Jubiläum

Die ungekrönte Königin des Kinos: Meryl Streep wird 70

Sie hat schon alles gespielt. Und dabei immer triumphiert. Jetzt, mit 70, gibt es für Meryl Streep noch mal eine ganz neue Rolle.

Sie ist wandelbar wie keine Zweite und dabei immer ganz authentisch: Filmstar Meryl Streep.

Sie ist wandelbar wie keine Zweite und dabei immer ganz authentisch: Filmstar Meryl Streep.

Foto: Todd Wawrychuk / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Eine der schönsten Huldigungen ist ihr schon recht früh gesungen worden. Im Musical „Fame“, das von aufstrebenden Jugendlichen in einer Schule für darstellende Künste handelt, gibt es den Durchhaltesong „Think on Meryl Streep“. Darin nimmt sich eine Schauspiel-Elevin den Filmstar zum Vorbild: „Denk an all die Gefühle, die du verschwendet hast“, heißt es da, oder: „Und wenn dir auch das Herz bricht, fang nie an zu heulen“. Und mantra-artig folgt der Refrain: „Irgendwann mal wirst du es benutzen können. Denk an Meryl Streep.“

Einsame Spitze seit 40 Jahren

Das Musical kam schon 1988 auf die Bühne, da war Meryl Streep gerade mal zehn Jahre im Geschäft. Aber der Song erzählt einiges über ihren Status in der eigenen Branche. Und wie hat der sich in den letzten 30 Jahren noch erhöht! Die Frau kann einfach alles spielen: ob Drama oder Komödie. Ob historische Persönlichkeiten wie Tania Blixen in „Jenseits von Afrika“ oder Romanfiguren wie in „Das Geisterhaus“. Ob zart Liebende wie in „Brücken am Fluss“ oder Action-Heroinen wie in „Wie am wilden Fluss“. Fließende Übergänge, fürwahr.

Sie kann auch herrlich die Zicke geben, wie in „Der Tod steht ihr gut“ oder „Der Teufel trägt Prada“, und dass, obwohl dieser Part wohl am wenigsten mit der allürenfreienbodenständigen Frau zu tun hat. Und dann hat sie mit „Last Radio Show“ und „Mamma mia!“ auch noch bewiesen, dass sie singen kann. The Meryl Takes It All.

Sie hat schon so ziemlich jeden Filmpreis der Welt bekommen. Und wenn sie heute aufs Siegertreppchen steigt, meint sie sich fast entschuldigen zu müssen: „Ich weiß schon, dass jetzt alle wieder denken: Die schon wieder.“ Was in ihrem Fall wirklich keiner denkt.

Einsamer Rekord mit 21 Oscar-Nominierungen

Es gibt auf der ganzen Welt nur einen, der sie für die am meisten überschätzte Schauspielerin hält: der sich selbst am meisten überschätzende US-Präsident. Und schon das muss einen sofort für sie einnehmen: weil Streep es einfach gewagt hat, dessen unmögliches Benehmen zu kritisieren.

Und Meryl Streep hat auch fast alle Rekorde gebrochen. Unglaubliche 21 Mal schon ist für einen Oscar nominiert worden, das letzte Mal erst vergangenes Jahr für „Die Verlegerin“. Okay, sie hat den Goldjungen bislang „erst“ drei Mal erhalten, noch immer ist der Allzeit-Rekord von Katharine Hepburn mit vier Trophäen ungebrochen. Aber auch die bekam ihren letzten Oscar erst mit 75. Da hat Frau Streep noch ein wenig Zeit.

Am 22. Juni wird sie nun unglaubliche 70 Jahre alt. Unglaublich, weil man ihr das nicht ansieht. Und unglaublich, weil sie immer noch dick im Geschäft ist. Was schon bei Frau Hepburn in diesem Alter nicht mehr so ganz der Fall war. Früher hieß es, die Karriere einer Frau im Film sei mit 40 vorbei. Das hat Meryl Streep, die schon fast 30 war, als sie ihre ersten Filme drehte, eindrucksvoll widerlegt.

Zweite Karriere als große Komödiantin

Mit 40 hat sie sich sogar noch mal neu erfunden. Weil sie, die bis dahin im dramatischen Fach wie bei „Kramer gegen Kramer“ (Oscar Nr. 1) oder „Sophies Wahl“ (Oscar Nr. 2) brillierte und ergo als Drama-Queen galt, plötzlich auch in Komödien wie „Die Teufelin“ bewies: mit sicherem Gespür für Timing und Pointen.

Ihre unglaubliche Wandelbarkeit aber, diese Fähigkeit, als Person ganz hinter ihren Rollen zurückzutreten, ist nur ein Phänomen, das Meryl Streep ausmacht. Damit hat sie es zur ungekrönten Königin des Kinos geschafft. Aber das würde noch nicht erklären, warum sie Everybody’s Darling ist, warum sie wirklich jeder (mit der einen, erwähnten Ausnahme) schätzt und liebt. Talent und Fortüne wecken ja, gerade im Haifischbecken der Filmindustrie, eher Neidgefühle.

Das andere, noch viel seltenere Phänomen, das sie ausmacht, ist, dass Meryl Streep bei all ihrem Ruhm, all ihrem Erfolg und den vielen Preisen, über die man in ihrem Haus allenthalben stolpern muss, doch immer ganz bei sich geblieben ist. Bei ihr gibt es keine Allüren, keine Abgehobenheit, in ihrem Privatleben finden sich auch keine Skandale oder Affären. Mit ihrem Mann, dem Bildhauer Don Gummer, führt sie seit nun schon 40 Jahren eine für die Stars ihrer Klasse geradezu rare, mustergültige Ehe. Meryl Streep ist der normalste Star der Welt.

Es sind vielleicht zwei ganz pragmatische Einstellungen, die ihre Karriere bestimmt haben. „Die befreiendste Sache, die ich sehr früh machte“, verriet sie einmal, „war, mich davon zu befreien, mir über mein Aussehen Gedanken zu machen.“ Tatsächlich ist sie, mit ihrer markanten Nase und den hohen Wangenknochen, keine klassische Leinwandschönheit.

Eine Filmographie der starken Frauen

Als sie 1976 für „King Kong“ vorgesprochen hat, soll Produzent Dino DeLaurentiis getobt haben, weil er sie „hässlich“ fand. Die klassischen Mädchen- und Liebhaberinnen-Rollen hat sie nie gespielt, dafür hat sie sehr früh und sehr konsequent Rollen gewählt, in denen die Frau autark und selbstbewusst blieb und sich nichts von Männern vorschreiben ließ. Eine feministische Filmographie.

Dass sie immer wagemutig Neues ausprobiert und damit auch Klischees und Erwartungshaltungen konterkariert hat, hat aber noch mit einem anderen Wesenszug zu tun: Sie kann einfach nicht Nein sagen. „Die eiserne Lady“ etwa. Über die politische Haltung des Biopics konnte man durchaus geteilter Meinung sein, Streeps Darstellung der Margaret Thatcher (Oscar Nr. 3) jedoch ist unbestritten. Es soll in ihrer ganzen Karriere überhaupt nur vier Filmofferten gegeben haben, die sie ausgeschlagen hat.

Man muss also nur mutig genug sein, Meryl Streep anzusprechen. Das hat auch Dieter Kosslick getan, als er sie zur Berlinale geholt hat. Die Schauspielerin hatte, kurios genug, noch nie zuvor in einer Filmjury gesessen. Kosslick machte sie 2016 gleich zur Jury-Präsidentin. Und landete damit einen echten Coup für sein Filmfestival. Aber auch da gilt: Keine Angst für neuen Herausforderungen. Die jüngste dieser Art hat ihr kürzlich ihre älteste Tochter Mamie Gummer, Schauspielerin wie die Mama, beschert. Seit 1. März ist Meryl Streep Großmutter. Wohl das schönste, wenn auch verführte Geschenk zur neuen Dekade.