Ausstellung

Eine Gesellschaft im Spiegel ihrer Filme

Die Deutsche Kinemathek beleuchtet die Weimarer Republik über das Kino jener Jahre: „Kino der Moderne“.

Das Herzstück der Ausstellung: Ein Tag der Weimarer Republik, synchronisiert erzählt aus lauter Filmausschnitten auf drei Leinwänden

Das Herzstück der Ausstellung: Ein Tag der Weimarer Republik, synchronisiert erzählt aus lauter Filmausschnitten auf drei Leinwänden

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Hektik. Trubel. Eine Stadt in permanenter Bewegung. Auf drei Leinwänden rollt 15 Minuten lang ein durchschnittlicher, aber beispielhafter Tag im Berlin der Weimarer Republik ab. Vom frühen Morgen an, wenn Arbeitermassen sich bereits auf den Weg zur Fabrik machen, während die Reicheren sich erst mal ein Frühstück genehmigen. Bis zum Feierabend mit den diversen Verlockungen der Metropole.

Es ist ein bisschen wie beim Stummfilmklassiker „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ von 1927, nur dass dies hier eine Collage aus rund 140 Filmen ist. Und aus allen Sparten, vom Spiel- und Dokumentarfilm über Wochenschauen bis zu Kulturfilmen und, auch das gab es schon, Wahlspots.

Diese Videoinstallation mit ihren drei perfekt synchronisierten Projektionen ist das Glanz- und Herzstück der Ausstellung „Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik“, die am Mittwochabend in der Stiftung Deutsche Kinemathek eröffnet wurde. Herzstück, weil sie alle Themen dieser breit aufgestellten Schau aufgreift und vermengt.

Ausstellungen über das Kino der 20er-Jahre gab es schon etliche in diesem Haus, von der „Tonfilmoperette“ über „Licht und Schatten – Am Drehset der Weimarer Republik“ bis zu „Die Ufa – Geschichte eine Marke“.

Die kurze, ruhmreiche Dekade des deutschen Films

Einfach, weil diese Dekade noch immer die wichtigste und einflussreichste des deutschen Films ist und dieser zumindest für kurze Zeit Hollywood einmal ernsthaft die Stirn bieten konnte.

Aber erstmals wird in der Kinemathek nicht ein filmimmanentes Thema erkundet, sondern ein großes gesellschaftliches Panorama erschlossen. In Zusammenarbeit mit der Bundeskunsthalle in Bonn hat die Kinemathek zum 100. Gründungsjubiläum der Weimarer Republik eine Ausstellung konzipiert, in der diese erste deutsche Republik anhand ihres Leitmediums gespiegelt wird.

Das Kino als Leitmedium der ersten deutschen Republik

Denn nichts prägte die junge Republik so sehr wie das neue Massenmedium. Wie keine andere Kunstform griff der Film, der selbst erst gerade seinen Anfängen als Kintopp und Schaubudensensation entwachsen war, den Zeitgeist der Moderne auf. Das Kino zeigte neue Arbeitswelten, Modeerscheinungen, ja ganz neue Rollenbilder für Männer und Frauen auf – und prägte sie mit ihren bewegten Bildern und den vielen Vorführungen in den unzähligen, wie Pilze aus den Boden schießenden Kinos weit mehr, als es Fotografien oder Zeitschriften je gekonnt hätten.

All diese Facetten werden hier in einer Fülle vorgestellt, die den unvorbereiteten Museumsgast fast zu erschlagen droht. Dabei ist die Ausstellung, die zunächst in Bonn zu sehen war, für Berlin eigens etwas komprimiert worden. Aber auch hier erstreckt sie sich über gleich drei Stockwerke – und wird noch um ein entscheidendes Kapitel erweitert: die Frauen hinter der Kamera, die sich in dieser neuen Kunstform schneller einbringen und durchsetzen konnten als in den tradierten Künsten.

Modewellen, die massenhaft kopiert wurden

Die Filmindustrialisierung war bekanntlich eine Idee des Ersten Weltkriegs. Früh hatte man die Wirkmacht der Bilder erkannt und wollte sie propagandistisch nutzen. Aber noch bevor die Filmindustrie recht verankert war, war der Krieg schon verloren. Und die Filmemacher suchten sich nun selbstbewusst ihre eigenen Betätigungsfelder.

Wohl kaum eine Epoche ging so radikal und grundlegend zu Ende wie die Kaiserzeit und hatte solch gesellschaftliche Umbrüche zur Folge. Man denke nur an die Architektur der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses. Oder einfach an den neuen Frauentyp, der plötzlich nur noch knielange Kleider und Bubikopf trug. Wenn nicht gleich Krawatte und Zylinder. Die ganze moderne Gender-Debatte nahm damals ihren Anfang. Man erregte sich über die avantgardistischen Frauenfiguren in den Filmen – und doch sogen die Ladenmädchen jener Zeit diese Bilder gierig auf, um sie sogleich zu kopieren. Woraus nicht nur eine neue Modewelle entstand, sondern auch gleich ein neues Geschäftsmodell: Modehäuser statteten Filme aus – und wurden dafür im Vorspann genannt.

„Kino der Moderne“ greift viele solcher Facetten auf. Das moderne Leben, das entscheidend vom Puls der Großstadt bestimmt wurde. Die Mobilität und das Tempo der neuen Zeit, überhaupt die Urbanität. Aber auch, wie das den Alltag veränderte. Wie die neuen Arbeitszeiten so etwas wie Freizeit ermöglichten, wie Sport plötzlich ein Massenphänomen wurde, aber auch die vielen Vergnügungs- und Lastermöglichkeiten sich entwickelten.

Ein ganz neues Sehen

All das lebt der Film vor – und kritisiert es auch wieder. Dabei wird ein großer Bogen geschlagen bis zur jüngsten Serienproduktion „Babylon Berlin“, die die Lust an den 20er-Jahren wiederaufleben ließ.

Die Kinemathek hat ihre Räume mit zahlreichen Stellwänden verschachtelt, die auf Baugerüste gespannt sind. Was den Aufbruch, den Wandel der Gesellschaft sinnig erfahrbar macht, aber auch das Unfertige, das ihm zu eigen ist. Mit zahllosen Filmausschnitten und 350 Exponaten – großteils aus den eigenen Sammlungsbeständen und oft erstmals überhaupt zu sehen, aber auch mit vielen Leihgaben aus dem In- und Ausland – werden hier all die Wechselwirkungen zwischen Film und den anderen Künsten, überhaupt zwischen dem Kino und der Gesellschaft thematisiert.

Vor allem aber wird deutlich, wie stark sich durch das Kino der 20er-Jahre ein ganz neuer, moderner Blick, überhaupt ein neues Sehen entwickelt hat.

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen Potsdamer Str. 2, Mitte. Tel.: 3009030. Mi-Mo, 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 13. Oktober. Katalog: 29 Euro.