Neu im Kino

Süchte über den Tod hinaus: „The Dead Don’t Die“

Ausgerechnet mit einem Zombiefilm übt Jim Jarmusch, der ewige Außenseiter des US-Kinos, Konsum- und Trump-Kritik. Das geht nicht auf.

Was tun, wenn Zombies eine Kleinstadt bedrohen? Die Polizisten des Ortes (Bill Murray, Chloe Sevigny und Adam Driver, v.l.) sind ratlos.

Was tun, wenn Zombies eine Kleinstadt bedrohen? Die Polizisten des Ortes (Bill Murray, Chloe Sevigny und Adam Driver, v.l.) sind ratlos.

Foto: picture alliance / Universal

Zombies haben keine Lobby. Wer heute in Filmen exzessive Gewalt gegen Frauen, Kinder, Minderheiten oder Tiere vorführt, muss mit Protesten von diversen Seiten rechnen. Aber keiner geht bei Zombies auf die Barrikaden. Selbst wenn die in Scharen und auf unappetitlichste Weise massakriert werden. Das ist ein Grund, warum diese Untoten die Pop- und Filmkultur immer mehr bevölkern.

Klar dient der Zombiefilm dabei immer auch als Nährboden für allerlei Subtexte. Das war schon so, als George A. Romero vor 50 Jahren das Subgenre des Horrorfilms revolutionierte. In unseren heutigen, zunehmend verrohenden Zeiten darf man die Beliebtheit des Genres durchaus als Gesellschaftsphänomen begreifen. Längst ist der Zombie aus der Schmuddelecke des B-Movies getreten und feiert fröhliche Wiederauferstehung auch im Mainstreamkino. Nun aber hat er sogar den Arthouse-Film erreicht.

Erste Einblicke: Hier geht es zum Trailer des Films

Nachdem Jim Jarmusch in „Only Lovers Left Alive“ (2013) schon den Vampirfilm auf seine höchst eigene, unverkennbare Art ausgelotet hat, ist nun in „The Dead Don’t Die“, der im Mai die Filmfestspiele in Cannes eröffnen durfte und jetzt in die Kinos kommt, der Zombiefilm dran. Und die lässt der lakonischste aller Filmemacher auf ein paar seiner treuesten Stars los.

In einem Polizeiwagen sitzen Bill Murray, der große Stoiker, der selten eine Miene verzieht und als Schauspieler eigentlich nur sein Gesicht vermietet, sowie Adam Driver, der auch in Jarmuschs letztem Film „Paterson“ die Hauptrolle spielte. Beide beobachten ungläubig und ohnmächtig die seltsamen Dinge, die in ihrer kleinen Ortschaft vor sich gehen: dass Uhren stehen bleiben, Haustiere verschwinden und schließlich schlimm zugerichtete Leichen gefunden werden.

Ein Auteur in den Niederungen des Genrekinos

Der jüngere Cop ahnt früh, woran das liegen könnte, der Ältere mag an Zombies nicht glauben. Tom Waits kommentiert das alles als Waldschrat aus der Ferne. Und Tilda Swinton, noch ein Star mit Jarmusch-Dauerabo, ist da schon resoluter. Als anämische Bestatterin mit hartem Akzent wirkt sie wie ein Fremdkörper, ein Alien in dem amerikanischen Kaff. Aber wenn die Toten in ihrem Bestattungsinstitut wieder zu zucken beginnen, zieht sie beherzt ihr Samuraischwert. Womit gleich noch eine Volte zu Jarmuschs 20 Jahre altem „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ gezogen wird.

Es hat immer etwas Anmaßendes, Herablassendes, wenn sich ein preisgekrönter Film-Auteur in die Niederungen des Genre-Films begibt, um das auch mal auszuprobieren. „The Dead Don’t Die“ dürfte da künftig als Musterbeispiel dienen. Man muss den Zombiefilm wahrlich nicht ernst nehmen, man kann sich sogar gehörig darüber lustig machen, auch das kann zu interessanten Filmen führen, siehe „Warm Bodies“.

Lauter Spitzen auf alles Übel in der Welt

Bei Jarmusch verkommen die Untoten indes zum Allzwecksymbol für alles, was derzeit schief läuft in der Welt im Allgemeinen und in den USA insbesondere.

Dass die Zeit stehen bleibt und die Toten sich aus ihren Gräbern erheben, liegt daran, dass sich durch aggressives Fracking-Verfahren an den Polen die Erdachse verschiebt und die Welt buchstäblich aus den Fugen gerät. Aha, Öko-Kritik am Raubbau der Erde!

Und wenn die Zombies wiederkehren, morden sie nur nebenbei, sie tun vor allem das, was schon zu Lebzeiten größte Lust und Laster waren. Iggy Pop (den man zum Zombie kaum mehr schminken muss) muss hier ständig „Kaffee, Kaffee“ röcheln, Carol Kane „Chardonnay“. Einige gieren nach diversen Warengütern. Sieh an, Konsum-, Kapitalismuskritik!

Andere rauben aus einem Elektroshop die neuesten Mobiltelefone und tapern damit vor sich her. Das ist vielleicht der schalste Witz in dem an schalen Witzen überraschend reichen Film: Leute, die nur noch auf ihr Smartphone starren und von ihrer Umwelt nichts mitkriegen, werden seit geraumer Zeit als „Smombies“ diffamiert. Hier wird das wörtlich genommen. Daneben gibt es auch noch zahllose Spitzen gegen Rassisten, Waffenliebhaber und Trump-Amerika. Bevor man das Übel mit dem Schlachtruf „Kill the Head“ vom Kopf her beseitigt.

Das hätte eine herrlich überdrehte Satire werden können. Wenn Jarmusch sie nur ernst genommen hätte. Aber die Anspielungen wirken schlaff und plakativ. Wie auch die Pointe, wenn Murray fragt, woher er wisse, dass das schlecht enden werde, und Driver kontert, er habe „das Drehbuch gelesen“. Solch werkimmanente Insiderwitze und Metaebenen über die Filmkultur hat Wes Craven schon in seiner „Scream“-Reihe vor 20 Jahren bis zur Ermüdung durchexerziert.

Der Film ist selbst ein Zombie

Es hat etwas Trauriges, Jarmusch, einem der letzten Verfechter des Arthousefilms und Independent-Kinos, zuzuschauen, wie er schon zum zweiten Mal versucht, auf einer Erfolgswelle mitzusurfen. Einst wurde der Amerikaner, der schon in jungen Jahren durch schlohweißes Haar auffiel, für höchst eigene, eigenwillige Komödien gefeiert, die mit staubtrockenem Humor von nicht sehr schnellen, nicht sehr hellen Figuren handelten. Somnambule Menschen wie nicht von dieser Welt, die irgendwie auch immer etwas Zombie-Haftes hatten, wenn auch ohne die genre-spezifisch mörderischen Grundtriebe.

Aber nun scheint Jarmusch alt geworden, das weiße Haar ist kein Kontrast mehr. Der 66-Jährige irrt auf fremden, ausgetreten Pfaden. Wenn seine üblichen Pseudo-Zombies auf „echte“ Zombies treffen, geht das leider nicht auf. Und die inflationären Anspielungen auf alles und jedes verpuffen im Nichts. Was bissig sein sollte, bleibt zahnlos. Wie schade. Jarmuschs jüngstes Oeuvre ist selbst ein Zombie, das untot und ziellos vor sich hin taumelt, nur machen will, was es immer schon getan hat – und kopflos endet.

Satire USA 2019 92 min., von Jim Jarmusch, mit Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Tom Waits, Iggy Pop.