngsten Umbrüchen erzählen. Koepp kam und hörte zu. Eine der drei Protagonistinnen sagt 1997 im Finale der Reihe: „Nischt wird gut, nischt. Es wird Bürgerkrieg geben. Kannste glauben. Bürgerkrieg wird’s geben“.

Solche Sätze nimmt Volker Koepp hin, belässt ihnen ihre Schärfe. Pessimismus ist seine Sache genauso wenig wie Optimismus. Die Kritik staunt über seine „Weigerung, sich verrückt machen zu lassen“, über das Spazier-Tempo seiner Filme, egal, wie wild und krass die Zeiten sind. In seinem wohl populärsten Werk, „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ von 1999, bilden Optimismus und Pessimismus sogar ein Paar.

Herr Zwilling mit seinen unerfreulichen Geschichten

Da besuchte Koepp zwei Juden in Czernowitz, eine resolute Neunzigjährige und ihren ein paar Jahrzehnte jüngeren Freund. Jeden Abend trafen sich die beiden zum Plausch, und jeden Abend wünschte sich die alte Frau, Herr Zwilling mit seinen unerfreulichen Geschichten möge ihr morgen doch endlich „etwas Besseres erzählen“. Er wiederum machte sich über die Floskeln seiner Nachbarn lustig, die schon zur Begrüßung ständig fragten, ob alles gut sein wird.

Was Koepp-Neulinge zunächst befremden mag, ist sein uneitler Off-Kommentar. Wer je Filme wie „Wittstock, Wittstock“, „Die Wismut“ oder zuletzt seine Ostsee-Meditation „Seestück“ gesehen hat, vergisst sie auch deshalb nicht, weil Koepp sie uns erzählt. Ganz einfach.