Anne Frank

„Sie waren meine besten Freundinnen“

Vor 90 Jahren wurde Anne Frank geboren. Im Exil verbrachte sie viel Zeit mit Hannah Goslar und Sanne Ledermann, zwei Berlinerinnen.

Anne Franks zehnter Geburtstag im Juni 1939. Anne Frank (2.v.l.), Sanne (3.v.l.) und Hannah (4.v.l.) waren eng befreundet. Hannahs Vater Hans Goslar betrieb mit Sannes Vater Franz Ledermann ein Beratungsbüro für Juden in der Emigration.

Anne Franks zehnter Geburtstag im Juni 1939. Anne Frank (2.v.l.), Sanne (3.v.l.) und Hannah (4.v.l.) waren eng befreundet. Hannahs Vater Hans Goslar betrieb mit Sannes Vater Franz Ledermann ein Beratungsbüro für Juden in der Emigration.

Foto: Anne Frank Fonds Basel / Getty Images

Anne Frank, geboren am 12. Juni 1929, lebte in Frankfurt am Main als behütete Tochter einer Kaufmannsfamilie. Nach der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler beschloss ihr Vater, die Familie in Amsterdam in Sicherheit zu bringen. 35.000 bis 50.000 Juden wanderten damals in die Niederlande aus.

Ähnliche Schicksale erlitten ihre jüdischen Freundinnen Hannah Goslar und Sanne Ledermann, die beide aus Berlin stammten. Die drei begegneten sich ab 1934 in Amsterdam und erlebten eine relativ fröhliche Kindheit und frühe Jugend – bis zum Überfall auf die bis dahin neutralen Niederlande im Rahmen der deutschen Westoffensive im Mai 1940.

Die Deutschen setzten eine neue Regierung ein, die für fünf Jahre an der Macht blieb. 1941 erging der Aufruf an alle Juden, sich registrieren zu lassen. Diskriminierende Maßnahmen wurden eingeleitet und ab 1942 wurden systematisch Razzien durchgeführt. Von den 140.000 Juden wurden 107.000 deportiert und in Vernichtungslager verschleppt.

Darunter waren auch Anne Frank und ihre Freundinnen Sanne und Hannah, die im berühmten „Tagebuch der Anne Frank“, das als eines der eindrücklichsten Zeugnisse des Holocaust gilt, viele Spuren hinterlassen haben. Die folgenden Passagen stammen aus dem Tagebuch. Die am Ende auftauchende „liebe Kitty“ zählt zu den Fantasiefreundinnen Anne Franks, mit denen sie sich das Leben im Versteck erträglicher zu machen versuchte.

Sonntag, 14. Juni 1942

„Hanneli und Sanne waren früher meine besten Freundinnen, und wer uns zusammen sah, sagte immer: Da laufen Anne, Hanne und Sanne.“

Hanneli und Sanne waren mit ihren Eltern aus Berlin nach Amsterdam emigriert, wo sie Anne Frank kennenlernten.

Hannelis Vater Hans Goslar, ein hoher Ministerialbeamter, hatte in Berlin das preußische Pressebüro im Staatsministerium aufgebaut. Außerdem schrieb er als Wirtschaftsjournalist für die „Nordische Zeitung“, die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ und die „Vossische Zeitung“.

Sannes Vater, Franz Ledermann, war ein erfolgreicher Notar und Wirtschaftsanwalt, dem ab 1933 die Klienten wegbrachen, sodass er seine Kanzlei schließen musste und nach Amsterdam, in die Heimat seiner Frau, emigrierte. Dort studierte er noch einmal, um auch in Holland als Rechtsanwalt arbeiten zu können. Hans Goslar lernte er über seine Töchter Sanne und Barbara kennen. Zusammen leiteten sie in Amsterdam ein Beratungsbüro, das den Juden in Deutschland bei der Emigration half. Anne Frank besuchte mit Sanne und Hanneli die Schule.

21. Juni 1942

„Aber als ich in der nächsten Stunde wieder schwätzte, folgte der zweite Aufsatz. Diesmal sollte es ,Eine unverbesserliche Schwatzliese’ sein. Auch der wurde abgeliefert, und zwei Stunden lang hatte Herr Keesing nichts zu klagen. In der dritten wurde es ihm jedoch wieder zu bunt. Anne Frank, als Strafarbeit für Schwätzen einen Aufsatz mit dem Thema: ,Queck, queck, queck, sagte Fräulein Schnatterbeck’. (...) Meine Freundin Sanne, eine gute Dichterin, bot mir ihre Hilfe an, um den Aufsatz von vorn bis hinten in Reimen abzufassen. Ich jubelte. Keesing wollte mich mit diesem blödsinnigen Thema reinlegen, aber ich würde es ihm doppelt und dreifach heimzahlen.“

Das Gedicht war so großartig, dass Anne keine weiteren Strafaufsätze mehr schreiben musste. Von Sanne, geboren am 7. Oktober 1928 in Berlin, sind keine Gedichte mehr bekannt. Sie war die Vereinsvorsitzende im Ping-Pong-Club „Kleiner Bär minus 2“, zu dem neben Anne Frank und Hannah Goslar noch Ilse Wagner und Jacqueline van Maarsen gehörten. Die Mädchen spielten am Esstisch der Wagners Tischtennis und gingen anschließend Eis essen. Sanne soll ein ruhiges, ernstes Mädchen gewesen sein, das sich etwas weniger als die anderen für Jungs interessierte und sich deshalb von Anne etwas entfremdete.

Im Juni 1943 wurde sie mit ihren Eltern von den Nazis verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork gebracht. Im November folgte die Deportation nach Auschwitz-Birkenau, wo sie und ihre Eltern am 19. November 1943 in der Gaskammer starben. Ihre drei Jahre ältere Schwester Barbara, die mit Annes Schwester Margot befreundet war, überlebte als einzige der Familie, weil sie mit falschen Papieren in Amsterdam untertauchte. Sie kämpfte im Widerstand und emigrierte 1947 in die USA, wurde Schauspielerin und Tänzerin, heiratete den späteren Medizin-Nobelpreisträger Martin Rodbell.

Erst im Alter begann sie, ihre Geschichte als Zeitzeugin zu erzählen. 2007 war sie in Berlin und erinnerte sich an die große Wohnung ihrer Eltern, die schöne Veranda, die sie im Sommer bewohnten, und ihr Kindheitsparadies auf den Sandhaufen des Tiergartens.

Montag, 15. Juni 1942

„Hanneli Goslar oder Lies, wie sie in der Schule genannt wird, ist ein bisschen eigenartig. Sie ist meist schüchtern und zu Hause sehr frech. Sie tratscht alles, was man ihr erzählt, an ihre Mutter weiter. Aber sie hat eine offene Meinung, und vor allem in der letzten Zeit schätze ich sie sehr.“

Anne lernte Hanneli, die als Hannah Elisabeth Goslar am 12. November 1928 in Berlin zur Welt kam, beim Gemüsehändler kennen, wo ihre beiden frisch emigrierten Mütter einkauften. Im Kindergarten trafen sie sich wieder, und die überraschte Hanneli wurde mit einer stürmischen Umarmung begrüßt. Sie kamen auf die selbe Schule, wechselten gemeinsam aufs Jüdische Lyceum. Über die Kinder lernten sich dann die Eltern Frank und Goslar kennen. Im Hause Goslar ging es im Unterschied zur Familie Frank sehr religiös zu. Der Vater Hans Goslar war Zionist und in Berlin führender Vertreter der Jüdischen Volkspartei, die das liberale Judentum, zu dem sich die Familie Frank bekannte, bekämpfte. Anne durfte Hanneli nur am Sonntag besuchen, nie am Sonnabend, denn da herrschte Sabbatruhe. Und auch sonst beneidete Anne Hanneli wenig. Sie käme nicht zum Lernen, weil sie immer auf ihre kleine Schwester aufpassen müsse, schrieb sie. Ihre Mutter sei stets nervös und gereizt, der Vater zerstreut und abwesend.

Mittwoch, 8. Juli 1942

„Liebe Kitty! Zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist so viel geschehen, als hätte sich plötzlich die Welt umgedreht. Aber, Kitty, du merkst, dass ich noch lebe, und das ist die Hauptsache, sagt Vater. Ja, in der Tat, ich lebe noch, aber frage nicht, wo und wie.“

Was Anne nicht fragt: Wie lange noch? Die Franks versteckten sich vor der drohenden Deportation im Hinterhaus. Sie seien bei der Großmutter in der Schweiz, sagte der Untermieter. Entsprechend traurig war Hannah Goslar, weil sich ihre Freundin nicht von ihr verabschiedet hatte. Annes Bett war abgezogen, aber ihre Katze war noch da.

27. November 1943

„Liebe Kitty! Gestern vor dem Einschlafen stand mir plötzlich Hanneli vor den Augen. Ich sah sie vor mir, in Lumpen gekleidet, mit einem eingefallenen und abgemagerten Gesicht. Ihre Augen waren sehr groß, und sie sah mich so traurig und vorwurfsvoll an, dass ich in ihren Augen lesen konnte: O Anne, warum hast du mich verlassen? Hilf, o hilf mir, rette mich aus dieser Hölle!“

Im Juni 1943, die Mutter war in der Zwischenzeit im Kindsbett gestorben, wurden die Goslars verhaftet, ins Durchgangslager Westerbork gebracht und im Februar 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Dort traf sie Anne Frank wieder.

Das Versteck der Familie Frank war verraten worden, mit dem letzten Zug wurden die Schwestern Anne und Margot Frank nach Auschwitz und anschließend nach Bergen-Belsen transportiert. Über den Zaun sprachen Hanneli und Anne ein letztes Mal miteinander. Margot war schwerkrank und auch Anne hatte keinen Lebensgeist mehr. Sie dachte, der Vater sei schon tot. Im März/Februar 1945 starb zunächst Margot und wenige Tage später Anne. Hannah aber überlebte. Sie und ihre Schwester Rachel wurden nach einer 13-tägigen Fahrt im „Zug der Verlorenen“ in Tröbitz von der Roten Armee befreit. Über die Schweiz emigrierten sie nach Israel, wo sie heute noch leben. Hannah hat in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam und Berlin viele Vorträge gehalten, auch in Schulen von ihrer Zeit mit Anne Frank erzählt.

Sie war regelmäßig Gast in Berlin. Am 9. Juni 2015, als für ihre Eltern Ruth-Judith und Hans im Tiergarten Stolpersteine verlegt wurden, vertraten sie ihre Schwester Rachel sowie ihre Tochter Ruth und ihre Enkelin Tal Meir. Die Familie Goslar wohnte unter der heute nicht mehr existenten Adresse In den Zelten 21a. Der Name der Straße erinnert an die Bewirtungszelte der Flüchtlinge und somit an eine Zeit, in der Berlin Menschen aufnahm und nicht vertrieb. Von den Freundinnen aus dem Ping-Pong-Club überlebten nur Hannah Goslar und Jacqueline von Maarsen, die mehrere Bücher über ihre Zeit mit Anne Frank geschrieben hat. Ilse Wagner wurde ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.