Ausstellung

Mauerfall: „Die Möwe“ zeigt Künstler aus Ost und West

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zeigt die Salongalerie „Die Möwe“ Künstler aus Ost und West mit ihrer Sicht auf die geteilte Stadt.

Matthias Koeppel | An der Niederkirchner Straße | 1987/2019 | Öl auf Leinwand

Matthias Koeppel | An der Niederkirchner Straße | 1987/2019 | Öl auf Leinwand

Foto: Matthias Koeppel / Salongalerie Die Möwe

Die Mauer schlängelt sich durch die Stadt, überzogen von bunten Graffitis. Auf einem Hochstand aus Holz stehen Besucher und blicken hinüber in den Osten. Im Hintergrund ist der Martin-Gropius-Bau zu erkennen. Über allem thront wieder ein unglaublicher Himmel mit Abendrot, ein deutliches Zeichen für Freiheit, denn das Firmament lässt sich nicht teilen. Mit einer Portion Ironie malte Matthias Koeppel (Jahrgang 1937) sein Gemälde „An der Niederkirchner Straße“. Im Vordergrund steht er selbst mit seiner Frau. Das Bild stand seit 1987 unvollendet in seinem Atelier. Für die wunderbare Ausstellung in der Salongalerie „Die Möwe“ mit dem Titel „Zweimal Berlin. Blicke auf eine geteilte Stadt“ beendete er es in diesem Jahr.

16 Berliner Künstler aus Ost und West versammelt die Galerie im 30. Jahr des Mauerfalls, eine Wiedervereinigung der besonderen Art. 13 Maler leben noch, die anderen sind bereits verstorben. Gezeigt werden Gemälde, Grafiken und Zeichnungen. Gleich neben dem Werk von Matthias Koeppel hängt eine Radierung aus dem Jahr 1965 von Robert Rehfeldt (1931–1993), einem Künstler, der im Osten wirkte. Düster wirkt das Blatt, durch enge Häuserreihen schlängelt sich im Zickzack die Mauer wie eine Narbe durch die Stadt.

Die Arbeiten reichen von 1949 bis 1989. Eines der frühestens stammt von Werner Heldt (1904–1954). Ein für Heldt in dieser Zeit typischer „Fensterausblick mit Mandoline“, in Kohle auf Papier gezeichnet, eröffnet den Blick auf die menschleere Stadtlandschaft. Diese spielt in vielen Werken aus Ost und West eine Rolle. Im Osten etwa erkundet Wolfgang Leber (Jahrgang 1936) unermüdlich die Stadt und verschachtelt ihre Architekturen in verschobene Perspektiven. Seine farbenfrohen Gemälde atmen den Einfluss der Klassischen Moderne. Mit „Feuerschein über der Stadt“ aus dem Jahr 1988 hat die Galerie ein wunderbares Beispiel für seine Malerei gefunden.

Hinterhöfe und Hauseingänge mit marodem Charme

Deutlich gedeckter ist die Farbpalette in den Gemälden und Farbholzschnitten von Klaus Roenspieß (Jahrgang 1935), der in der DDR eine Lehre als Gebrauchswerber abschloss und an der Kunsthochschule Weißensee studierte. Der Kunsthistoriker und Kurator Roland März hat Roenspieß einmal den „Romantiker unter den Gefährten seiner Generation“ und einen „Tektoniker der Innerlichkeit“ genannt.

Michaela Meise (geboren 1946) verewigte in den 80er-Jahren die Ost-Berliner Straßenzüge mit dem komplexen Aquatinta-Tiefdruck-Verfahren Schicht um Schicht. Menschenleere Fassaden, Hinterhöfe und Hauseingänge erwachen hier in marodem Charme zu ganz eigenem Leben.

Zur selben Zeit schuf Evelyn Kuwertz (geboren 1945) im Westen Bilder von S- und U-Bahnhöfen, die Menschen in der Anonymität der Großstadt zeigen. Gesichtslos und in städtischen Zufalls-Choreografien gefangen, malte vor ihr auch schon Otto Möller (1883–1964) die Menschen in der Stadt, als Individuen verschluckt von der Masse.

In seiner Eröffnungsrede beschwor Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) Ost-Berlin als Hort der Vielfalt auch zu DDR-Zeiten und freute sich darüber, dass die Salongalerie „Die Möwe“ zum „30. Jubiläum der friedlichen Revolution“ so vielfältige „künstlerische Perspektiven jenseits und diesseits der Mauer“ in einer Ausstellung versammelt. Tatsächlich ist die Schau beeindruckend und hat schon zur Vernissage viele Besucher angezogen. Die meisten der gezeigten Künstler waren ebenfalls anwesend. Bald waren alle lebhaft ins Gespräch vertieft über die schmerzliche Erfahrung von Berlin als ehemals geteilter Stadt.