Kunstmark

Galerist Johann König schreibt Memoiren

Als blinder Galerist mischt er im Kunstmarkt mit – nun hat Johann König mit 37 Jahren seine Memoiren geschrieben.

Johann König im Garten seiner Galerie.

Johann König im Garten seiner Galerie.

Foto: Reto Klar

Er ist der erfolgreichste Junggalerist Deutschlands. Viele seiner Künstler sind inzwischen Stars. Eine deutsche Tageszeitung bezeichnete ihn jüngst sogar als Popstar unter den Berliner Galeristen. Sein kometenhafter Aufstieg begann 2002, als er mit Anfang 20 noch vor dem Abitur seine Galerie in Berlin gründete. All das grenzt an ein Wunder. Denn nach einem Unfall mit 12 Jahren war Johann König lange Zeit so gut wie blind. Dennoch machte er Karriere, heute gehört er zu den Global Playern seiner Zunft. Mit 40 Mitarbeitern führt er seine Galerie, die jedes Jahr auf 15 bis 18 internationalen Kunstmessen präsent ist, darunter die Art Basel, Art Basel Miami Beach und die Art Basel Hongkong, um nur einige der wichtigsten zu nennen. Seine Kreuzberger Kunstkirche in St. Agnes, ein brutalistischer Bau des Architekten Werner Düttmann aus den sechziger Jahren, ist Kult. Kunstenthusiasten und Touristen pilgern in Scharen dorthin.

Mit 37 Jahren seine Memoiren geschrieben

Wie aber kann einer, der nichts sieht, mit etwas handeln, dass so viel mit dem Sehen zu tun hat? Darüber hat Johann König nun seine Memoiren geschrieben, wobei er im Gespräch betont, dass es keine Memoiren im eigentlichen Sinne sind. Als vierfacher Vater von Kindern zwei verschiedener Frauen und globetrottender Kunsthändler stehe er mit 37 Jahren schließlich mitten im Leben. „Johann König – blinder Galerist“ heißt das Buch, das im Propyläen Verlag erscheint. Warum aber bei all den vielen Verpflichtungen auch noch sein junges Leben aufschreiben? „Ich wollte schon länger ein Buch über mich schreiben, als eine Art Coming-out“, antwortet Johann König. „Obwohl ich immer ganz offen über meinen Unfall gesprochen habe, wussten viele nichts davon. Sie trauten sich aber auch nicht, zu fragen. So ging es auch einer Sammlerin, die schon für viele Millionen Kunst bei mir gekauft hat.“

Ohne Hilfe war das Buchprojekt nicht zu realisieren. Königs Ghostwriter ist Daniel Schreiber, der bereits eine Biografie über Susan Sonntag geschrieben hat. „Daniel Schreiber kenne ich schon lange“, erzählt Johann König. „Er hat Gespräche mit mir geführt, diese aufgenommen, transkribiert und anschließend einen Text daraus gemacht, der genau meinen Ton trifft. Nur bei einigen wenigen Passagen habe ich eingegriffen.“

Das Buch ist in der Zeit von Dezember letzten Jahres bis etwa Ende April entstanden, zwischen der Art Basel Miami Beach und der Biennale von Venedig. Dieser Zeitraum bildet auch eine Art Rahmenerzählung für die vielen mäandernden Wanderungen in die Vergangenheit: die unbeschwerte Kindheit, erst in Köln, dann in Frankfurt am Main, der folgenschwere Unfall mit einer Startschusspistole, der ihm das Augenlicht raubt, die lange Phase der Genesung mit zahlreichen Operationen und acht Hornhauttransplantationen, die Erfahrungen in den Blindenschulen in Frankfurt und schließlich Marburg, das Eintauchen in die Frankfurter Kunstszene, die Gründung der Galerie in Berlin noch vor dem Abitur und der nicht immer leichte Weg bis zum Erfolg von heute.

Vieles davon war schon bekannt und ist in den letzten Jahren immer wieder in diversen Feuilletons berichtet worden. So oft war von dem tragischen Unfall zu lesen, der Johann König das Augenlicht kostete, dass fast der Verdacht aufkommt, bei dem Buch handele es sich um eine weitere geschickte Marketingstrategie der Galerie. Das mag sogar sein: Auf jeden Fall liest es sich gut und ist auf verschiedenen Ebenen informativ. Es erinnert noch einmal daran, dass Köln einst das war, was Berlin heute ist: das Mekka für zeitgenössische Kunst mit führenden Galerien in Deutschland. Es zeigt, welchen Zwängen Galerien heutzutage unterliegen, wenn sie international erfolgreich sein wollen. Es schildert, wie risikoreich eine Galeriegründung ist und wie viel investiert werden muss, um sie am Laufen zu halten.

Johann König entstammt einflussreicher Familie

Das Interessanteste ist aber tatsächlich die persönliche Geschichte von Johann König, sein Leben als fast Blinder. Ein Glücksfall gleich in mehrfacher Hinsicht war für ihn das Blindeninternat in Marburg. Obwohl Johann König aus einer Familie stammt, in der Kunst seit jeher eine große Rolle spielt – sein Vater Kasper König war lange einer der wichtigsten Museumskuratoren in Deutschland, sein Onkel ist der Kunstverleger Walther König, sein Bruder Leo betreibt eine Galerie in New York und in seiner Kindheit gingen berühmte Künstler wie etwa Gerhard Richter, On Kawara und Andy Warhol im Hause König ein und aus – trotz dieser Vorprägung also war es ein Lehrer in Marburg, der Johann König für die zeitgenössische Kunst begeisterte.

„Die Bilder, die im Kopf entstehen, sind genauso wichtig wie die an der Wand“, wurde schließlich das Motto von Johann König. In Marburg wurde auch das Selbstbewusstsein der blinden Schüler gestärkt. „Dort mussten wir rudern, Ski fahren und voltigieren“, erinnert sich Johann König. „Wir haben es gehasst. Aber wer als Blinder rückwärts auf einem Pferd sitzen kann, glaubt bald, dass er auch andere Sachen schafft. Und darum ging es.“ Das erklärt, wie er auf die wahnwitzige Idee verfällt, als nahezu Blinder eine Galerie zu gründen.

Im Buch gibt es außerdem eine fast philosophische Reflexion über das Sehen und Blindsein. „Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Sehenden. Alles um uns herum ist auf das Sehen aufgebaut“, heißt es an einer Stelle. „Das versteht man erst, wenn man nicht mehr oder schlecht sieht.“ Durch das Buch kann man ein wenig eintauchen in die Welt der Blinden. Johann König hatte das große Glück, dass eine Hornhauttransplantation 2008 ihm einen Teil seiner Sehkraft zurückbrachte.

Die König Galerie wurde von Johann König im Jahr 2002 gegründet. Sie repräsentiert 39 internationale Künstler und Künstlerinnen. Seit 2015 sind ihre Ausstellungsräume in St. Agnes untergebracht, einer ehemaligen, im Stil des Brutalismus gestalteten Kirche aus den 60er-Jahren. Sie befindet sich in der Alexandrinenstr. 118-121 in Kreuzberg. Öffnungszeiten: Di.-Sa. 10-18 Uhr, So. 12-18 Uhr.