Theater

Globe Theater Berlin: Ein Jahr im Provisorium

Theatermacher Christian Leonard erfüllt sich einen Traum. Und baut sich ein eigenes Globe Theater in Berlin auf.

Christian Leonard (l.) probt mit seinem Schauspiel-Ensemble auf der provisorisch errichteten Freilichtbühne am neuen Spielort

Christian Leonard (l.) probt mit seinem Schauspiel-Ensemble auf der provisorisch errichteten Freilichtbühne am neuen Spielort

Foto: Anikka Bauer

Der Sonnenuntergang erfüllt Christian Leonard mit leichter Sorge. Für ihn kann es nicht früh genug dunkel werden. Damit die Lichtregie effektvoll rüberkommt. Das Globe Berlin, das vor knapp zwei Wochen erstmals seine Pforten mit der Premiere von „Romeo und Julia“ öffnete, spielt schließlich Open Air. Noch.

Christian Leonard als Künstlerischer Leiter führt bei dem Shakespeare-Drama nicht nur Regie. Er hat das Drama auch neu übersetzt und in eine frische Spielfassung gegossen. Die Turtelei von Romeo und Julia während der berühmten nächtlichen Balkonszene im hellen Tageslicht? Nicht auszudenken.

Die Akustik im Freien ist schwer

Die neue Freilichtbühne des Globe Berlins ist auch noch aus einem anderen Grund eine Herausforderung. „Die Akustik“, weiß Leonard, „ist schwer.“ Was unter anderem am direkt angrenzenden Sportplatz liegt. Bis vor kurzem war das Areal an der Charlottenburger Sömmeringstraße gleich neben dem Österreich Park noch ein schnöder Parkplatz.

Jetzt steht hier ein Amphitheater mit knallroten Sitzschalen, umgeben von Bauwagen. Ein Provisorium. Zunächst einmal. Im nächsten Jahr soll hier ein hölzernes Theater stehen. Ein Rundbau aus Schwäbisch Hall, Shakespeares legendärer Open-Air-Arena nachempfunden.

Christian Leonard hat das ehemalige Haller Globe-Theater 2016 erworben und sich damit einen Traum erfüllt: Ein Globe Theater, bespielt von einem eigenen Ensemble. „Das gibt es nirgendwo auf der Welt. Nicht einmal in London. Unser Ziel ist es, in den nächsten Jahren das gesamte dramatische Werk von Shakespeare zu zeigen“, verrät er und fügt begeistert hinzu: „Aufführungen in einem Globe Theater sind durch den unmittelbaren Kontakt zum Publikum jeden Abend etwas Besonderes.“

Ein Jugenderlebnis mit großen Folgen

Als er noch Schüler im Jesuiten-Internat Kolleg St. Blasien war, spielte Christian Leonard als Jugendlicher seine erste Bühnenrolle in Shakespeares „Richard III.“. Schon da reifte in ihm die Überlegung, Shakespeare zu seiner beruflichen Zukunft zu machen.

Dann besuchte er 1998 in Neuss ein Shakespeare-Festival und sah eine kanadische Gruppe, die „Was ihr wollt“ spielte. Und es war gänzlich um ihn geschehen. „Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die Inszenierung war voller Energie. Ein Fest aus Sprachkunst, Komödie und Musikalität“, erinnert er sich.

Erst Ostbahnhof, dann Südgelände

Nach einer Ausbildung in Tanz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hannover und einem Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeitete er zunächst an verschiedenen Theatern. Vor 20 Jahren gründete er schließlich die Shakespeare Company Berlin. Mit dem Ensemble bespielte er zunächst das Shake am Ostbahnhof, dann ging es 2011 in den Natur-Park Schöneberger Südgelände.

Als Christian Leonard nun seine Vision vom Globe Theater in die Tat umsetzen wollte, wollte die Shakespeare Company indes an ihrer angestammten Spielstätte zu bleiben. Daher beschloss Leonard, zu gehen und mit 56 Jahren einen Neuanfang zu wagen. Anfangs hat er sich auf gleich drei Standorte beworben in Natur-, Spree- und Gleisdreieckpark. Als nichts daraus wurde, hat er Politiker in allen Bezirken angeschrieben. Charlottenburg hat reagiert. Im Bezirk war man einstimmig für ein Theater auf der Mierendorff-Insel.

Bislang ist die Gegend kulturelles Niemandsland. Das schreckt Christian Leonard nicht. Schließlich hat er Erfahrung mit der Erschließung neuer Standorte. Im Herbst soll der Aufbau beginnen. Nicht nur des hölzernen Globe Berlins mit 600 Plätzen, das von Juni bis September bespielt wird. Sondern auch der Werkstattbühne mit 125 Plätzen und einem Spielbetrieb von Oktober bis Mai.

Bislang aus eigener Kraft finanziert

Wenn Baugenehmigung, Erbpachtvertrag und Betriebserlaubnis endgültig erteilt sind, fließen Lottomittel. Bislang jedoch hat Christian Leonard das Projekt aus eigener Kraft mit einem Kredit finanziert. Um das Geld wieder reinzuspielen, ist das Theater quasi zum Erfolg gezwungen.

Je schneller das gelingt, desto besser. Daher startet das Globe Berlin in diesem Sommer mit einer Prolog-Saison auf der provisorischen Freilichtbühne. Dafür wird in den 85 Vorstellungen unter dem Motto „Schauspiel. Wortkunst. Weltmusik“ alles aufgeboten.

Das neue Ensemble mit 17 Schauspielern zeigt mit drei Premieren seine ganze Bandbreite. Auf dem Spielplan stehen neben William Shakespeares „Romeo und Julia“ auch „Über die Verführung von Engeln“ mit Liebeslyrik und Liedern von Bertolt Brecht und Oliver Bukowskis Liebesschwank „Nach dem Kuss“. Dazu kommen Konzerte und Gastspiele. Dafür werden auch zukünftig Zeiten reserviert. Außerdem sind englischsprachige Aufführungen geplant. Unter anderem für Schulklassen.

Die Nachbarn sollen mit einbezogen werden

Die meisten Anwohner im Kiez sind vom neuen Theater begeistert. „Nur zwölf haben sich kritisch geäußert. Es ging um Lärmbelästigung und Parkplatz-Sorgen. Ich möchte mit jedem persönlich sprechen“, sagt Christian Leonard. Er will der Nachbarschaft das Theater nämlich nicht einfach vor die Nase setzen, sondern die Bühne mit allen gestalten. Er kann sich auch eine gemeinsame Stoffentwicklung mit den Anwohner vorstellen.

Wenn alles klappt, wie Christian Leonard es sich erhofft, muss er sich im nächsten Jahr keine Gedanken mehr über die Lichtverhältnisse während der Aufführungen machen. Das Globe Berlin hat nämlich ein schließbares Dach.

Globe Berlin Sömmeringstr. 15, Charlottenburg. Tel. 54 90 51 92, Di.-Sa. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr. Bis 14.9. Konzerte So. 15 Uhr, Gastspiele Di. 19.30 Uhr, English Do. 19.30 Uhr, Infos unter www.globe.berlin.