Literatur

Gottfried Benn und seine bislang unbekannte Geliebte

Von ehelicher Treue hielt Gottfried Benn nicht viel. Ein neues Buch dokumentiert seine Liebe zur Journalistin Gerda Pfau

Gottfried Benn in seiner Berliner Wohnung, 1955.

Gottfried Benn in seiner Berliner Wohnung, 1955.

Foto: Franz Hubmann / picture-alliance / IMAGNO

Man muss in den Schriften Gottfried Benns nicht allzu lange suchen, um Spuren eines irritierenden Frauenbildes zu finden. „Eine Frau ist etwas für eine Nacht / Und wenn es schön war, noch für die nächste“, heißt es etwa im expressionistischen Gedicht „D-Zug“ aus dem Jahr 1912. Die Frau als Objekt, vorzugsweise als sexuell zu gebrauchendes: Dieses Motiv findet sich bei Benn auch in Texten, für die der Bonus des Fiktiven nicht angerechnet werden kann. 1954, 42 Jahre nach dem D-Zug-Gedicht, schreibt er an die von ihm hartnäckig umworbene Astrid Claes: „Man liegt vor einer Frau nicht Tag und Nacht auf den Knien und murmelt zu ihr Gebete empor, eine Frau ist ein Gegenstand.“

Doch wie es so häufig ist: Je genauer man hinsieht, umso vieldeutiger wird das Bild. Den chauvinistischen Parolen des Dichters stehen zugewandte, liebevolle, auch selbstlose Briefe an die Frauen gegenüber, denen er zugetan war. „Benns Frauenbild war ambivalent, es war mal reaktionär, mal ordinär, dann beinahe modern“, schreibt Uwe Lehmann-Brauns in seinem lesenswerten Buch „Benns letzte Lieben“: „Er pflegte mit vielen klugen Frauen, angefangen mit Else Lasker-Schüler, Ina Seidel, Margret Boveri einen kontinuierlichen intellektuellen Austausch. Aber er bevorzugte eine andere: ‘Die nichtintellektuelle Frau - sie ist ja viel reizvoller als die überkluge, die wickelt die dummen Männer viel eher um den Finger, als es eine gelehrte kann. Männer wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern wo ganz anders.“

Die Frauen waren deutlich jünger

Seine Sehnsucht nach gleich welcher Berührung schien jedenfalls grenzenlos. Die außerehelichen Umtriebe des späten Gottfried Benn bilden in der Literatur über diesen großen Lyriker fast schon ein eigenes Genre. Im Jahr 2001 erschien der Briefwechsel „Hernach“, der die Beziehung zur 35 Jahre jüngeren Schriftstellerin Ursula Ziebarth dokumentierte. Nur ein Jahr später erschien eine Edition des schriftlichen Austausches mit Astrid Claes, die ihrerseits noch einmal gute sechs Jahre jünger als Ursula Ziebarth war und von Benn mit vielen koketten Schmeicheleien bedacht wurde. In seinen Briefen an den Freund, den Bremer Kaufmann Friedrich Oelze, protokollierte Benn noch viele weitere Seitensprünge. Die Frauen, zuallererst seine bis zuletzt loyale Ehefrau Ilse, belog er einfach, wenn es brenzlig wurde und alles aufzufliegen drohte - oder er verharmloste seine Affären schulterzuckend zu flüchtigen Bekanntschaften.

Wie sehr er sich in Anbahnung und Ausführung seiner Liebschaften an erprobte Rezepte hielt lässt sich anhand von Uwe Lehmann-Brauns’ Buch „Benns letzte Lieben studieren“, das kürzlich im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist. Es ist deshalb besonders interessant, weil es den Fokus auf eine Frau richtet, die von Benns Biografen bislang vernachlässigt wurde.

Große Diskretion

Sie war Kulturjournalistin beim „Tagesspiegel“, hieß Gerda Pfau und war 30 Jahre jünger als Benn. Sie wohnte in der Reichsstraße in Westend, wo Benn sie gern besuchte - seine eigene Wohnung im Bayerischen Viertel kam ja wegen Ilse nicht in Frage. Lehmann-Brauns hat Gerda Pfau als CDU-Politiker kennengelernt. Als der Senat 1986 in Grunewald einen Empfang anlässlich des 30. Todestags von Gottfried Benn veranstaltete, war neben der Witwe Ilse und der Tochter Nele auch sie dabei. Sie übergab ihm auch die Briefe, die ihr Gottfried Benn von 1955 bis kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Sie sind in diesem Buch, zum Teil im Faksimile, dokumentiert. Zusätzlich bietet es noch einen Essay, der das unübersichtliche Privatleben des Dichters ordnet, ohne dabei voyeuristisch zu sein.

Emotionale Schwankungen

Auch verdanken wir es Gerda Pfaus Diskretion, dass hier vieles im Vagen bleibt. Von ihr ist nichts Schriftliches erhalten, auch wollte sie Lehmann-Brauns zu vielem keine näheren Auskünfte geben. Allein der Wechsel der Anrede in den Briefen Benns an sie lässt aber erkennen, wie sehr er sich zu ihr hingezogen gefühlt haben muss. Wie schon in den Briefen an Ursula Ziebarth, die Benn wechselweise „Engelchen“, „süßes Menschlein“ oder „mein Pony“ adressierte, finden sich hier Formulierungen wie „Gerdachen“, „Kindchen“ und - naheliegenderweise - auch „Pfauchen“. Im Widerspruch zu diesem einladenden Ton stehen Distanzierungssignale, die entweder im Alter begründet liegen („Ich habe das Bedürfnis, ganz allein und für mich zu sein“) oder mit Bedürfnissen der jungen Frau zu tun haben, von denen Benn offenbar nicht allzu viel wissen will („Ich sehe mich vor Schwierigkeiten, denen ich kaum gewachsen bin.“)

Ilse hatte genug

So sehr sich Benn selbst als Hasardeur des Herzens gesehen haben mag und so sehr er sich wohl in der Pose unstillbarer Sehnsucht gefiel – ihm fehlte doch der Großmut, dasselbe auch den Frauen zuzugestehen, mit denen er zu tun hatte. Bei Oelze beklagte er sich bitterlich, als Ehefrau Ilse irgendwann genug von seinen auswärtigen Eskapaden hatte und sich unklaren Freizeitaktivitäten hingab. Eine ähnlich laut pochende Verlustangst spricht aus seinen Briefen an Gerda Pfau, sobald sein „Gerdachen“ nicht mehr jederzeit zur Verfügung steht („Dein Telefon ist wohl gestört?“). Benn, so scheint es, wusste genau, was er den Frauen antat - und hatte Angst, dasselbe durchmachen zu müssen. Das trägt vielleicht nicht zur Ruhmesmehrung eines Dichters bei, dem wir einige der schönsten Verse des 20. Jahrhunderts verdanken. Aber es lässt ihn menschlicher erscheinen.

Uwe Lehmann-Brauns: Benns letzte Lieben. Mit Originalbriefen von Gottfried Benn. Verbrecher Verlag, 111 Seiten, 24 Euro.