Blauer Montag in Berlin

Arnulf Rating - Jeder Auftritt sieben Minuten

Am Montag gibt Arnulf Rating den 200. „Blauen Montag“, den Mix aus Kabarett, Musik und Artistik. Wir haben den Satiriker getroffen.

Arnulf Rating (67) hat Kabarettgeschichte geschrieben. Legendär sind auch seine roten Lackschuhe von einem Fachgeschäft für Zuhälterbedarf auf der Reeperbahn.

Arnulf Rating (67) hat Kabarettgeschichte geschrieben. Legendär sind auch seine roten Lackschuhe von einem Fachgeschäft für Zuhälterbedarf auf der Reeperbahn.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Arnulf Ratings Bühnen-Schuhe aus rotem Lackleder, die er gerade trägt, sind die letzten ihrer Art. „Die habe ich immer im schönsten Schuhladen Deutschlands auf der Reeperbahn gekauft. Der hat aber vor einem halbem Jahr geschlossen“, erzählt er leicht betrübt. Seit den Achtzigern kannte er das Geschäft. „Ein Laden für Zuhälterbedarf. Genau richtig damals. Vor über dreißig Jahren habe ich bei den Tornados immer die Damen gespielt. Und in diesem Geschäft gab es glitzernde Stöckelschuhe in 48. Als ich die Dame an der Kasse um eine Quittung bat, hat sie ungefragt, aber völlig richtig „Arbeitsschuhe“ draufgeschrieben“, erinnert er sich lachend.

Die roten Schuhe müssen noch eine Weile halten. Denn auch, wenn der Kabarettstar mittlerweile 67 Jahre alt ist, denkt er nicht ans Aufhören. Warum auch? Schließlich läuft es bestens für ihn. Solo fegt er erfolgreichen mit seinem neuen Programm „Tornado“ durch die Republik. Und im Herbst wird er mit dem Bayerischen Kabarettpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Prominente Namen beim Jubiläum

Erst einmal feiert aber „Der 200. Blaue Montag“ am kommenden Montag in den Wühlmäusen Geburtstag. Jene Mixed-Show unter der Ägide von Arnulf Rating, die er nicht nur moderiert. Gemeinsam mit Bernd Schlarmann, der im Hintergrund alle Strippen zieht, organisiert er den Mix aus Kabarett, Comedy, Musik, Artistik und Poetry-Slam von altgedienten Show-Hasen und jungen Entdeckungen. „Die Mischung muss stimmen, damit die Zuschauer unterschiedliche Eindrücke mitnehmen können“, weiß der Berliner Satiriker.

Beim anstehenden Jubiläum stimmt alles. Prominente Namen wie Pigor & Eichhorn und Chin Meyer stehen auf dem Programm. Für den perfekten Sound an diesem Abend sorgt niemand geringerer als Deutschlands „Swing King“ Andrej Hermlin & his Swing Dance Band. Trauer herrscht indes über den Tod von Wiglaf Droste.

Alles begann mit dem Trio „Die 3 Tornados“

Der Autor und Wortschöpfer Droste wollte eigentlich beim 200. Jubiläum live dabei sein. Schließlich las und sang er schon früh in der etwas anderen Mixed Show. Die startete bereits in den Achtzigern. Also lange bevor der Begriff hierzulande inflationär benutzt wurde, um dem ehemals lustigen Bunten Abend ein modernes Image zu geben.

Alles begann mit der Begegnung von Arnulf Rating und Günther Thews 1977 während des Studiums. Die beiden gründeten die Anarcho-Truppe „Die 3 Tornados“. Im selben Jahr stieß Hans-Jochen Krank hinzu, der 1981 von Holger Klotzbach, dem heutigen Chef von „Tipi“ und „Bar jeder Vernunft“, abgelöst wurde. Die drei schrieben Kabarettgeschichte.

Seit dem Jahr 2014 bei den „Wühlmäusen“

Schließlich erkrankte Thews an Aids, und Klotzbach hatte einen Herzinfarkt auf der Bühne. Endloses Touren war plötzlich nicht mehr möglich. Daher beschloss das Trio, nur noch an zwei Tagen in der Woche aufzutreten. Im Hansa-Theater in Hamburg, lange Zeit das einzig verbliebene Varietétheater in ganz Deutschland. Und jeweils montags im Berliner „Quartier Latin“, das die Tornados schließlich übernahmen und es als „Quartier“ 1990 neu eröffneten. Natürlich mit dem „Blauen Montag“.

Das neue Wintergarten-Varieté übernahm 1992 die Räumlichkeiten. „Der Blaue Montag“ hat nach mehreren Ortswechseln seit 2014 in den „Wühlmäusen“ eine Heimstatt gefunden. Alle zwei Monate findet die Show dort statt. Für Arnulf Rating ein Glücksgriff: „Ein hervorragend funktionierendes Theater. Gerade für eine Show, die über kein großes Budget verfügt, ist es wichtig, dass das Haus voll ist und technisch alles reibungslos läuft.“

„Das Potential an Kreativen ist in Berlin groß“

Hausherr Dieter Hallervorden, der übrigens bei dem hochkarätigen Stelldichein der Kleinkunstszene auch auftreten wird, ließ für den „Blauen Montag“ sogar eigens eine Traverse unterm Bühnenhimmel einbauen. Für die Artistik-Nummern, die von Beginn an Teil des Konzepts waren. „‘Der Blaue Montag’ wollte das vergessene Genre Varieté aus der Dunkelheit holen und junge Leute animieren, in dieser Richtung etwas zu machen“, erklärt Arnulf Rating. Mit Erfolg. Beim 200. Geburtstag steht mit Robert Choinka einer der jungen, wilden Akrobaten auf der Bühne.

Nach Unterbrechungen hat Arnulf Rating die Show im neuen „Tempodrom“ am Anhalter Bahnhof wiederbelebt. Seither ist der „Blaue Montag“ stets bemüht, dem Untertitel als „Lebendiges Stadtmagazin“ gerecht zu werden und ein buntes Abbild der kreativen Vielfalt Berlins zu präsentieren. „Die meisten Produktionsgesellschaften für Kabarett und Comedy saßen in den Nullerjahren in Köln. Ich war aber der Meinung, dass das Potential an Kreativen in Berlin viel größer ist. Nur hielt hier niemand eine Kamera darauf. Wir haben den Künstlern eine Bühne gegeben“, verrät Arnulf Rating.

Viele der Youngsters von früher sind heute gestandene Künstler

Viele der Youngsters von einst sind längst begehrte Stars. Wie Horst Evers, Bodo Wartke, Kurt Krömer oder Meret Becker. Trotz eher bescheidener Gagen geben sich auch heute noch sowohl gestandene Künstler als auch der Nachwuchs die Klinke in die Hand. Ganz demokratisch, dauert jeder Auftritt sieben Minuten. Dann muss man die Zuschauer gepackt und begeistert haben. Damit sie wiederkommen. Zur nächsten Ausgabe des „Blauen Montags“.

„Der 200. Blaue Montag“, Montag, 17.6. um 20 Uhr in den „Wühlmäusen“, Pommernallee 2-4, Charlottenburg, Tel. 30 67 30 11.