90. Geburtstag

Harald Juhnke: Ein tragischer Star

Am 10. Juni wäre Harald Juhnke 90 Jahre alt geworden. Keiner wurde so geliebt, aber an keinem hat sich die Nation auch so abgearbeitet.

Er stand für Glamour und Erfolge, aber auch für Abstürze und Skandale: Entertainer und Berliner Urgestein Harald Juhnke.

Er stand für Glamour und Erfolge, aber auch für Abstürze und Skandale: Entertainer und Berliner Urgestein Harald Juhnke.

Foto: Martin Athenstädt / dpa

Was war nicht alles angekündigt zum 90. Geburtstag von Harald Juhnke am 10. Juni. Ein Harald-Juhnke-Konzert sollte es in der Berliner Universität der Künste geben, einen großen Zweiteiler über sein Leben im Fernsehen. Und ein Musical über ihn, ebenfalls, wo auch sonst, in der Stadt, in der er geboren ist, in Berlin.

Doch das Konzert musste kleinlaut wieder abgesagt werden. Weil nicht genug Karten verkauft wurden. Der Fernsehfilm, der zwischendurch schon auf den Herbst des Jahres verschoben wurde, kommt jetzt wohl erst Ende 2020. Weil die Finanzierung noch nicht geklärt ist. Was ein bisschen seltsam anmutet, sitzen bei dem Projekt doch immerhin Oliver Berben und die ARD mit im Boot. Und auch das Musical soll, so Peter Wolf, der bis zu Juhnkes Tod 2005 dessen Manager war, erst nach dem Film in Angriff genommen werden: „Eins nach dem anderen“. Stattdessen laufen im Fernsehen jetzt nur Konserven.

Süchtig nach Alkohol, vor allem aber nach dem Publikum

Das lässt eine traurige Vermutung zu: Hat das Interesse an Juhnke nachgelassen? Ist er gar schon in Vergessenheit geraten? Einst war er einer der ganz wenigen ganz großen Stars der Bundesrepublik. Ein beliebter Schauspieler und Komiker. Ein Allroundtalent, das große Shows wie „Musik ist Trumpf“ mit viel Eleganz und scheinbar ohne Mühe moderierte und damit bis zu 30 Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte. Zu einer Zeit, als das Land nur 60 Millionen Bürger zählte.

Aber die Nation liebte „ihren“ Harald nicht nur für seine eloquente Art, für seine Mischung aus Witz, Schnoddrigkeit und Nonchalance. Sie liebte ihn nicht nur für seine Erfolge im Kino und auf der Bühne und vor allem im Fernsehen – in Sketchparaden wie „Ein verrücktes Paar“, Serien wie „Drei Damen vom Grill“ oder eben der großen Samstagabendshow. Die Nation arbeitete sich auch ab an ihm.

Ein Star, der sich verschenkt hat

Denn wie kein anderer Star, und das war seine Tragik, war Harald Juhnke eine Person des öffentlichen Lebens. Und das nicht nur im Guten, sondern vor allem auch wegen seiner Alkoholsucht und den daraus resultierenden vielen Abstürze, die von der Regenbogenpresse sensationsgierig begleitet wurde.

Juhnke war süchtig. Nicht nur nach Alkohol. Sondern auch nach Rampenlicht, nach Applaus, nach der Liebe des Publikums. Er hat dafür hart und viel gearbeitet, um diese Liebe zu erfüllen, um ihr gerecht zu werden. Er hat sich, wie Katharina Thalbach das kürzlich sehr treffend formuliert hat, „verschenkt“.

Das soll keine Entschuldigung sein. Aber es ist kein Zufall, dass seine größten Abstürze immer nach seinen größten Erfolgen folgten: weil er sich so verausgabt hatte, dass er danach eine „entsetzliche Leere“ in sich fühlte. Die er mit Alkohol zu betäuben suchte. Bis die Neben- zur Hauptsucht wurde.

Lang ist die Liste seiner geplatzten Aufführungen, seiner abgesagten Tourneen und Skandale. Wenn er in Glastische fiel oder im Vollrausch einen schwarzen Wachmann rassistisch beschimpfte. Aber immer wieder rappelte sich Juhnke, der schon mal als „Deutschland öffentlich-rechtlichster Säufer“ diffamiert wurde, wie ein Stehaufmännchen auf.

Immer wieder wurde er totgesagt, immer wieder meldete er sich zurück.

Es war ein seltsames Verhältnis dieses Mannes zu seinem Publikum. Ein Publikum, dass den Mann, der im Arbeiterviertel Wedding groß geworden war, als einen der Ihren sah. Und ihn gerade auch deshalb liebte, weil er fehlbar war. Aber zugleich weidete man sich auch daran, wenn er mal wieder aus der Rolle fiel. Die Quoten, sie waren wohl auch deshalb so hoch. Weil viele wissen wollten, ob er überhaupt noch die Showtreppe runterkam.

Späte Karriere als Charakterschauspieler

Harald Juhnke hieß eigentlich Harry, nach dem Schauspieler Harry Piel und dessen Abenteuerfilmen. Von früh auf war er da, der Vergleich mit großen Stars. Später sollte Juhnke, der sich erst auf der Schauspielschule Harald nannte, weil das seriöser klang – den Großen ihre Stimme leihen, als er Marlon Brando oder Peter Falk synchronisierte. Und sah eine Seelenverwandtschaft zu einem ganz Großen, sah sich als „deutschen Sinatra“ und machte dessen Welthit „My Way“ zu seinem.

Der Alkohol war von Anfang an dabei . 1959, vor 60 Jahren, als Juhnke noch in Unterhaltungsfilmen mitspielte, die er selbst nicht ernst nahm, wurde er vom Landgericht Moabit zu sieben Monaten Haft verurteilt, wegen Trunkenheit am Steuer. Zweieinhalb davon hat er abgesessen, der Rest wurde ihm erlassen. Vor Gericht musste er sich danach nicht mehr verantworten. Statt Juristen sollten sich fortan die Ärzte mit ihm befassen. Und die Medien, die nicht selten meinten, die Rolle von Juristen und Ärzten gleich mit übernehmen zu müssen.

Aber Juhnke ging „his Way“, ging seinen Weg beharrlich weiter. Als „Musik ist Trumpf“ abgesetzt wurde, weil er nicht mehr tragbar war, hat Juhnke noch mal alle überrascht. Als seriöser Schauspieler. Im Kino in „Schtonk“. Auf der Bühne als „Hauptmann von Köpenick“. Und im Fernsehen in der Fallada-Verfilmung „Der Trinker“, wo er natürlich auch sein eigenes Schicksal mitspielte – und selbst die härtesten Kritiker für sich einnahm.

Milchwerbung mit einem Alkoholiker

Aber auch bei solchen Triumphen drohte immer wieder der nächste Absturz. Bis „his Way“ schließlich eine Sackgasse wurde, als er 2001 an Demenz erkrankte und seine letzten Jahre in einem Pflegeheim in Fredersdorf bei Berlin fristete.

Blickt man heute zurück, wundert man sich, wie man damals mit einem wie Juhnke umging. Wie man überhaupt mit dem Problem Suchtkrankheit umging, von der ja alle wussten. Und die doch immer wieder verniedlicht oder als Kavaliersdelikt abgetan wurde.

Der Umgang mit Drogen hat sich in der Gesellschaft seither immens gewandelt. Heute würde kein Fernsehsender einem Entertainer auf Dauer derartige Eskapaden verzeihen. Heute würde auch kein Milchhersteller mehr einen Alkoholiker für sich werben lassen mit Sprüchen wie „Ich trinke immer noch gern – das Zeug“. Und heute wäre das mediale Echo mit all den Shitstorms im Internet weit verheerender und ein Star mit solchen Ausfällen längst ein Paria.

Mag sein, dass auch deshalb das Interesse an Juhnke nachgelassen hat. Vielleicht hat die Nation ihr schlechtes Gewissen, ihre Teil-Mitschuld an diesem traurigen Schicksal verdrängt. Vielleicht ist Juhnke inzwischen aber auch wirklich einfach vergessen. Als einer, der einer TV-Steinzeit angehörte, in der eine Showtreppe noch die Welt bedeutete.