Humboldt Forum

Ein Stück Techno-Geschichte ist ins Berliner Schloss gezogen

Das erste Exponat der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum ist aufgestellt worden: die fünf Tonnen schwere Tresortür aus dem „Tresor“.

Dimitri Hegemann, der „Tresor“-Gründer, mit der Tür.

Dimitri Hegemann, der „Tresor“-Gründer, mit der Tür.

Foto: REto Klar / Funke Foto Services

Berlin. Es ist ein insgesamt fünf Tonnen schweres und zweieinhalb Meter hohes, von Witterung und Rost zerfressenes Ungetüm aus Stahl, das seit dem vergangenen Wochenende auf der zweiten Etage des Humboldt Forums steht. Die Tür lag fünfzehn Jahre lang auf der Wiese an der Köpenicker Straße herum, das hat ihr nicht gut getan. Dimitri Hegemann, der Gründer des legendären Technoclubs „Tresor“, spricht von einer „rostigen Kleopatra“, die auch immer wieder „von Grabräubern heimgesucht“ worden sei. Man sieht die Narben, die offenbar von Schneidbrennern stammen.

Eine Spur von Trotzgefühl

Die Eingangstür zum Club musste von einer Kreuzberger Schlosserei instandgesetzt werden. Das charakteristische Logo des Clubs, ein stilisierter Sonnenaufgang, wurde liebevoll restauriert und die Schließrichtung aus praktischen Gründen geändert. Nun steht es also da, das erste Exponat der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum, und in seiner Präsentation so kurz nach der Verschiebung des Eröffnungstermins scheint auch ein bisschen hauptstädtischer Trotz mitzuschwingen: Seht her, an uns liegt es diesmal nicht, Berlin ist ausnahmsweise mal im Zeitplan. Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums Berlin und Chefkurator des Landes Berlin im Humboldt Forum, weist in seiner Rede gleich mehrfach darauf hin.

Der Tresor eines Kaufhauses

Es ist ein hochsymbolisches und deshalb gut gewähltes Objekt, das nun in das neue Schloss in Mitte eingezogen ist. An der Leipziger Straße befanden sich von 1897 bis zum endgültigen Abriss 2005 Räumlichkeiten eines Wertheim-Kaufhauses. Die Gebrüder Wertheim hatten bereits 1894 ein Warenhaus an der Oranienstraße eröffnet, Häuser am Moritzplatz und an der Königsstraße folgten. Die Filiale an der Leipziger Straße wurde nach und nach zum mit 106.000 Quadratmetern größten Warenhaus Europas ausgebaut. Es war eine Erfolgsgeschichte, die durch den Aufstieg von Nationalsozialismus und Antisemitismus in Deutschland beendet wurde. Bereits 1930 erfolgten Angriffe von NSDAP-Anhängern auf Wertheim-Kaufhäuser. Nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 folgten Boykotte jüdischer Einrichtungen, und obwohl Inhaber Georg Wertheim 1934 per Schenkung sein gesamtes Vermögen seiner nichtjüdischen Frau Ursula übertrug, folgte 1937 die Enteignung.

Das Gebäude brannte vollständig aus

Das Gebäude wurde 1943/44 mehrfach von Bomben getroffen und brannte vollständig aus. Die Ruine, die im sowjetischen Sektor lag, wurde 1955 abgerissen - mit einer Ausnahme: Die unterirdisch gelegenen, 1926 erbauten Tresorräume der Wertheim Bank mitsamt ihren zahlreichen aufgebrochenen Schließfächern blieben erhalten und wurden über Jahrzehnte hinweg vergessen – sie sollten erst 1991 aus dem Schlaf gerissen werden.

Damals suchten Techno-Pioniere wie Achim Kohlberger, Dimitri Hegemann oder Johnnie Stieler nach einem Platz für einen Club und stießen im Niemandsland am Potsdamer Platz auf die alten Tresor-Räume, wo wenige Monate später der erste Technoclub Berlins eröffnete. Sein scharfkantiges Sichtbeton-Ambiente und sein hart wummernder Maschinensound passten zum Zeitgeist und machten den Club schnell über die Grenzen der Stadt hinweg bekannt. Weil das Gebiet um den Potsdamer Platz nach der Wende wieder attraktiv wurde, bekamen die Clubbetreiber jedoch von Anfang an nur kurzfristige Mietverträge. Am 16. April 2005 wurde zum letzten Mal im alten „Tresor“ gefeiert, der Club zog daraufhin in einen stillgelegten Trakt des Heizkraftwerks Mitte an der Köpenicker Straße in Mitte um.

Die Tür auf der Wiese

Und dort lag sie dann auf der Wiese, die Tür, die Dimitri Hegemann noch hatte ausbauen lassen. Und die jetzt ins Schloss gezogen ist. In ihr vereinen sich die wilden Hakenschläge der Stadtgeschichte: Die Erfolgsgeschichte des jüdischen Unternehmertums, ihr brutales Ende durch Entrechtung und Enteignung im Nationalsozialismus, aber auch die Zeit des Aufbruchs nach der Wende mit ihrer Jugend, ihrer Feierlaune und Experimentierlust. Hunderttausende junger Menschen seien durch diese Tür gegangen, sagte Hegemann am Dienstag im Schloss. Die Besucher können es ihnen, wenn alles klappt, im kommenden Jahr nachmachen.

Das Kaiserpanorama wird folgen

Nach den Sommerferien werden der Tür weitere Großexponate der Berlin-Ausstellung folgen - zum Beispiel das stereoskopische Kaiserpanorama, das momentan noch im Märkischen Museum zu sehen ist, die Kugelschalen für den Raum mit dem Motto „Vergnügen“ oder die große Weltkugel, die das Zentrum des Eröffnungsraums bilden wird. Die vielen anderen, kleineren Objekte der Berlin-Ausstellung werden erst kurz vor der für 2020 geplanten Eröffnung in die Vitrinen gestellt. Schon mit der neuen Dauerausstellung im Märkischen Museum hat sich Paul Spies als kuratorischer Glücksfall für die Stadt erwiesen, als begnadeter Geschichtsvermittler, der Unterhaltsames und Erhellendes immer wieder überraschend kombinieren kann. Die Ausstellung im Schloss scheint in in eine ähnliche Richtung zu weisen - aber da es sich ja um Berlin handelt, wollen wir nicht voreilig sein.